Dienstag, 26. Februar 2013

Appetite for Change



Es gibt doch tatsächlich geschichtswissenschaftliche Bücher, die man nicht mit leerem Magen lesen sollte – denn sie machen Appetit. (So wie man einen Großteil der gegenwärtigen belletristischen Produktion nicht mit vollem Magen lesen sollte, denn er hat den umgekehrte Effekt.) Als Entscheidungshilfe für die Wahl des richtigen Mittagstischs kann man Maren Möhrings Habilitationsschrift über die ausländische Gastronomie dennoch nicht ansehen: Das Potpourri, das sie für den Leser ausbreitet,  ist einfach zu breit gefächert, als dass es ihm die Wahl erleichterte.

Und neben einer knusprig mediterranen Pizza, einem gepflegt jugoslawischen Grillteller oder einer süß-sauren Peking-Ente sollte man das Buch auch nicht lesen; es ist weniger ein kulinarischer Schmöker als vielmehr eine fundierte Analyse darüber, wie der Deutsche lernte, fremde Speisen zu goutieren (ohne darüber direkt zum liberalisierten Multikulturalisten zu werden, wie die durchaus zu teilende Pointe Möhrings sich durch das gesamte Buch zieht). Die Pasta beim Italiener in Tatgemeinschaft mit süßlichen Caprifischerklängen und Bella-Roma-Fotografien an den Wänden als Urlaub im Kleinformat – so stellt sich der Besuch in der Pizzeria zunächst in den Großstädten, bald aber auch schon in kleineren Städten, ja gar auf Dörfern in der Bundesrepublik dar. Der gewiefte Kleinunternehmer versteht es, sich diese zugeschriebene Ethnisierung zu eigen zu machen, und durch Selbst-Ethnisierung noch zu verstärken – alles, um den Ansprüchen des Gastes gerecht zu werden.

Balkanstuben, Pizzerien und  Döner-Imbisse zum Thema einer breit angelegten historischen Studie zu machen verdient allein schon die Verleihung eines goldenen Kochlöffels für die Autorin – wenn dies auch noch theoretisch derart überzeugend und argumentativ derart differenziert erfolgt wie bei Möhring, so kommen gleich noch ein paar Michelin-Sterne hinzu. Ihrer  Grundthese folgend, dass die Verbreitung ausländischer Gastronomie nur unter Berücksichtigung zweier Phänomene von Massenmobilität zu beschreiben ist (sowohl des Massentourismus der westdeutschen Nachkriegsgeschichte als auch der Anwerbung von vor allem südeuropäischen Arbeitskräften), kann Möhring sich mit ihrer Studie sowohl in der Migrationsgeschichte der Bundesrepublik – die augenblicklich und endlich Fahrt aufzunehmen scheint – aufstellen, als auch der Konsumgeschichtsschreibung interessante Aspekte hinzufügen.

Kulinarische Moden sind der Ausdruck sich verschiebener Machtverhältnisse, so eine weitere, überzeugend begründete These Möhrings. Und so waren es zunächst vor allem Studenten und Künstler, die mit (notorisch) geringem ökonomischen Kapital ausgestattet dafür aber bis zum Zerberstens angefüllt mit kulturellem Kapital die ausländische Gastronomie für sich entdeckten und hier eine größtmögliche Distinktion zu allem deutsch-(gut-)bürgerlichen auszumachen glaubten. Der appetite for change der Gegenkultur hat in Pizzeria und Co. sein libertäres Habitat gefunden.

 In diesem Sinne: Guten Appetit!

Rezension zu: Maren Möhring, Fremdes Essen. Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland, München 2012.

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