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Freitag, 3. Januar 2014

„Alles besagt etwas“. Zu Karl Schlögels neuem Essayband "Grenzland Europa"

„Alles besagt etwas“ - was in einem der hier versammelten Essays eher nebenher gesprochen daherkommt, und trotz dieser scheinbaren Nebensächlichkeit nichts von seiner apodiktischen Schärfe einbüßt, kann gleichsam auch als Schlögels Forschungsprogramm gelten. Dieses „Alles“ findet sich eben nicht nur dort, wo man es vermutet, wo man für gewöhnlich nach nach dem Geschichtsträchtigem sucht, sondern überall; es verwundert deshalb auch nicht, wenn Schlögel insbesondere mit den Transformationsstudien hart ins Gericht geht, die ihrerseits kopflastig nach Veränderungen im System suchten, die kleinen, alltäglichen Wandlungen darüber aber nicht zu sehen vermochten und so nur zu wenig validen und vor allem substanzlosen Beiträgen gelangten.

Schlögel hingegen, der unermüdliche Flaneur durch Zeiten und Räume (insbesondere Osteuropas), geht genau dorthin, wo sich diese Wandlungen zuerst bemerkbar machten; und mit der ihm eigenen Sprachmagie gesegnet gelingt es ihm beinahe spielerisch den Leser auf diese Zeit-Reisen mitzunehmen. Man folgt ihm gerne, betrachtet staunenden Blicks die Polenmärkte Ende der 1980er Jahre in Berlin und anderswo in Osteuropa, wundert sich mit ihm über die Warenströme von Bernstein aus dem Baltikum bis Plastikwaren aus China, begibt sich in die Abflughallen osteuropäischer Flughäfen, in denen Destinationen angeschlagen stehen, die selbst dem Kenner – und als solchen gibt sich Schlögel nicht immer uneitel zu verstehen – unbekannt sind, und lernt so vieles über eine Europäisierung von unten jenseits des virulenten Krisendiskurses.

Genau diese Verwunderung vermag Schlögel produktiv zu wenden, aus seiner Irritation gewinnt er den Willen zum Verständnis dessen, was geschah. Man kann sich nur vorstellen, wie Schlögel Seite um Seite in seinem Notizbuch füllend durch Städte reist, am heimischen Schreibtisch die Aufzeichnungen mit zuvor gemachten Beobachtungen vergleicht und aus den so diagnostizierten Unterschieden Narrative bildet. Den dezent nostalgischen Blick auf das grenzenlose Europa vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs kontrastiert Schlögel gekonnt mit den gegenwärtigen Entwicklungen Europas; für bahnbrechende Errungenschaften des Europäisierungsprozesses hat er zuweilen nur ein wohlwollend-müdes Lächeln übrig. So weit waren wir doch schon mal, vor nunmehr mehr als hundert Jahren....

Sympathisch sind auch die wiederholt eingestreuten Splitter aus der eigenen vierzigjährigen Forschungstätigkeit; Schlögel beweist sich nicht nur als begnadeter Erzähler der Geschichte, sondern auch als vorbildlicher autobiographischer Aphoristiker, dem es gelingt, aus dem eigenen Erleben die Quintessenz von Strukturen, Ereignissen und Zäsuren deutlich zu machen. Jedem, der das überprüfen möchte, seien die Szenen ans Herz gelegt, in denen Schlögel den Aufwand für das Versenden seiner gesammelten Bücher aus der Sowjetunion in die Heimat schildert.

Gerade diese kurzen Episoden lassen den Leser hoffen, dass Schlögel die Zeit finden möge, aus diesen kurzen Beschreibungen einmal ein größeres autobiographisches Werk zu verfassen.


Rezension zu: Karl Schlögel, Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München 2013.

Montag, 25. Februar 2013

Einen vom Pferd erzählen...




Zeitgeschichtliches Wissen kann nie schaden – sowohl im politischen Diskurs als auch beim Kneipenabend: Man fühlt sich doch immer ein Stückchen besser informiert und wenn die Stimmung im Schwinden begriffen ist, kramt man irgendwo aus der Kleinhirnrinde etwas Gelesenes hervor, und belebt das gesellige Beisammensein wieder. (Oder gibt ihm den Todesstoß, ganz nach Temperament und Art des Berichteten.)

In Zeiten, in denen nicht nur die Ernährung an sich geschichtswissenschaftlich erforscht wird, sondern sie in vielen Fällen selbst schon eine lange Geschichte hinter sich hat, bevor sie auf unserem Teller landet, sollte man sich doch einmal Fragen, wo die Wurzel gegenwärtiger Skandale zu suchen ist. Der Reflex, dass wir alle die willenlosen Opfer der allmächtigen Nahrungsmittellobby sind, ist ebenso angebracht wie diskussionswürdig, und um eben diesen soll es hier nicht gehen. Die Frage, warum ausgerechnet Pferdefleisch (und nicht etwa Bisamratte oder Känguru) in Rindfleischprodukten landete, beantwortet er nur ungenügend. Weil es billig ist – auch diese Erwiderung verlagert die Suche nach der Antwort nur eine Stufe weiter zurück. Warum ist Pferdefleisch in Rumänien nun so preiswert? Ein Blick in Tony Judts fulminante Studie zur europäischen Nachkriegsgeschichte schafft Abhilfe:

"Der Benzinverbrauch [in Rumänien] wurde auf ein Minimum eingeschränkt. 1986 wurde ein Pferdezuchtprogramm eingeführt, um einen Ersatz für Motorfahrzeuge zu schaffen. Pferdekarren avancierten zum wichtigsten Transportmittel [...]." (Tony Judt, Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, München 2006.)

Nun geht es selbst in Rumänien mit dem vormodernen Transportwesen nicht unbeschränkt weiter in Richtung postceausescusche Zukunft, nein inzwischen hat das Automobil Einzug gehalten, die Pferde werden überflüssig, ja lästig und von den Straßen verdrängt. Die Tourismusindustrie ist noch nicht so weit, als dass alle ausgedienten Rappen auf Ferienbauernhöfen ihr Gnadenbrot verzehren dürften, und so war irgendwann Schluss mit dem römisch-dekadenten Wiederkäuen der arbeitslos gewordenen Transportnostalgiker.


Woran der Westen nun würgt, ist also noch immer die totalitäre Vergangenheit seiner östlichen Nachbarn (südeuropäisch verbrämt zur besseren Verdaulichkeit).