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Montag, 1. Dezember 2014

„Ein Selbstzwang, der sich als Freiheit ausgab.“ Zu Sven Reichardts monumentaler Studie „Authentizität und Gemeinschaft“.

Wenn eine Habilitationsschrift in der renommierten Wissenschaftsreihe bei Suhrkamp erscheint, kann das zwei Gründe haben. Zum einen wäre das sowohl die stilistische als auch die akademische Brillanz des vorgelegten Werkes. Zum anderen wäre diese Form der Adelung aber auch betriebswirtschaftlich zu erklären – der Verlag ginge in diesem Fall davon aus, dass der Personenkreis, der mit der inzwischen sprichwörtlichen Suhrkamp-Kultur groß geworden ist, ein gesteigertes Interesse an diesem Buch haben könnte. Letzteres trifft bei Reichardts Buch ohne Zweifel zu, denn in seiner Studie geht es genau um sie (und auch das Argument der herausragenden Qualität wird in weiten Teilen eingelöst).

Worum geht es Reichardt also in dieser fast tausendseitigen Schrift: Der Autor hat sich die unterschiedlichsten Schattierungen des linksalternativen Lebens der 1970er und frühen 1980er Jahre vorgenommen und er fragt weniger nach den allbekannten und politikgeschichtlich schon recht gut erforschten politischen Zielen der Gruppierungen, wie sie sich in Anti-AKW-, Friedens- und Frauenbewegung ausdrückten. Reichardt verlässt die eingefahrenen Bahnen politikgeschichlicher Forschung (die neben wirtschaftsgeschichtlichen Fragen) noch immer die Erforschung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominieren – und das zurecht, ging es doch zunächst darum, die groben Linien dieser Epoche zu vermessen, bevor ausgehend von den entsprechenden Befunden auch anderen Themen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Reichardt geht nun der Frage nach, wie die Personen lebten, die sich in Brokdorf auf Demonstrationen gegen die Atomindustrie, in Bonn gegen die NATO-Nachrüstung oder überall gegen die männliche Vorherrschaft in Familien und Arbeitsleben engagierten. Wie gestalteten sie ihren Alltag? Wie lebten sie? Wie arbeiteten sie? Und vor allem: Wie sprachen sie darüber?

Äußerst überzeugend wählt Reichardt die beiden Begriffe „Authentizität“ und „Gemeinschaft“, um sich sowohl die Lebensstile als auch Fraktionierungen innerhalb des linksalternativen Milieus zu erschließen. In unterschiedlichen Themenfeldern – von der linksalternativen Presse über Wohngemeinschaften bis hin zu Frauen- (und Männer-)bewegung, Kindererziehung, alternativen Betrieben, Spiritualität und Drogenerfahrungen – sucht Reichardt nach der Einforderung von authentischen Erfahrungen, Arbeitsverhältnissen, Beziehungen, die den Zwängen der als entfremdet wahrgenommenen bundesrepublikanischen Gesellschaft mit ihrem Streben nach Konsum und Karriere entgegengehalten wurden.

Von K-Gruppen und Resten der 68er als unpolitische Privatiers geschmäht, sahen die Angehörigen des alternativen in dem, was sie taten, doch eine neue Form des Politischen, so Reichardt. Überzeugend argumentiert Reichardt, dass mit diesem neuen Lebensstil jedoch keineswegs das Ende aller Zwänge eingeläutet wurde – vielmehr wurden neue Zwänge aufgebaut, die oftmals unbewusst eine enorme Wirkmächtigkeit entfalteten. Allen voran, der Zwang zur allgegenwärtigen Selbstoffenbarung, zur Öffentlichmachung privatester Details unter der Maßgabe: „Sei authentisch!“


Kritisch anzumerken wären bei Reichardts Studie einige Redundanzen, die sich wohl vor allem daraus ergeben, dass sich die unterschiedlichen Kapitel auch separat lesen lassen können sollen, während die behandelten Themen jedoch nicht immer trennscharf zu scheiden sind. Man kann sich jedenfalls gut vorstellen, dass sich an den unterschiedlichsten Universitäten in Seminaren zu den 1970er und 1980er neben der thesenhaft zuspitzenden Studie von Doering-Manteuffel und Raphael („Nach dem Boom“) Studierende auch mit einzelnen Kapiteln aus Reichardts Studie beschäftigen werden – und für einen derartigen Kontext eignen sich die Kapitel sicher ganz hervorragend. Noch problematischer erscheint mir allerdings der Umstand, dass das von Reichardt (sicher zurecht) als bunt beschrieben Milieu in der wissenschaftlichen Bearbeitung ganz ohne Bildteil auskommen muss. Ein paar wenige Fotos aus selbstverwalteten alternativen Betrieben oder Wohngemeinschaften, nur wenige Reproduktionen aus der von Reichardt so überzeugend beschriebenen alternativen Presse, und schon wäre die Studie noch anschaulicher geworden, als sie es ohnehin schon – trotz ihres wissenschaftlichen Niveaus und ihres beträchtlichen Umfangs – ist!

Dienstag, 29. April 2014

Auf Stimmungenfang. Ulrike Edschmids Roman "Das Verschwinden des Philip S." (Aktion: Blogger schenken Lesefreude)

Während die akademische Geschichtsschreibung sich schwer damit tut, Stimmungen einzufangen – der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat erst in seiner aktuellen Arbeit zur Latenz einen theoretisch begründeten Anfang zu ihrer möglichen wissenschaftlichen Analyse gemacht –, so hat die in aus der Zeitgeschichte ihre Themen beziehende Literatur hier einen klaren Vorteil. Sie muss sich weniger um Quellen und die Frage der empirischen Überprüfbarkeit stellen, ihre Plausibilität ergibt sich aus der erzählten Fabel und der dazu verwendeten erzählerischen Mittel.

Autobiographisch fundierte Literatur nimmt dazu noch die Autorität des Zeitzeugen für sich in Anspruch. Wenigen Romanen gelingt es wohl derart überzeugend eben die Stimmungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre so überzeugend einzufangen – und darzustellen – wie Ulrike Edschmid in ihrem Buch „Das Verschwinden des Philip S.“ Einzig Uwe Timms „Heißer Sommer“ ist darin eventuell noch vergleichbar, im Gegensatz zu Timms Erzählhaltung, der sich mit gekonnter Ironie im Erzähmodus der Komödie bewegt, ist bei Edschmid wenig Komisches oder Ironie zu finden.

Edschmid lässt den Leser eine Tragödie nachvollziehen. Den Weg des Filmstudenten Philip S. Von formalen Experimenten auf der Leinwand und privaten Aufbrüchen mit dem Ziel einer Neugestaltung von Familienleben und Kindererziehung hin zum Terrorismus der 1970er Jahre. Äußerst überzeugend gestaltet Edschmid dabei die Position der (wiederum autobiographisch) gefärbten Ich-Erzählerin, die diesen Weg zunächst mitgeht, irgendwann jedoch – vor allem in Sorge um das eigene Kind – aus der Gewaltspirale ausbricht und nur noch beobachten kann, wie Philip S. den Gang in die Illgelität antritt und letztlich in einer Schießerei mit Polizisten stirbt.

Mit Nostalgie für die Aufbruchjahre der 1960er und mit zunehmendem Unverständnis darüber, was daraus folgte, beschreibt Edschmid den Abschied ihres Lebensgefährten aus dem vermeintlich richtigen Leben im so empfundenen falschen um sie herum. Die entsprechenden zeitgeschichtlichen Ereignisse, die die Radikalisierung der späten 1960er Jahre bedingten, werden benannt (die Erschießung Ohnesorgs, die Schlacht am Tegeler Weg etc.), die entsprechenden zeithistorischen Personen treten auf (wobei auffällt, dass z.B. Rudi Dutschke nie beim Namen genannt, sondern nur als „Studentenführer“ deklariert wird, eine Zuschreibung, die er selbst – auch wortwörtlich – immer wieder für sich abgelehnt hat) und die Stimmung dieser Zeit wird, jedenfalls für jemanden, der sie nicht miterlebt, sondern nur aus der Forschung und aus zeitgenössischen Berichten kennt, sowohl faktisch überzeugend als auch stilistisch gekonnt dargestellt. Dabei fällt vor allem Edschmids gelungene Beschreibung der Verflechtungsgeschichte der Studentenbewegungen der Bundesrepublik und Italiens auf, die erst seit kurzer Zeit auch Teil einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser Zeit ist (Vgl. die Habilitation von Petra Terhoeven).

Edschmids Roman ist ein Buch, das für jeden zu empfehlen ist, der sich mit der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte beschäftigt und der nach den Gründen für den Terrorismus der 1960er Jahre fragt. Dass Edschmid – die nicht nur als Chronistin, sondern auch als Beteiligte – die Ursache vor allem bei einer Überreaktion der staatlichen Stellen zu Beginn des kulturellen Aufbruchs sieht, der Terrorismus von RAF und den vergleichbaren Gruppen so nur eine ebenfalls gewaltsame Reaktion auf Hausdurchsuchungen, Überwachungen, Beschlagnahmungen und Festnahmen erscheint, macht ihr Buch auch zu einem Thesenroman, über dessen Grundannahmen diskutiert werden kann und muss. Sollten weitere Diskussionsbeiträge ebenso gekonnt und lesenswert ausfallen, kann darin nur eine begrüßenswerte Entwicklung gesehen werden.

Rezension zu:
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags

Erwähnte weitere Werke:
Uwe Timm, Heißer Sommer, München 1998. (Zuerst 1974; das frühe Erscheinungsdatum legt wohl auch noch eher die Erzählform der Komödie nahe – der „Deutsche Herbst“ war so noch nicht Teil der Erfahrungswelt des Autors) Seite des Verlags
Hans Ulrich Gumbrecht, Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart, Berlin 2012. Seite des Verlags
Petra Terhoeven, Deutscher Herbst in Europa. Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales Phänomen, München 2014. Besprechung bei HSozKult


Die Besprechung dieses Buchs erfolgt im Rahmen der Aktion „Blogger schenken Lesefreude.“ Das Buch wird nach der Besprechung einem interessierten Leser zur Verfügung gestellt. Die 1960er Jahre waren eine Zeit, in der es auch – siehe die auch im Roman vorkommenden Raubdrucke – um eine Demokratisierung des Wissens ging. Teil dieser Demokratisierung von Wissen und Bildung der Gegenwart sind die in zahlreichen Städten aufgestellten Bücherboxen. In diesen können nicht mehr benötigte Bücher weiteren Lesern zur Verfügung gestellt werden, um sie vor dem Altpapiercontainer zu bewahren. Dieses Exemplar von Edschmids Roman wurde in der Bücherbox am Engelborsteler Damm in Hannover deponiert und findet so hoffentlich weitere interessierte Leser.


Zu den öffentlichen Bücherboxen/Bücherschränken siehe auch den entsprechenden Eintrag bei  Wikipedia