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Dienstag, 22. April 2014

Tante Emma hat ausgedient - König Kunde bedient sich selbst!

Vor den Osterfeiertagen konnte man sie wieder einmal beobachten: Lange Schlangen an den Supermarktkassen. Kleine Kinder, die mit schon rot verweintem Gesicht nach den verkaufspsychologisch durchdacht platzierten Süßwaren quengeln, den schimpfenden Herren, der sich über die langsame Abfertigung mokiert, und die ältere Dame, die sich die Münzen von der Kassiererin aus ihrem Portemonnaie suchen lässt und dabei von früher erzählt. Und während man darauf wartet, den eigenen bescheidenen Einkau bezahlen zu dürfen, fragt man sich, welcher Innovationen und Lernprozesse es bedurfte, damit es gegenwärtig derart diszipliniert und routiniert abläuft im Flaggschiff des Lebensmitteleinzelhandels.

Mit ihrer nun veröffentlichten Dissertation „Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland“ lässt Lydia Langer uns mit derartigen Gedanken nicht allein, sondern bereitet sie quellengesättigt und theoriestark auf - und leistet so einen fundamentalen Beitrag sowohl zur westdeutschen Konsum- als auch zur Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte des bundesrepublikanischen Einzelhandels. Am Beginn der Arbeit steht dabei die Verwunderung darüber, dass ein derart umfassender, ja „revolutionärer“ Prozess, wie die Einführung der Selbstbedienung, die nicht nur von Ladendesignern und Einzelhändlern, sondern auch von Personal und Kunden, ein völlig neues Verständnis des Einkaufs erforderte, vergleichsweise konfliktfrei hat verlaufen können. Zwar gab es auf allen Ebenen immer wieder Widerstände gegen die Selbstbedienung, letztlich verhindert werden konnte sie nicht, und sobald sie akzeptiert wurde, folgten ihre weitreichenden Strukturveränderungen im Einzelhandel auf dem Fuße: Vom kleinformatigen Lebensmittelladen, über den Supermarkt hin bis zum überdimensionierten Verbrauchermarkt auf der grünen Wiese innerhalb von zwanzig Jahren!

Langer gelingt es ihr umfangreiches Material geschickt aufzubereiten; ihre grundlegende Frage ist, welches Wissen von den verschiedenen Akteuren benötigt wird, um kompetent mit der Selbstbedienung umgehen zu können, auf welchen Wegen dieses Wissen erworben wurde und wer die Übertragungsinstanzen für dieses Wissen waren. Daraus entwickelt sie die These, dass man keinesfalls von einer reinen Übernahme US-amerikanischer Muster sprechen könne, sondern dass sich eine spezifisch (west-)deutsche Form des Selbstbedienungseinzelhandels entwickelt habe. Diese These ist sicher ebenso richtig, wie sie allgemein auch schon vor Langers quellenreicher Arbeit (z.B. von Schröter) formuliert wurde. 

Was mir fehlt, ist jedoch die genaue Darstellung dessen, welche nun die spezifisch deutschen Elemente dessen sind, was wir heute im Supermarkt beobachten können. Auch erscheint mir die Zäsur 1973 als Endpunkt der Studie nicht hinreichend begründet: War dieses Jahr, das augenblicklich gerne zur generellen Zäsur innerhalb der Zeitgeschichte stilisiert wird, auch für den Einzelhandel derart bedeutsam, dass davon ausgegangen werden kann, dass damit die „Revolution“ (die immerhin ohne Fragezeichen im Titel steht) als abgeschlossen gelten kann? Genügt der quantitative Befund, dass von da an ein Großteil der westdeutschen Einkäufe in Selbstbedienung getätigt wurden?

Rezension zu: Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln 2013 (= Kölner Historische Abhandlungen 51).

Dienstag, 26. Februar 2013

Appetite for Change



Es gibt doch tatsächlich geschichtswissenschaftliche Bücher, die man nicht mit leerem Magen lesen sollte – denn sie machen Appetit. (So wie man einen Großteil der gegenwärtigen belletristischen Produktion nicht mit vollem Magen lesen sollte, denn er hat den umgekehrte Effekt.) Als Entscheidungshilfe für die Wahl des richtigen Mittagstischs kann man Maren Möhrings Habilitationsschrift über die ausländische Gastronomie dennoch nicht ansehen: Das Potpourri, das sie für den Leser ausbreitet,  ist einfach zu breit gefächert, als dass es ihm die Wahl erleichterte.

Und neben einer knusprig mediterranen Pizza, einem gepflegt jugoslawischen Grillteller oder einer süß-sauren Peking-Ente sollte man das Buch auch nicht lesen; es ist weniger ein kulinarischer Schmöker als vielmehr eine fundierte Analyse darüber, wie der Deutsche lernte, fremde Speisen zu goutieren (ohne darüber direkt zum liberalisierten Multikulturalisten zu werden, wie die durchaus zu teilende Pointe Möhrings sich durch das gesamte Buch zieht). Die Pasta beim Italiener in Tatgemeinschaft mit süßlichen Caprifischerklängen und Bella-Roma-Fotografien an den Wänden als Urlaub im Kleinformat – so stellt sich der Besuch in der Pizzeria zunächst in den Großstädten, bald aber auch schon in kleineren Städten, ja gar auf Dörfern in der Bundesrepublik dar. Der gewiefte Kleinunternehmer versteht es, sich diese zugeschriebene Ethnisierung zu eigen zu machen, und durch Selbst-Ethnisierung noch zu verstärken – alles, um den Ansprüchen des Gastes gerecht zu werden.

Balkanstuben, Pizzerien und  Döner-Imbisse zum Thema einer breit angelegten historischen Studie zu machen verdient allein schon die Verleihung eines goldenen Kochlöffels für die Autorin – wenn dies auch noch theoretisch derart überzeugend und argumentativ derart differenziert erfolgt wie bei Möhring, so kommen gleich noch ein paar Michelin-Sterne hinzu. Ihrer  Grundthese folgend, dass die Verbreitung ausländischer Gastronomie nur unter Berücksichtigung zweier Phänomene von Massenmobilität zu beschreiben ist (sowohl des Massentourismus der westdeutschen Nachkriegsgeschichte als auch der Anwerbung von vor allem südeuropäischen Arbeitskräften), kann Möhring sich mit ihrer Studie sowohl in der Migrationsgeschichte der Bundesrepublik – die augenblicklich und endlich Fahrt aufzunehmen scheint – aufstellen, als auch der Konsumgeschichtsschreibung interessante Aspekte hinzufügen.

Kulinarische Moden sind der Ausdruck sich verschiebener Machtverhältnisse, so eine weitere, überzeugend begründete These Möhrings. Und so waren es zunächst vor allem Studenten und Künstler, die mit (notorisch) geringem ökonomischen Kapital ausgestattet dafür aber bis zum Zerberstens angefüllt mit kulturellem Kapital die ausländische Gastronomie für sich entdeckten und hier eine größtmögliche Distinktion zu allem deutsch-(gut-)bürgerlichen auszumachen glaubten. Der appetite for change der Gegenkultur hat in Pizzeria und Co. sein libertäres Habitat gefunden.

 In diesem Sinne: Guten Appetit!

Rezension zu: Maren Möhring, Fremdes Essen. Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland, München 2012.

Montag, 25. Februar 2013

Einen vom Pferd erzählen...




Zeitgeschichtliches Wissen kann nie schaden – sowohl im politischen Diskurs als auch beim Kneipenabend: Man fühlt sich doch immer ein Stückchen besser informiert und wenn die Stimmung im Schwinden begriffen ist, kramt man irgendwo aus der Kleinhirnrinde etwas Gelesenes hervor, und belebt das gesellige Beisammensein wieder. (Oder gibt ihm den Todesstoß, ganz nach Temperament und Art des Berichteten.)

In Zeiten, in denen nicht nur die Ernährung an sich geschichtswissenschaftlich erforscht wird, sondern sie in vielen Fällen selbst schon eine lange Geschichte hinter sich hat, bevor sie auf unserem Teller landet, sollte man sich doch einmal Fragen, wo die Wurzel gegenwärtiger Skandale zu suchen ist. Der Reflex, dass wir alle die willenlosen Opfer der allmächtigen Nahrungsmittellobby sind, ist ebenso angebracht wie diskussionswürdig, und um eben diesen soll es hier nicht gehen. Die Frage, warum ausgerechnet Pferdefleisch (und nicht etwa Bisamratte oder Känguru) in Rindfleischprodukten landete, beantwortet er nur ungenügend. Weil es billig ist – auch diese Erwiderung verlagert die Suche nach der Antwort nur eine Stufe weiter zurück. Warum ist Pferdefleisch in Rumänien nun so preiswert? Ein Blick in Tony Judts fulminante Studie zur europäischen Nachkriegsgeschichte schafft Abhilfe:

"Der Benzinverbrauch [in Rumänien] wurde auf ein Minimum eingeschränkt. 1986 wurde ein Pferdezuchtprogramm eingeführt, um einen Ersatz für Motorfahrzeuge zu schaffen. Pferdekarren avancierten zum wichtigsten Transportmittel [...]." (Tony Judt, Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, München 2006.)

Nun geht es selbst in Rumänien mit dem vormodernen Transportwesen nicht unbeschränkt weiter in Richtung postceausescusche Zukunft, nein inzwischen hat das Automobil Einzug gehalten, die Pferde werden überflüssig, ja lästig und von den Straßen verdrängt. Die Tourismusindustrie ist noch nicht so weit, als dass alle ausgedienten Rappen auf Ferienbauernhöfen ihr Gnadenbrot verzehren dürften, und so war irgendwann Schluss mit dem römisch-dekadenten Wiederkäuen der arbeitslos gewordenen Transportnostalgiker.


Woran der Westen nun würgt, ist also noch immer die totalitäre Vergangenheit seiner östlichen Nachbarn (südeuropäisch verbrämt zur besseren Verdaulichkeit).