Thomas Rohkrämer macht mit seinem neuen Buch über die "fatale Attraktion des Nationalsozialismus" eines deutlich - wie man trotz einer wichtigen und interessanten Fragestellung ein Buch schreiben kann, dessen es nicht bedurft hätte. Liegt es daran, dass der Autor mit einer schier nervtötenden Penetranz seine eigene Wortschöpfung immer wieder auftischt, auf dass man sie dann auf jeden Fall bei nächstmöglicher zitieren möge. (Dass sie dazu noch grammatikalisch windschief ist, geht es doch Rohkrämer mehr um "fatale Attraktivität" des Nationalsozialismus und nicht um "Attraktionen", sei nur am Rande bemerkt.); sei es, dass er trotz dieser neuerlichen Begrifflichkeit nichts Neues zu sagen weiß - in jedem Fall fragt man sich schon, ob es dieser gut 330 Textseiten bedurft hätte, welchen Erkenntnisgewinn man bei sich selbst verzeichnen kann und was nun genau Rohkrämers Thesen sind, die die historische Forschung zum Nationalsozialismus voranbringen sollen.
Dieser unbefriedigende Eindruck ergibt sich vor allem daraus, dass Rohkrämer zwar in guter wissenschaftlicher Manier in der Einleitung die Studien und Forschungsrichtungen zum Nationalsozialismus benennt, von denen er sich mit seiner eigenen Arbeit abzusetzen gedenkt - was dann im Hauptteil folgt, ist allerdings nichts anderes als die wenig inspirierte Wiedergabe eben genau dieser Arbeiten (zuweilen noch in nervtötend flapsiger Sprache, in der aus "Villen" "Villas" werden und immerzu "gemeckert" wird, als gäbe es dafür kein weniger umgangssprachliches Wort).
Alys Ansatz sei zu materialistisch, Kershaw beziehe sich zu ausschließlich auf Hitler und den um ihn herum konstruierten Mythos und auch die augenblicklich florierende Volksgemeinschaftsforschung (deren innovatives Potential durchaus auch in vielen Punkten fraglich ist) reicht Rohkrämer ebenfalls nicht - so liest sich jedenfalls seine Einleitung. Und was bekommen wir dann zu lesen? Eine Kurzfassung der Forschungen Kershaws; einen Überblick über die materiellen Versprechen an die "Volksgenossen"; Darstellungen über die freudige Einpassung in die "Volksgemeinschaft", die nicht nur Versprechungen macht, sondern auch Forderungen an den einzelnen stellt. Alles abgeschmeckt mit ein wenig Benjamin und dessen (durchaus überzeugender) These von der "Ästhetisierung der Politik", die im Nationalsozialismus neue Früchte getragen hat. Auch das ist nicht neu, den "schönen Schein" des Nationalsozialismus haben uns schon andere hinter dem dunklen Schleier der Massenverbrechen hervorgeholt.
Um positiv zu schließen, kann man Rohkrämer attestieren, eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der Forschungen zum Nationalsozialismus als "Zustimmungsdiktatur" geliefert zu haben - mehr nicht. Dies ist durchaus einen anerkennenswerte Leistung, wenn nicht die Versprechungen in der Einleitung auf mehr hindeuteten. Dass darüber hinaus die Quellenauswahl wenig innovativ ist - von Tagebuchaufzeichnungen über Memoiren bis hin zu den Abhörprotokollen, die von Neitzel und Welzer analysiert wurden, alles nur immer wieder zitiertes und bekanntes Material -, fügt sich ins insgesamt wenig überzeugende Gesamtbild.
Rezension zu: Thomas Rohkrämer, Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Über die Popularität eines Unrechtsregimes, Paderborn 2013.
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Dienstag, 16. September 2014
Quo Vadis NS-Forschung: Volksgemeinschaft, Hitlermythos oder doch "fatale Attraktion"?
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Sonntag, 31. August 2014
Ruf aus der Gruft. Zu Hans-Ulrich Wehlers Essayband "Die Deutschen und der Kapitalismus"
Seinem Freund und Generationsgenossen Habermas entsprechend, der mit seinen immer wieder in Buchform zusammengefassten "Kleinen Schriften" kürzere Beiträge zum Zeitgeschehen publiziert, ist es auch bei Wehler gute Tradition, dass seine verstreut erschienenen Beiträge in regelmäßigen Abständen gebündelt erscheinen. Was der C.H.-Beck-Verlag in Wehlers Todesjahr nun publiziert ist Wehler at his best - und at his worst!
Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.
Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!
Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.
Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!
Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.
Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.
Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.
Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!
Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.
Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!
Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.
Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.
Freitag, 18. Juli 2014
„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg
Überraschend war wohl nur der große
Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt,
Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die
unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot,
war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein
amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten
Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein
paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.
Ist die politikwissenschaftliche
Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag
sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten,
aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt
Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch
vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu
bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten,
sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch
eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen.
Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen
Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass
zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was
Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen
mitzuteilen haben.
Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt
Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19.
Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon
gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da
stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch
über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig
blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die
überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter)
viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der
Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die
diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation
technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht
vor, oder zumindest aber zu kurz.
Warum die Soldaten nicht aufhörten zu
kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen
Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich
gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich
argumentierende These, dass man die Perspektive der
Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht
außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert
(was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie
widerlegen zu müssen).
Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl
in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu
können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben
den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung
mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft
das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien.
Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das
wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des
Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards
Studie ist.
Dienstag, 29. April 2014
Auf Stimmungenfang. Ulrike Edschmids Roman "Das Verschwinden des Philip S." (Aktion: Blogger schenken Lesefreude)
Während die akademische
Geschichtsschreibung sich schwer damit tut, Stimmungen einzufangen –
der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat erst in seiner
aktuellen Arbeit zur Latenz einen theoretisch begründeten Anfang zu
ihrer möglichen wissenschaftlichen Analyse gemacht –, so hat die
in aus der Zeitgeschichte ihre Themen beziehende Literatur hier einen
klaren Vorteil. Sie muss sich weniger um Quellen und die Frage der
empirischen Überprüfbarkeit stellen, ihre Plausibilität ergibt
sich aus der erzählten Fabel und der dazu verwendeten erzählerischen
Mittel.
Autobiographisch fundierte Literatur
nimmt dazu noch die Autorität des Zeitzeugen für sich in Anspruch.
Wenigen Romanen gelingt es wohl derart überzeugend eben die
Stimmungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre so überzeugend
einzufangen – und darzustellen – wie Ulrike Edschmid in ihrem
Buch „Das Verschwinden des Philip S.“ Einzig Uwe Timms „Heißer
Sommer“ ist darin eventuell noch vergleichbar, im Gegensatz zu
Timms Erzählhaltung, der sich mit gekonnter Ironie im Erzähmodus
der Komödie bewegt, ist bei Edschmid wenig Komisches oder Ironie zu
finden.
Edschmid lässt den Leser eine Tragödie
nachvollziehen. Den Weg des Filmstudenten Philip S. Von formalen
Experimenten auf der Leinwand und privaten Aufbrüchen mit dem Ziel einer
Neugestaltung von Familienleben und Kindererziehung hin zum
Terrorismus der 1970er Jahre. Äußerst überzeugend gestaltet
Edschmid dabei die Position der (wiederum autobiographisch) gefärbten
Ich-Erzählerin, die diesen Weg zunächst mitgeht, irgendwann jedoch
– vor allem in Sorge um das eigene Kind – aus der Gewaltspirale
ausbricht und nur noch beobachten kann, wie Philip S. den Gang in die
Illgelität antritt und letztlich in einer Schießerei mit Polizisten
stirbt.
Mit Nostalgie für die Aufbruchjahre
der 1960er und mit zunehmendem Unverständnis darüber, was daraus
folgte, beschreibt Edschmid den Abschied ihres Lebensgefährten aus
dem vermeintlich richtigen Leben im so empfundenen falschen um sie
herum. Die entsprechenden zeitgeschichtlichen Ereignisse, die die
Radikalisierung der späten 1960er Jahre bedingten, werden benannt
(die Erschießung Ohnesorgs, die Schlacht am Tegeler Weg etc.), die
entsprechenden zeithistorischen Personen treten auf (wobei auffällt,
dass z.B. Rudi Dutschke nie beim Namen genannt, sondern nur als
„Studentenführer“ deklariert wird, eine Zuschreibung, die er
selbst – auch wortwörtlich – immer wieder für sich abgelehnt
hat) und die Stimmung dieser Zeit wird, jedenfalls für jemanden, der
sie nicht miterlebt, sondern nur aus der Forschung und aus
zeitgenössischen Berichten kennt, sowohl faktisch überzeugend als
auch stilistisch gekonnt dargestellt. Dabei fällt vor allem
Edschmids gelungene Beschreibung der Verflechtungsgeschichte der
Studentenbewegungen der Bundesrepublik und Italiens auf, die erst
seit kurzer Zeit auch Teil einer wissenschaftlichen Beschäftigung
mit dieser Zeit ist (Vgl. die Habilitation von Petra Terhoeven).
Edschmids Roman ist ein Buch, das für
jeden zu empfehlen ist, der sich mit der bundesrepublikanischen
Zeitgeschichte beschäftigt und der nach den Gründen für den
Terrorismus der 1960er Jahre fragt. Dass Edschmid – die nicht nur
als Chronistin, sondern auch als Beteiligte – die Ursache vor allem
bei einer Überreaktion der staatlichen Stellen zu Beginn des
kulturellen Aufbruchs sieht, der Terrorismus von RAF und den
vergleichbaren Gruppen so nur eine ebenfalls gewaltsame Reaktion auf
Hausdurchsuchungen, Überwachungen, Beschlagnahmungen und Festnahmen erscheint, macht ihr Buch auch zu einem Thesenroman, über dessen
Grundannahmen diskutiert werden kann und muss. Sollten weitere
Diskussionsbeiträge ebenso gekonnt und lesenswert ausfallen, kann
darin nur eine begrüßenswerte Entwicklung gesehen werden.
Rezension zu:
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags
Erwähnte weitere Werke:
Uwe Timm, Heißer Sommer, München
1998. (Zuerst 1974; das frühe Erscheinungsdatum legt wohl auch noch
eher die Erzählform der Komödie nahe – der „Deutsche Herbst“
war so noch nicht Teil der Erfahrungswelt des Autors) Seite des Verlags
Hans Ulrich Gumbrecht, Nach 1945.
Latenz als Ursprung der Gegenwart, Berlin 2012. Seite des Verlags
Petra Terhoeven, Deutscher Herbst in
Europa. Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales
Phänomen, München 2014. Besprechung bei HSozKult
Die Besprechung dieses Buchs erfolgt im
Rahmen der Aktion „Blogger schenken Lesefreude.“ Das Buch wird
nach der Besprechung einem interessierten Leser zur Verfügung
gestellt. Die 1960er Jahre waren eine Zeit, in der es auch – siehe
die auch im Roman vorkommenden Raubdrucke – um eine
Demokratisierung des Wissens ging. Teil dieser Demokratisierung von
Wissen und Bildung der Gegenwart sind die in zahlreichen Städten
aufgestellten Bücherboxen. In diesen können nicht mehr benötigte
Bücher weiteren Lesern zur Verfügung gestellt werden, um sie vor
dem Altpapiercontainer zu bewahren. Dieses Exemplar von Edschmids
Roman wurde in der Bücherbox am Engelborsteler Damm in Hannover
deponiert und findet so hoffentlich weitere interessierte Leser.
Zu den öffentlichen
Bücherboxen/Bücherschränken siehe auch den entsprechenden Eintrag bei Wikipedia
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Freitag, 3. Januar 2014
„Alles besagt etwas“. Zu Karl Schlögels neuem Essayband "Grenzland Europa"
„Alles besagt etwas“ - was in einem
der hier versammelten Essays eher nebenher gesprochen daherkommt, und
trotz dieser scheinbaren Nebensächlichkeit nichts von seiner
apodiktischen Schärfe einbüßt, kann gleichsam auch als Schlögels
Forschungsprogramm gelten. Dieses „Alles“ findet sich eben nicht
nur dort, wo man es vermutet, wo man für gewöhnlich nach nach dem
Geschichtsträchtigem sucht, sondern überall; es verwundert deshalb
auch nicht, wenn Schlögel insbesondere mit den
Transformationsstudien hart ins Gericht geht, die ihrerseits
kopflastig nach Veränderungen im System suchten, die kleinen,
alltäglichen Wandlungen darüber aber nicht zu sehen vermochten und
so nur zu wenig validen und vor allem substanzlosen Beiträgen
gelangten.
Schlögel hingegen, der unermüdliche Flaneur durch Zeiten und Räume (insbesondere Osteuropas), geht genau dorthin, wo sich diese Wandlungen zuerst bemerkbar machten; und mit der ihm eigenen Sprachmagie gesegnet gelingt es ihm beinahe spielerisch den Leser auf diese Zeit-Reisen mitzunehmen. Man folgt ihm gerne, betrachtet staunenden Blicks die Polenmärkte Ende der 1980er Jahre in Berlin und anderswo in Osteuropa, wundert sich mit ihm über die Warenströme von Bernstein aus dem Baltikum bis Plastikwaren aus China, begibt sich in die Abflughallen osteuropäischer Flughäfen, in denen Destinationen angeschlagen stehen, die selbst dem Kenner – und als solchen gibt sich Schlögel nicht immer uneitel zu verstehen – unbekannt sind, und lernt so vieles über eine Europäisierung von unten jenseits des virulenten Krisendiskurses.
Genau diese Verwunderung vermag
Schlögel produktiv zu wenden, aus seiner Irritation gewinnt er den
Willen zum Verständnis dessen, was geschah. Man kann sich nur
vorstellen, wie Schlögel Seite um Seite in seinem Notizbuch füllend
durch Städte reist, am heimischen Schreibtisch die Aufzeichnungen
mit zuvor gemachten Beobachtungen vergleicht und aus den so
diagnostizierten Unterschieden Narrative bildet. Den dezent
nostalgischen Blick auf das grenzenlose Europa vor der Urkatastrophe
des Ersten Weltkriegs kontrastiert Schlögel gekonnt mit den
gegenwärtigen Entwicklungen Europas; für bahnbrechende
Errungenschaften des Europäisierungsprozesses hat er zuweilen nur
ein wohlwollend-müdes Lächeln übrig. So weit waren wir doch schon
mal, vor nunmehr mehr als hundert Jahren....
Sympathisch sind auch die wiederholt
eingestreuten Splitter aus der eigenen vierzigjährigen
Forschungstätigkeit; Schlögel beweist sich nicht nur als begnadeter
Erzähler der Geschichte, sondern auch als vorbildlicher
autobiographischer Aphoristiker, dem es gelingt, aus dem eigenen
Erleben die Quintessenz von Strukturen, Ereignissen und Zäsuren
deutlich zu machen. Jedem, der das überprüfen möchte, seien die
Szenen ans Herz gelegt, in denen Schlögel den Aufwand für das
Versenden seiner gesammelten Bücher aus der Sowjetunion in die
Heimat schildert.
Gerade diese kurzen Episoden lassen den
Leser hoffen, dass Schlögel die Zeit finden möge, aus diesen kurzen
Beschreibungen einmal ein größeres autobiographisches Werk zu
verfassen.
Rezension zu: Karl Schlögel, Grenzland
Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München 2013.
Sonntag, 28. Juli 2013
Cold War revisited: Georg Schilds Studie zum gefährlichen Jahr 1983
Um nichts weniger als um eine generelle Akzentverschiebung in der zeitgeschichtlichen Betrachtung des Kalten Krieges geht es dem Tübinger Zeithistoriker und Amerikaspezialisten Georg Schild in seinem neuen Band zum Jahr 1983. Die Grundthese der Studie ist dabei schnell referiert und sie steht auch schon im Titel: Nicht die sonst häufig in den Blick genommenen Ereignisse - der Korea-Krieg und die Berlin-Blockade, der Mauerbau und die Kubakrise - seien die eigentlich gefahrenträchtigen Situationen des Kalten Krieges gewesen. Nein, 1983 war - so Schild - das "gefährlichste Jahr des Kalten Krieges."
Pünktlich zum 26.09.2013, dem 30jährigen Jubiläum der Verhinderung eines Atomkriegs durch die besonnene Reaktion des Offiziers Petrows, der die computergenerierte Warnung vor einem amerikanischen Angriff als das ansah, was sie war - ein Fehlalarm -, erscheint Schilds Buch, das ihm so sicher die jahrestagsübliche Popularität bescheren wird. Doch auch abgesehen davon ist Schilds lesenswert für jeden, der sich für die Geschichte des Kalten Krieges interessiert - ist die Studie doch im besten Sinne "thought provoking".
Worum es dem Autoren geht, wird schnell deutlich: Während die Konflikte vor den 1980er Jahren allesamt auf einer Grundlage erfolgten, in der beide Supermächte keine Eskalation wollten und auch von der jeweils anderen Seite wussten, dass sie ebenfalls nicht auf einen Krieg hinarbeite, ging diese Sicherheit in den 1980er Jahren verloren: So sahen die US-Amerikaner im sowjetischen Einmarsch in Afghanistan einen expansionistischen Akt, wohingegen die sowjetische Führung ihn nur als defensiven Versuch zur Eindämmung des politischen Islams sah (und auch nicht verstehen konnte, wie die USA daraus ein Bedrohungspotential ableiten konnte).
Eine ähnliche Entwicklung (freilich mit veränderten Vorzeichen) beobachtet Schild für die amerikanische Raketenabwehrtechnologie SDI: Die us-amerikanische Administration unter Reagan beschrieb eine derartige Technik als defensive Maßnahme gegen einen eventuellen Erstschlag der Sowjetunion; diese wiederum vermochte darin nichts anderes zu erkennen als die Vorbereitung eines amerikanischen Erstschlags auf Ziele in der Sowjetunion, der so massiv erfolgen würde, dass die nicht durch die Raketen ausgeschalteten sowjetischen Zweitschlagswaffen durch das neue Abwehrsystem abgefangen würden - ein Atomkrieg erschien so führ- und auch gewinnbar; eine gänzliche Neuerung im Vergleich zur vorher geltenden Logik der Mutual Assured Destruction.
Die zunehmende Unsicherheit über die Ziele des jeweiligen Kontrahenten führte laut Schild nun dazu, dass zum ersten Mal der Kalte Krieg wirklich Gefahr lief, ein heißer zu werden. Nicht mehr Rationalität und Verhandlung, sondern lediglich Missverständnisse und Fehleinschätzungen prägten das Bild der internationalen Beziehungen zwischen den beiden Supermächten. Und somit ist es auch nicht erstaunlich, dass nur der Zufall letztlich der Grund war, warum es nicht zum Ausbruch des atomar geführten, Dritten Weltkriegs kam.
Äußerst überzeugend gelingt Schild die Begründung seiner These, nimmt den Leser mit auf einen Parforceritt durch die Geschichte des Kalten Krieges und zeigt dabei, dass er zupackend und gewinnend schreiben kann. Dass dabei zuweilen Wiederholungen auftreten, soll an dieser Stelle nur unter der Hoffnung der optimierten Lernleistung durch häufiges Lesen verbucht werden.
Rezension zu:
Georg Schild, 1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges, Paderborn u.a. 2013.
Pünktlich zum 26.09.2013, dem 30jährigen Jubiläum der Verhinderung eines Atomkriegs durch die besonnene Reaktion des Offiziers Petrows, der die computergenerierte Warnung vor einem amerikanischen Angriff als das ansah, was sie war - ein Fehlalarm -, erscheint Schilds Buch, das ihm so sicher die jahrestagsübliche Popularität bescheren wird. Doch auch abgesehen davon ist Schilds lesenswert für jeden, der sich für die Geschichte des Kalten Krieges interessiert - ist die Studie doch im besten Sinne "thought provoking".
Worum es dem Autoren geht, wird schnell deutlich: Während die Konflikte vor den 1980er Jahren allesamt auf einer Grundlage erfolgten, in der beide Supermächte keine Eskalation wollten und auch von der jeweils anderen Seite wussten, dass sie ebenfalls nicht auf einen Krieg hinarbeite, ging diese Sicherheit in den 1980er Jahren verloren: So sahen die US-Amerikaner im sowjetischen Einmarsch in Afghanistan einen expansionistischen Akt, wohingegen die sowjetische Führung ihn nur als defensiven Versuch zur Eindämmung des politischen Islams sah (und auch nicht verstehen konnte, wie die USA daraus ein Bedrohungspotential ableiten konnte).
Eine ähnliche Entwicklung (freilich mit veränderten Vorzeichen) beobachtet Schild für die amerikanische Raketenabwehrtechnologie SDI: Die us-amerikanische Administration unter Reagan beschrieb eine derartige Technik als defensive Maßnahme gegen einen eventuellen Erstschlag der Sowjetunion; diese wiederum vermochte darin nichts anderes zu erkennen als die Vorbereitung eines amerikanischen Erstschlags auf Ziele in der Sowjetunion, der so massiv erfolgen würde, dass die nicht durch die Raketen ausgeschalteten sowjetischen Zweitschlagswaffen durch das neue Abwehrsystem abgefangen würden - ein Atomkrieg erschien so führ- und auch gewinnbar; eine gänzliche Neuerung im Vergleich zur vorher geltenden Logik der Mutual Assured Destruction.
Die zunehmende Unsicherheit über die Ziele des jeweiligen Kontrahenten führte laut Schild nun dazu, dass zum ersten Mal der Kalte Krieg wirklich Gefahr lief, ein heißer zu werden. Nicht mehr Rationalität und Verhandlung, sondern lediglich Missverständnisse und Fehleinschätzungen prägten das Bild der internationalen Beziehungen zwischen den beiden Supermächten. Und somit ist es auch nicht erstaunlich, dass nur der Zufall letztlich der Grund war, warum es nicht zum Ausbruch des atomar geführten, Dritten Weltkriegs kam.
Äußerst überzeugend gelingt Schild die Begründung seiner These, nimmt den Leser mit auf einen Parforceritt durch die Geschichte des Kalten Krieges und zeigt dabei, dass er zupackend und gewinnend schreiben kann. Dass dabei zuweilen Wiederholungen auftreten, soll an dieser Stelle nur unter der Hoffnung der optimierten Lernleistung durch häufiges Lesen verbucht werden.
Rezension zu:
Georg Schild, 1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges, Paderborn u.a. 2013.
Montag, 4. März 2013
Emotionen und Förmlichkeiten. Ursula Krechels Roman Landgericht
"Keine Emotionen sind überliefert, nur Förmlichkeiten, Verbindlichkeiten [...]"; jeder geschichtswissenschaftlich Forschende wird ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zumal wenn er es mit Verwaltungsschrifttum zu tun bekommen hat. Zahlen, Paragraphen und das scheinbare so korrekte Beamtendeutsch lassen häufig keinen Platz für Gefühle, für Empfindungen, für das, was eben derartige Schriftstücke bei demjenigen auslösen, der sie zugestellt bekommt. Die akademische Zeitgeschichte kann derartige Lehrstellen nur schwerlich ausfüllen: Ihr Methodenapparat mit seinen Anforderungen an die intersubjektive Plausibilität der eigenen Schlüsse, die Angewiesenheit auf Quellen für die Thesenbildung und die Überprüfbarkeit der Interpretationen bürgen zwar auf der einen Seite für ihre Wissenschaftlichkeit. Auf der anderen Seit verbleiben aber auch zahlreiche schmerzliche Lehrstellen eben gerade dort, wo es um die individuelle Erfahrungs- und Gefühlswelt von Einzelpersonen geht.
Die Literatur - und insbesondere der (zeit-)historische Roman bieten hier Abhilfe. Dabei geht es weniger um geschichtlich schlecht bemäntelte Machwerke, die sich der historischen Kulisse bedienen, um der dürftigen "Story", der austauschbaren Liebes- oder Kriminalitätsgeschichte, doch noch ein Mindestmaß an Relevanz zuteil werden zu lassen. Anders Werke, die sowohl zeitgeschichtlich fundiert recherchiert sind - und dabei sicher einen Aufwand verursacht haben, der einen landläufigen zeithistorischen Monografie in nichts nachsteht -, die aber gleichzeitig auch auf dieser abgesicherten Grundlage von der Imaginationskraft des Schriftstellers derart erfüllt sind, dass sie über das hinaus gehen, was eine wissenschaftliche Studie zu leisten vermag. (Und diese wird es aus oben genannten Gründen auch gar nicht leisten wollen - und das ist auch gut so!)
Ein solches Beispiel ist Ursula Krechels Roman Landgericht. Man merkt dem Buch an, dass sie sich darum bemüht, den zeitgeschichtlichen Hintergrund ihres Plots genau zu studieren: Selten wurden die 1950er Jahre plastischer in ihrer Dichotomie zwischen zukunftsgewissem Aufbruch und historischen Überhängen aus der NS-Zeit beschrieben. Und genau dazwischen wird der Remigrant Richard Kornitzer zerrieben; als geschulter Jurist, der als Jude vor dem NS-Terror nach Kuba fliehen musste, während seine "arische" Ehefrau in Berlin verblieb, werden die Instanzen geschildert, an die er sich in den 1950er wandt, um für sein Recht zu kämpfen - das ihm immer mit dem Verweis auf Paragraphen feinsäuberlich abgeschlagen werden. Mag die Geschichte selber wenig überraschend, ja inzwischen schon häufig gehört erscheinen, so ist die Art, wie Krechel sie darstellt, kaum zu übertreffen. Aktenkundliche Quellenfunde aus Wiedergutmachungsstellen werden den emotionellen Reflexionen Kornitzers und dessen Familiengeschichte gegenübergestellt. Auch wenn für diesen Fall, so wie Krechel es selber feststellt, keine Emotionen, sondern nur Förmlichkeiten und Verbindlichkeiten überliefert sind, gelingt es der Autorin doch, eben diese Leerstellen überzeugend zu füllen.
Rezension zu: Ursula Krechel, Landgericht. Roman, Salzburg u. Wien 2012.
Die Literatur - und insbesondere der (zeit-)historische Roman bieten hier Abhilfe. Dabei geht es weniger um geschichtlich schlecht bemäntelte Machwerke, die sich der historischen Kulisse bedienen, um der dürftigen "Story", der austauschbaren Liebes- oder Kriminalitätsgeschichte, doch noch ein Mindestmaß an Relevanz zuteil werden zu lassen. Anders Werke, die sowohl zeitgeschichtlich fundiert recherchiert sind - und dabei sicher einen Aufwand verursacht haben, der einen landläufigen zeithistorischen Monografie in nichts nachsteht -, die aber gleichzeitig auch auf dieser abgesicherten Grundlage von der Imaginationskraft des Schriftstellers derart erfüllt sind, dass sie über das hinaus gehen, was eine wissenschaftliche Studie zu leisten vermag. (Und diese wird es aus oben genannten Gründen auch gar nicht leisten wollen - und das ist auch gut so!)
Ein solches Beispiel ist Ursula Krechels Roman Landgericht. Man merkt dem Buch an, dass sie sich darum bemüht, den zeitgeschichtlichen Hintergrund ihres Plots genau zu studieren: Selten wurden die 1950er Jahre plastischer in ihrer Dichotomie zwischen zukunftsgewissem Aufbruch und historischen Überhängen aus der NS-Zeit beschrieben. Und genau dazwischen wird der Remigrant Richard Kornitzer zerrieben; als geschulter Jurist, der als Jude vor dem NS-Terror nach Kuba fliehen musste, während seine "arische" Ehefrau in Berlin verblieb, werden die Instanzen geschildert, an die er sich in den 1950er wandt, um für sein Recht zu kämpfen - das ihm immer mit dem Verweis auf Paragraphen feinsäuberlich abgeschlagen werden. Mag die Geschichte selber wenig überraschend, ja inzwischen schon häufig gehört erscheinen, so ist die Art, wie Krechel sie darstellt, kaum zu übertreffen. Aktenkundliche Quellenfunde aus Wiedergutmachungsstellen werden den emotionellen Reflexionen Kornitzers und dessen Familiengeschichte gegenübergestellt. Auch wenn für diesen Fall, so wie Krechel es selber feststellt, keine Emotionen, sondern nur Förmlichkeiten und Verbindlichkeiten überliefert sind, gelingt es der Autorin doch, eben diese Leerstellen überzeugend zu füllen.
Rezension zu: Ursula Krechel, Landgericht. Roman, Salzburg u. Wien 2012.
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Samstag, 2. März 2013
Ein großer Wurf - im Backsteinformat. Der 52. Band des Archivs für Sozialgeschichte: "Wandel des Politischen. Die Bundesrepublik Deutschland während der 1980er Jahre"
Was zeichnet gute Herausgeber von Sammelbänden und Zeitschriftensondernummern aus? Wahrscheinlich zunächst, dass es Ihnen gelingt, eine ansprechende Fragestellung zu formulieren, die neue Erkenntnisse verspricht und verschiedene Herangehensweisen, theoretische Prämissen und Themen unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln vermag. Und zweitens: Dass es ihnen im Entstehungsprozess des Bandes auch gelingt, alle Autoren auf eben diese Fragestellung zu verpflichten, akademischen Eitelkeiten Einhalt zu gebieten und die Beiträger mit disziplinarischer Strenge auf den Erfolg des Gesamtprojekts zu eichen.
Beides gelingt den Herausgebern des 52. Jahrgangs des Archivs für Sozialgeschichte; sie nehmen sich dem bislang nur in den Anfängen vermessenen Thema der 1980er Jahre an und stellen die Auseinandersetzung mit diesem unter den weiten - doch immer auch konkret zu füllenden - Obertitel "Wandel des Politischen". Autoren mit den verschiedensten thematischen und theoretischen Steckenpferden nehmen sich nun ihr jeweiliges Arbeitsgebiet vor und klopfen eben dieses genau auf den zur Diskussion stehenden "Wandel" ab: Sei es nun die Neue Deutsche Welle (Annette Vowinckel), die Grünen (Silke Mende), das bislang noch viel zu wenig erforschte Thema AIDS (Henning Tümmers) und die klassischerweise mit dieser Epoche verbundenen Großthemen wie die (Un-)Regierbarkeitsdebatte und die Erosion der klassischen Sozialmilieus inklusive ihrer angestammten Wahlpräferenzen (Michael Ruck).
Zeitgenössisch formulierte Gesellschaftsdiagnosen wie der Wertewandel werden bei der nun einsetzenden zeithistorischen Auseinandersetzungen auf ihre Deutungskraft für die beschriebenen Phänomene hin befragt - und dadurch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse sogleich historisiert.
Die Stärke des Bandes liegt dabei vor allem darin, dass man ihn sowohl als geschichtswissenschaftliches Handbuch zu den 1980er verwenden kann, aus dem einzelne Artikel gelesen und durchdacht werden können - je nach Interesse, geschmacklicher Vorliebe oder Forschungsschwerpunkt des Lesers. Gleichzeitig ist es - und das ist wohl eher unüblich für einen Zeitschriftenband - auch ein fundiertes und vor allem gut geschriebenes Lesebuch zur Geschichte der 1980er Jahre, das auch von der ersten bis zur letzten Seite gewinnbringend gelesen werden kann. Die Wiederholungen, die dabei unweigerlich auftreten (wie die in vielen Aufsätzen durchdeklinierten Thesen Ingleharts, das wiederkehrende Zitat der Habermas'schen Neuen Unübersichtlichkeit oder aber auch die Vorstellungen, die mit der Kohl zugeschriebenen, tatsächlich von ihm aber wohl nicht verwendeten Formel der "geistig-moralischen Wende" verbunden werden), können dabei als den Lernprozess unterstützende Repititionen gewertet werden.
Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Band schon jetzt kurz nach seinem Erscheinen als Standardwerk zur Erforschung der Zeitgeschichte der 1980er gelten kann.
Beides gelingt den Herausgebern des 52. Jahrgangs des Archivs für Sozialgeschichte; sie nehmen sich dem bislang nur in den Anfängen vermessenen Thema der 1980er Jahre an und stellen die Auseinandersetzung mit diesem unter den weiten - doch immer auch konkret zu füllenden - Obertitel "Wandel des Politischen". Autoren mit den verschiedensten thematischen und theoretischen Steckenpferden nehmen sich nun ihr jeweiliges Arbeitsgebiet vor und klopfen eben dieses genau auf den zur Diskussion stehenden "Wandel" ab: Sei es nun die Neue Deutsche Welle (Annette Vowinckel), die Grünen (Silke Mende), das bislang noch viel zu wenig erforschte Thema AIDS (Henning Tümmers) und die klassischerweise mit dieser Epoche verbundenen Großthemen wie die (Un-)Regierbarkeitsdebatte und die Erosion der klassischen Sozialmilieus inklusive ihrer angestammten Wahlpräferenzen (Michael Ruck).
Zeitgenössisch formulierte Gesellschaftsdiagnosen wie der Wertewandel werden bei der nun einsetzenden zeithistorischen Auseinandersetzungen auf ihre Deutungskraft für die beschriebenen Phänomene hin befragt - und dadurch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse sogleich historisiert.
Die Stärke des Bandes liegt dabei vor allem darin, dass man ihn sowohl als geschichtswissenschaftliches Handbuch zu den 1980er verwenden kann, aus dem einzelne Artikel gelesen und durchdacht werden können - je nach Interesse, geschmacklicher Vorliebe oder Forschungsschwerpunkt des Lesers. Gleichzeitig ist es - und das ist wohl eher unüblich für einen Zeitschriftenband - auch ein fundiertes und vor allem gut geschriebenes Lesebuch zur Geschichte der 1980er Jahre, das auch von der ersten bis zur letzten Seite gewinnbringend gelesen werden kann. Die Wiederholungen, die dabei unweigerlich auftreten (wie die in vielen Aufsätzen durchdeklinierten Thesen Ingleharts, das wiederkehrende Zitat der Habermas'schen Neuen Unübersichtlichkeit oder aber auch die Vorstellungen, die mit der Kohl zugeschriebenen, tatsächlich von ihm aber wohl nicht verwendeten Formel der "geistig-moralischen Wende" verbunden werden), können dabei als den Lernprozess unterstützende Repititionen gewertet werden.
Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Band schon jetzt kurz nach seinem Erscheinen als Standardwerk zur Erforschung der Zeitgeschichte der 1980er gelten kann.
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