Im Grunde ist es ja nicht verwerflich, wenn sich auch HistorikerInnen politisch äußern; ja es ist geradezu geboten, dass vor allem sie sich in gesellschaftspolitische Debatten einmischen und mit ihrem spezifischen Wissen für die nötige (historische) Tiefendimension in tagesaktuellen Fragen sorgen.
Problematisch ist allerdings, wenn sie in ihren wissenschaftlichen Beiträgen politisch argumentieren, ohne ihren Standpunkt explizit zu machen. Wenn sie also ihre eigene politische Position quasi zu wissenschaftlichen Erkenntnissen aufwerten. Für den Rezensenten ganz besonders problematisch wird es dann, wenn der Autor auch noch eine von der eigenen divergente politische Position vertritt - und diese in immer neuen Anläufen breittritt.
Genau so ging es mir bei der Lektüre von Frank-Lothar Krolls Band zur "Geburt der Moderne", den der Autor selbst wohl als wissenschaftlich abgesicherte Verteidigung des Kaiserreichs verstanden wissen will. Anstatt sich lange mit diffizilen Begriffsfragen auseinanderzusetzen, zu denen schon die titelgebende 'Moderne' Anlass böte, geht Kroll direkt in medias res, arbeitet sich zuweilen rüpelhaft am selber nicht eben mit Samthandschuhen argumentierenden Hans-Ulrich Wehler ab (dem man zumindest nicht vorwerfen konnte, den Moderne-Begriff unreflektiert verwendet zu haben) und versucht dem Leser deutlich zu machen, warum es denn im Kaiserreich nicht gar so schlecht war, wie es uns die Arbeiten der 1960er und 1970er Jahre glauben machen wollten.
Die Fragwürdigkeit dieses Unterfangens ergibt sich schon aus der Zäsursetzung; Explizit klammert der Autor den Ersten Weltkrieg aus seinen Betrachtungen aus, externalisiert das millionenfache Leid somit aus seiner Argumentation, auf dass es nicht das rosarote Bild des Wilhelminismus trübe.
Wo es nun aber partout nichts Positives an der Verfasstheit des Kaiserreichs zu finden gibt (so zum Beispiel beim preußischen Dreiklassenwahlrecht und den bewusst ungerecht zugeschnittenen Wahlkreisen) genügt sich Kroll mit dem Hinweis darauf, dass es anderswo nicht besser war - als machte es das besser.
In einer vollständigen Ausblendung der kulturgeschichtlichen Theoriebildung der letzten dreißig Jahre behandelt Kroll im Abschnitt zur Kultur nur Werke zur Hochkultur - von denen er selber eingestehen muss, dass sie zeitgenössisch nur äußerst marginal und nur in bestimmten Zirkeln wahrgenommen wurden. Dass Erzeugnisse der Arbeiterkultur im Vergleich zu den Sinfonien eines Schönberg heutzutage nicht die gleiche Wertschätzung erfahren, sollte den Autoren doch nicht daran hindern, an ihnen ebenfalls Elemente der Zeit herauszudestillieren, in der sie entstanden.
Ganz davon abgesehen, dass "Kultur" weit mehr umfasst als das, was man landläufig unter Kulturgütern (ob nun E- oder U-) versteht. Ein kulturgeschichtlicher Blick auf das Kaiserreich sollte nicht nur Hauptmann und Kadinsky, sondern auch Themen wie "Militarismus", "Antisemitismus" und "Antifeminismus" enthalten, um nur einige Aspekte zu nennen. Sie alle kommen nicht vor oder wenn, dann nur am Rande. Man ist geneigt, dem Autoren Absicht zu unterstellen, ließe sich doch unter Hinzuziehung von Chamberlain und Rembrandtdeutschen nur schwerlich das Bild eines weltoffenen und wissenschaftlich vorbildlichen Kaiserreichs aufrecht erhalten.
Warum es mir geht, ist gar nicht, die 'modernen' Elemente des Kaiserreichs zu negieren; was allerdings nicht angehen kann, ist der vollständige Ersatz der Fundamentalablehnung des Kaiserreichs durch eine kritiklose Apologie! Dass es auch differenzierter geht, beweisen Christopher Clarks Arbeiten. Die Frage ist nun nur noch, warum die Bundeszentrale für politische Bildung es für nötig befunden hat, Krolls fragwürdiges Buch in ihre Schriftenreihe aufzunehmen ...
Rezension zu: Frank-Lothar Kroll, Geburt der Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg, Bonn 2013 (BpB Schriftenreihe 1340)
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Donnerstag, 27. August 2015
Das Kaiserreich rosarot. Franz-Lothar Krolls Apologie der deutschen Geschichte zwischen 1871 und 1914
Montag, 1. Dezember 2014
„Ein Selbstzwang, der sich als Freiheit ausgab.“ Zu Sven Reichardts monumentaler Studie „Authentizität und Gemeinschaft“.
Wenn eine Habilitationsschrift in der
renommierten Wissenschaftsreihe bei Suhrkamp erscheint, kann das zwei
Gründe haben. Zum einen wäre das sowohl die stilistische als auch
die akademische Brillanz des vorgelegten Werkes. Zum anderen wäre
diese Form der Adelung aber auch betriebswirtschaftlich zu erklären
– der Verlag ginge in diesem Fall davon aus, dass der
Personenkreis, der mit der inzwischen sprichwörtlichen
Suhrkamp-Kultur groß geworden ist, ein gesteigertes Interesse an
diesem Buch haben könnte. Letzteres trifft bei Reichardts Buch ohne
Zweifel zu, denn in seiner Studie geht es genau um sie (und auch das
Argument der herausragenden Qualität wird in weiten Teilen
eingelöst).
Worum geht es Reichardt also in dieser
fast tausendseitigen Schrift: Der Autor hat sich die
unterschiedlichsten Schattierungen des linksalternativen Lebens der
1970er und frühen 1980er Jahre vorgenommen und er fragt weniger nach
den allbekannten und politikgeschichtlich schon recht gut erforschten
politischen Zielen der Gruppierungen, wie sie sich in Anti-AKW-,
Friedens- und Frauenbewegung ausdrückten. Reichardt verlässt die
eingefahrenen Bahnen politikgeschichlicher Forschung (die neben
wirtschaftsgeschichtlichen Fragen) noch immer die Erforschung der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominieren – und das zurecht,
ging es doch zunächst darum, die groben Linien dieser Epoche zu
vermessen, bevor ausgehend von den entsprechenden Befunden auch
anderen Themen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Reichardt
geht nun der Frage nach, wie die Personen lebten, die sich in
Brokdorf auf Demonstrationen gegen die Atomindustrie, in Bonn gegen
die NATO-Nachrüstung oder überall gegen die männliche
Vorherrschaft in Familien und Arbeitsleben engagierten. Wie
gestalteten sie ihren Alltag? Wie lebten sie? Wie arbeiteten sie? Und
vor allem: Wie sprachen sie darüber?
Äußerst überzeugend wählt Reichardt
die beiden Begriffe „Authentizität“ und „Gemeinschaft“, um
sich sowohl die Lebensstile als auch Fraktionierungen innerhalb des
linksalternativen Milieus zu erschließen. In unterschiedlichen
Themenfeldern – von der linksalternativen Presse über
Wohngemeinschaften bis hin zu Frauen- (und Männer-)bewegung,
Kindererziehung, alternativen Betrieben, Spiritualität und
Drogenerfahrungen – sucht Reichardt nach der Einforderung von
authentischen Erfahrungen, Arbeitsverhältnissen, Beziehungen, die
den Zwängen der als entfremdet wahrgenommenen bundesrepublikanischen
Gesellschaft mit ihrem Streben nach Konsum und Karriere
entgegengehalten wurden.
Von K-Gruppen und Resten der 68er als
unpolitische Privatiers geschmäht, sahen die Angehörigen des
alternativen in dem, was sie taten, doch eine neue Form des
Politischen, so Reichardt. Überzeugend argumentiert Reichardt, dass
mit diesem neuen Lebensstil jedoch keineswegs das Ende aller Zwänge
eingeläutet wurde – vielmehr wurden neue Zwänge aufgebaut, die
oftmals unbewusst eine enorme Wirkmächtigkeit entfalteten. Allen
voran, der Zwang zur allgegenwärtigen Selbstoffenbarung, zur
Öffentlichmachung privatester Details unter der Maßgabe: „Sei
authentisch!“
Kritisch anzumerken wären bei
Reichardts Studie einige Redundanzen, die sich wohl vor allem daraus
ergeben, dass sich die unterschiedlichen Kapitel auch separat lesen
lassen können sollen, während die behandelten Themen jedoch nicht
immer trennscharf zu scheiden sind. Man kann sich jedenfalls gut
vorstellen, dass sich an den unterschiedlichsten Universitäten in
Seminaren zu den 1970er und 1980er neben der thesenhaft zuspitzenden
Studie von Doering-Manteuffel und Raphael („Nach dem Boom“)
Studierende auch mit einzelnen Kapiteln aus Reichardts Studie
beschäftigen werden – und für einen derartigen Kontext eignen
sich die Kapitel sicher ganz hervorragend. Noch problematischer
erscheint mir allerdings der Umstand, dass das von Reichardt (sicher
zurecht) als bunt beschrieben Milieu in der wissenschaftlichen
Bearbeitung ganz ohne Bildteil auskommen muss. Ein paar wenige Fotos
aus selbstverwalteten alternativen Betrieben oder Wohngemeinschaften,
nur wenige Reproduktionen aus der von Reichardt so überzeugend
beschriebenen alternativen Presse, und schon wäre die Studie noch
anschaulicher geworden, als sie es ohnehin schon – trotz ihres
wissenschaftlichen Niveaus und ihres beträchtlichen Umfangs – ist!
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Dienstag, 16. September 2014
Quo Vadis NS-Forschung: Volksgemeinschaft, Hitlermythos oder doch "fatale Attraktion"?
Thomas Rohkrämer macht mit seinem neuen Buch über die "fatale Attraktion des Nationalsozialismus" eines deutlich - wie man trotz einer wichtigen und interessanten Fragestellung ein Buch schreiben kann, dessen es nicht bedurft hätte. Liegt es daran, dass der Autor mit einer schier nervtötenden Penetranz seine eigene Wortschöpfung immer wieder auftischt, auf dass man sie dann auf jeden Fall bei nächstmöglicher zitieren möge. (Dass sie dazu noch grammatikalisch windschief ist, geht es doch Rohkrämer mehr um "fatale Attraktivität" des Nationalsozialismus und nicht um "Attraktionen", sei nur am Rande bemerkt.); sei es, dass er trotz dieser neuerlichen Begrifflichkeit nichts Neues zu sagen weiß - in jedem Fall fragt man sich schon, ob es dieser gut 330 Textseiten bedurft hätte, welchen Erkenntnisgewinn man bei sich selbst verzeichnen kann und was nun genau Rohkrämers Thesen sind, die die historische Forschung zum Nationalsozialismus voranbringen sollen.
Dieser unbefriedigende Eindruck ergibt sich vor allem daraus, dass Rohkrämer zwar in guter wissenschaftlicher Manier in der Einleitung die Studien und Forschungsrichtungen zum Nationalsozialismus benennt, von denen er sich mit seiner eigenen Arbeit abzusetzen gedenkt - was dann im Hauptteil folgt, ist allerdings nichts anderes als die wenig inspirierte Wiedergabe eben genau dieser Arbeiten (zuweilen noch in nervtötend flapsiger Sprache, in der aus "Villen" "Villas" werden und immerzu "gemeckert" wird, als gäbe es dafür kein weniger umgangssprachliches Wort).
Alys Ansatz sei zu materialistisch, Kershaw beziehe sich zu ausschließlich auf Hitler und den um ihn herum konstruierten Mythos und auch die augenblicklich florierende Volksgemeinschaftsforschung (deren innovatives Potential durchaus auch in vielen Punkten fraglich ist) reicht Rohkrämer ebenfalls nicht - so liest sich jedenfalls seine Einleitung. Und was bekommen wir dann zu lesen? Eine Kurzfassung der Forschungen Kershaws; einen Überblick über die materiellen Versprechen an die "Volksgenossen"; Darstellungen über die freudige Einpassung in die "Volksgemeinschaft", die nicht nur Versprechungen macht, sondern auch Forderungen an den einzelnen stellt. Alles abgeschmeckt mit ein wenig Benjamin und dessen (durchaus überzeugender) These von der "Ästhetisierung der Politik", die im Nationalsozialismus neue Früchte getragen hat. Auch das ist nicht neu, den "schönen Schein" des Nationalsozialismus haben uns schon andere hinter dem dunklen Schleier der Massenverbrechen hervorgeholt.
Um positiv zu schließen, kann man Rohkrämer attestieren, eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der Forschungen zum Nationalsozialismus als "Zustimmungsdiktatur" geliefert zu haben - mehr nicht. Dies ist durchaus einen anerkennenswerte Leistung, wenn nicht die Versprechungen in der Einleitung auf mehr hindeuteten. Dass darüber hinaus die Quellenauswahl wenig innovativ ist - von Tagebuchaufzeichnungen über Memoiren bis hin zu den Abhörprotokollen, die von Neitzel und Welzer analysiert wurden, alles nur immer wieder zitiertes und bekanntes Material -, fügt sich ins insgesamt wenig überzeugende Gesamtbild.
Rezension zu: Thomas Rohkrämer, Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Über die Popularität eines Unrechtsregimes, Paderborn 2013.
Dieser unbefriedigende Eindruck ergibt sich vor allem daraus, dass Rohkrämer zwar in guter wissenschaftlicher Manier in der Einleitung die Studien und Forschungsrichtungen zum Nationalsozialismus benennt, von denen er sich mit seiner eigenen Arbeit abzusetzen gedenkt - was dann im Hauptteil folgt, ist allerdings nichts anderes als die wenig inspirierte Wiedergabe eben genau dieser Arbeiten (zuweilen noch in nervtötend flapsiger Sprache, in der aus "Villen" "Villas" werden und immerzu "gemeckert" wird, als gäbe es dafür kein weniger umgangssprachliches Wort).
Alys Ansatz sei zu materialistisch, Kershaw beziehe sich zu ausschließlich auf Hitler und den um ihn herum konstruierten Mythos und auch die augenblicklich florierende Volksgemeinschaftsforschung (deren innovatives Potential durchaus auch in vielen Punkten fraglich ist) reicht Rohkrämer ebenfalls nicht - so liest sich jedenfalls seine Einleitung. Und was bekommen wir dann zu lesen? Eine Kurzfassung der Forschungen Kershaws; einen Überblick über die materiellen Versprechen an die "Volksgenossen"; Darstellungen über die freudige Einpassung in die "Volksgemeinschaft", die nicht nur Versprechungen macht, sondern auch Forderungen an den einzelnen stellt. Alles abgeschmeckt mit ein wenig Benjamin und dessen (durchaus überzeugender) These von der "Ästhetisierung der Politik", die im Nationalsozialismus neue Früchte getragen hat. Auch das ist nicht neu, den "schönen Schein" des Nationalsozialismus haben uns schon andere hinter dem dunklen Schleier der Massenverbrechen hervorgeholt.
Um positiv zu schließen, kann man Rohkrämer attestieren, eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der Forschungen zum Nationalsozialismus als "Zustimmungsdiktatur" geliefert zu haben - mehr nicht. Dies ist durchaus einen anerkennenswerte Leistung, wenn nicht die Versprechungen in der Einleitung auf mehr hindeuteten. Dass darüber hinaus die Quellenauswahl wenig innovativ ist - von Tagebuchaufzeichnungen über Memoiren bis hin zu den Abhörprotokollen, die von Neitzel und Welzer analysiert wurden, alles nur immer wieder zitiertes und bekanntes Material -, fügt sich ins insgesamt wenig überzeugende Gesamtbild.
Rezension zu: Thomas Rohkrämer, Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Über die Popularität eines Unrechtsregimes, Paderborn 2013.
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Freitag, 5. September 2014
Kindliche Perspektiven auf die Grausamkeit des Krieges. Eine Ausstellung in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zu polnischen Kinderzeichnungen aus dem Jahr 1946
Wesen ohne Hals und ohne Unterkörper,
dafür mit direkt am Brustkorb ansetzenden Beinen und langen Armen –
und Mützen, auf denen ein Hakenkreuz zu sehen ist. Eckige Häuser,
denen wild lodernde Flammen aus dem Dach steigen, gezeichnet mit
Buntstift und roter Tinte. Davor stilisierte Figuren, zeichnerisch
zwischen Strichmännchen und einem altersgerechten Realismus
angesiedelt.
Wenn Kinder den Krieg sehen und anschließend zeichnen – was kommt dabei heraus? Die Ausstellung „Kinder im Krieg. Polen 1939 – 1945“, die in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße in Braunschweig gezeigt wird, versucht Anworten auf diese Frage zu geben. Oder besser: Polnische Kinder, 1946 durch ein Preisausschreiben einer Zeitung dazu animiert, geben die Antwort selbst, der Gedenkstätte kommt nur das Verdienst zu, diese Quellen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und sie sind es wert, von möglichst vielen Personen gesehen zu werden: nicht nur ihre relative Unbekanntheit (zumindest in Deutschland, in Polen werden sie wohl schon häufiger als Quellen für die historische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg verwendet), sondern auch die kindlich-künstlerische Verarbeitung des Krieges in diesen Bildern machen diese (zugegeben) eher kleine Ausstellung mehr als sehenwert.
Die begleitenden Texte sind auf das
Notwendigste beschränkt, die Bilder sollen gleichsam für sich
selbst sprechen – und das tun sie. Kurze Hintergrundinformationen
zur brutalen deutschen Besatzungspolitik machen deutlich, dass die
grausam-grotesken Szenen keineswegs der infantilen Phantasie mit
ihrer Vorliebe für brutal-drastische Darstellungen entsprungen sind.
Mit den Mitteln des schulischen Kunstunterricht versuchen Kinder (zum
Teil noch Erstklässler) auf ihre Art ihren Erlebnissen einen (im
kunstgeschichtlichen Sinne) realistischen Ausdruck zu geben. Dass
diese Bilder dann eher an die Werke eines George Grosz erinnern als
an gegenwärtige Kinderzeichnungen mit einladenden Spitzgiebelhäusern
und lachenden Sonnen, ist dem Erfahrungshintergrund der jungen
Künstler geschuldet. (Und belegt dialektisch betrachtet wieder
einmal, dass George Grosz einer der größten realistischen Maler des
20. Jahrhunderts war, und das gerade weil er die Welt nicht malte,
wie sie aussah, sondern wie sie war!)
Nach den traumatischen Erfahrungen der
hier ausgestellten Kinder verwundert es nicht, dass das Material auch
polnischen Psychologen dabei helfen sollte, mit den Kindern zu
arbeiten, um ihnen so ein möglichst normales Leben nach dem Krieg zu
ermöglichen. Und hier beginnt auch schon die mehr als spannende
Nachgeschichte der Quellen, die die Kuratorin der Ausstellung, Iris
Helbing, in ihren einleitenden Worten deutlich machte: Nachdem
tausenden von Zeichnungen bei der Zeitung eingegangen waren, ja
nachdem selbst ganze Klassen dazu ermuntert worden waren, ihre
Erfahrungen zeichnerisch zu Papier zu bringen, wanderte ein Großteil
der Bilder in ein polnisches Archiv. 100 von ihnen allerdings kamen,
als Dankeschön für die tatkräftige Unterstützung, zu einem Helfer
nach Dänemark und wurden nach dessen Tod der polnischen Botschaft in
Kopenhagen übergeben – genau die Bilder sind es nun, aus denen die
Ausstellung eine Auswahl präsentiert.
Zum Abschluss noch ein paar
geschichtsdidaktische Überlegungen: Von der Kuratorin wurde immer
wieder darauf hingewiesen, dass die Ausstellung besonders für
Schulklassen geeignet sei, um sich über die Zeichnungen vermittelt
einen Zugang zum Thema Zweiter Weltkrieg zu ermöglichen. Die
Grundannahme dabei: Schüler könnten sich eher mit Quellen
identifizieren, die von Personen ihres Alters produziert worden
seien. Aber ist das wirklich so? Mir scheint das eine noch immer zu
wenig untermauerte Annahme vieler geschichtsdidaktischer Projekte
sowohl des schulischen Unterrichts als auch außerschulischer
Lernorte zu sein. Hier sollten empirische Studien klären, ob es
tatsächlich der Fall ist. Und zweitens sollte gefragte werden, ob
Identifikation überhaupt das Ziel sein kann …
Informationen der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zur Ausstellung
Sonntag, 31. August 2014
Ruf aus der Gruft. Zu Hans-Ulrich Wehlers Essayband "Die Deutschen und der Kapitalismus"
Seinem Freund und Generationsgenossen Habermas entsprechend, der mit seinen immer wieder in Buchform zusammengefassten "Kleinen Schriften" kürzere Beiträge zum Zeitgeschehen publiziert, ist es auch bei Wehler gute Tradition, dass seine verstreut erschienenen Beiträge in regelmäßigen Abständen gebündelt erscheinen. Was der C.H.-Beck-Verlag in Wehlers Todesjahr nun publiziert ist Wehler at his best - und at his worst!
Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.
Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!
Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.
Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!
Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.
Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.
Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.
Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!
Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.
Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!
Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.
Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.
Freitag, 18. Juli 2014
„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg
Überraschend war wohl nur der große
Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt,
Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die
unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot,
war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein
amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten
Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein
paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.
Ist die politikwissenschaftliche
Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag
sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten,
aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt
Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch
vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu
bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten,
sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch
eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen.
Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen
Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass
zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was
Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen
mitzuteilen haben.
Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt
Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19.
Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon
gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da
stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch
über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig
blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die
überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter)
viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der
Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die
diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation
technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht
vor, oder zumindest aber zu kurz.
Warum die Soldaten nicht aufhörten zu
kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen
Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich
gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich
argumentierende These, dass man die Perspektive der
Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht
außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert
(was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie
widerlegen zu müssen).
Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl
in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu
können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben
den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung
mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft
das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien.
Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das
wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des
Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards
Studie ist.
Freitag, 11. Juli 2014
Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler
Wird auch Wehlers Konzept der
Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich
für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale
Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass
er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.
Ganz im Sinne der von Brecht einmal für
seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat
Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende
Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur
Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den
obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte,
sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig.
Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender
HistorikerInnengenerationen!
Auch wenn die Entwicklung des Faches
über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen
sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den
Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so
sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion
des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“)
noch heute vorbildgebend und Teil des universitären
Ausbildungskanons des Faches sein.
Hinterließ Wehler in der Wissenschaft
mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu
interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften
ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein,
der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen
Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur
in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und
alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der
Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem
eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den
damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht
allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was
festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung
gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die
Diskurse prägte.
Und genau dies scheint mir der Punkt zu
sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich
wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer
Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der
ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene
Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem
(hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges
Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion
wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen
Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit
Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller
Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei
sein.
Dienstag, 29. April 2014
Auf Stimmungenfang. Ulrike Edschmids Roman "Das Verschwinden des Philip S." (Aktion: Blogger schenken Lesefreude)
Während die akademische
Geschichtsschreibung sich schwer damit tut, Stimmungen einzufangen –
der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat erst in seiner
aktuellen Arbeit zur Latenz einen theoretisch begründeten Anfang zu
ihrer möglichen wissenschaftlichen Analyse gemacht –, so hat die
in aus der Zeitgeschichte ihre Themen beziehende Literatur hier einen
klaren Vorteil. Sie muss sich weniger um Quellen und die Frage der
empirischen Überprüfbarkeit stellen, ihre Plausibilität ergibt
sich aus der erzählten Fabel und der dazu verwendeten erzählerischen
Mittel.
Autobiographisch fundierte Literatur
nimmt dazu noch die Autorität des Zeitzeugen für sich in Anspruch.
Wenigen Romanen gelingt es wohl derart überzeugend eben die
Stimmungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre so überzeugend
einzufangen – und darzustellen – wie Ulrike Edschmid in ihrem
Buch „Das Verschwinden des Philip S.“ Einzig Uwe Timms „Heißer
Sommer“ ist darin eventuell noch vergleichbar, im Gegensatz zu
Timms Erzählhaltung, der sich mit gekonnter Ironie im Erzähmodus
der Komödie bewegt, ist bei Edschmid wenig Komisches oder Ironie zu
finden.
Edschmid lässt den Leser eine Tragödie
nachvollziehen. Den Weg des Filmstudenten Philip S. Von formalen
Experimenten auf der Leinwand und privaten Aufbrüchen mit dem Ziel einer
Neugestaltung von Familienleben und Kindererziehung hin zum
Terrorismus der 1970er Jahre. Äußerst überzeugend gestaltet
Edschmid dabei die Position der (wiederum autobiographisch) gefärbten
Ich-Erzählerin, die diesen Weg zunächst mitgeht, irgendwann jedoch
– vor allem in Sorge um das eigene Kind – aus der Gewaltspirale
ausbricht und nur noch beobachten kann, wie Philip S. den Gang in die
Illgelität antritt und letztlich in einer Schießerei mit Polizisten
stirbt.
Mit Nostalgie für die Aufbruchjahre
der 1960er und mit zunehmendem Unverständnis darüber, was daraus
folgte, beschreibt Edschmid den Abschied ihres Lebensgefährten aus
dem vermeintlich richtigen Leben im so empfundenen falschen um sie
herum. Die entsprechenden zeitgeschichtlichen Ereignisse, die die
Radikalisierung der späten 1960er Jahre bedingten, werden benannt
(die Erschießung Ohnesorgs, die Schlacht am Tegeler Weg etc.), die
entsprechenden zeithistorischen Personen treten auf (wobei auffällt,
dass z.B. Rudi Dutschke nie beim Namen genannt, sondern nur als
„Studentenführer“ deklariert wird, eine Zuschreibung, die er
selbst – auch wortwörtlich – immer wieder für sich abgelehnt
hat) und die Stimmung dieser Zeit wird, jedenfalls für jemanden, der
sie nicht miterlebt, sondern nur aus der Forschung und aus
zeitgenössischen Berichten kennt, sowohl faktisch überzeugend als
auch stilistisch gekonnt dargestellt. Dabei fällt vor allem
Edschmids gelungene Beschreibung der Verflechtungsgeschichte der
Studentenbewegungen der Bundesrepublik und Italiens auf, die erst
seit kurzer Zeit auch Teil einer wissenschaftlichen Beschäftigung
mit dieser Zeit ist (Vgl. die Habilitation von Petra Terhoeven).
Edschmids Roman ist ein Buch, das für
jeden zu empfehlen ist, der sich mit der bundesrepublikanischen
Zeitgeschichte beschäftigt und der nach den Gründen für den
Terrorismus der 1960er Jahre fragt. Dass Edschmid – die nicht nur
als Chronistin, sondern auch als Beteiligte – die Ursache vor allem
bei einer Überreaktion der staatlichen Stellen zu Beginn des
kulturellen Aufbruchs sieht, der Terrorismus von RAF und den
vergleichbaren Gruppen so nur eine ebenfalls gewaltsame Reaktion auf
Hausdurchsuchungen, Überwachungen, Beschlagnahmungen und Festnahmen erscheint, macht ihr Buch auch zu einem Thesenroman, über dessen
Grundannahmen diskutiert werden kann und muss. Sollten weitere
Diskussionsbeiträge ebenso gekonnt und lesenswert ausfallen, kann
darin nur eine begrüßenswerte Entwicklung gesehen werden.
Rezension zu:
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags
Erwähnte weitere Werke:
Uwe Timm, Heißer Sommer, München
1998. (Zuerst 1974; das frühe Erscheinungsdatum legt wohl auch noch
eher die Erzählform der Komödie nahe – der „Deutsche Herbst“
war so noch nicht Teil der Erfahrungswelt des Autors) Seite des Verlags
Hans Ulrich Gumbrecht, Nach 1945.
Latenz als Ursprung der Gegenwart, Berlin 2012. Seite des Verlags
Petra Terhoeven, Deutscher Herbst in
Europa. Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales
Phänomen, München 2014. Besprechung bei HSozKult
Die Besprechung dieses Buchs erfolgt im
Rahmen der Aktion „Blogger schenken Lesefreude.“ Das Buch wird
nach der Besprechung einem interessierten Leser zur Verfügung
gestellt. Die 1960er Jahre waren eine Zeit, in der es auch – siehe
die auch im Roman vorkommenden Raubdrucke – um eine
Demokratisierung des Wissens ging. Teil dieser Demokratisierung von
Wissen und Bildung der Gegenwart sind die in zahlreichen Städten
aufgestellten Bücherboxen. In diesen können nicht mehr benötigte
Bücher weiteren Lesern zur Verfügung gestellt werden, um sie vor
dem Altpapiercontainer zu bewahren. Dieses Exemplar von Edschmids
Roman wurde in der Bücherbox am Engelborsteler Damm in Hannover
deponiert und findet so hoffentlich weitere interessierte Leser.
Zu den öffentlichen
Bücherboxen/Bücherschränken siehe auch den entsprechenden Eintrag bei Wikipedia
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Zeitgeschichte
Freitag, 22. März 2013
Dissertationsbeifang – Kuriosita aus den Recherchen zur Do-it-yourself-Bewegung in der Bundesrepublik I: Das Leiden der Frauen
Die Arbeit an meiner Dissertation zur
Do-it-yourself-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 fördert
zuweilen Quellenkuriosita zutage, von denen nicht sicher ist, ob sie am Ende
auch Gegenstand der Ausführungen werden können. In ihrer ungewollten,
zeitbedingten Komik verdienen sie es aber dennoch, präsentiert zu werden, wenn
nicht in wissenschaftlicher, so doch vielleicht in
impressionistisch-essayistischer Manier. Heute soll der Anfang gemacht werden.
Wir befinden uns im Jahr 1958; an einem Sommertag im Juni
versammelt sich eine Schar prominenter WirtschaftswissenschaftlerInnen aus
verschiedenen Ländern – von Schweden bis
Nigeria – in der beschaulichen Schweiz und unterhält sich über die zukünftigen
Potentiale des Do-it-yourself-Gedankens.
Insbesondere die anwesenden Frauen weisen auf die Gefahren
dieses Phänomens hin:
Frau E. Heyman (GB): „Sie weist auch darauf hin, was eine Familie unter einem ‚Do-it-yourself‘-Enthusiasten zu leiden hat. Es bleibt in der Regel der Gattin überlassen, die Unordnung wieder aufzuräumen, die ihr Mann verursacht hat.“
Frau E. Heyman (GB): „Sie weist auch darauf hin, was eine Familie unter einem ‚Do-it-yourself‘-Enthusiasten zu leiden hat. Es bleibt in der Regel der Gattin überlassen, die Unordnung wieder aufzuräumen, die ihr Mann verursacht hat.“
Dagegen Frau E. Hirsch (USA), die zuvor schon ein Referat
über die Do-it-yourself-Bewegung in den Vereinigten Staaten gehalten hat: „„Als
Beispiel der ‚Do-it-yourself‘-Bewegung zitiert sie den Fall, wo die Ehefrau in
der Bastler-Werkstatt nicht zugelassen wird und somit auch nicht aufzuräumen
braucht.“
Frau Goes aus Dänemark wiederum pflichtet Frau Heyman zu: „Frau
Groes stimmt mit Frau Heyman darin überein, dass die Gattin unter der
‚Do-it-yourself‘-Bewegung zu leiden hat.“
Nun wendet sich aber Herr Brüschweiler aus der neutralen
Schweiz an die versammelten Damen und legt den Konflikt bei: „Verschiedene Damen
haben sich in der Diskussion darüber beklagt, dass das ‚Do-it-yourself‘
lediglich dazu führe, dass die Frauen nachher die vom Mann hinterlassene
Unordnung aufräumen müssen. Dazu kann er nur sagen: Meine Damen, Sie haben ihre
[sic!] Männer schlecht erzogen.“
Was lernen wir daraus: Erziehung ist die Basis einer guten
Beziehung!
Montag, 18. März 2013
Ein Historiker auf Reisen I: Malta
Jedem, der seiner Profession ganz
erlegen ist, wird es wohl so gehen, dass er auch im Urlaub nicht von
ihr lassen kann: Der ambitionierte Zoologe wird wohl auch am
Ferienort Wälder, Wiesen und sonstige Landschaft durchstreifen –
immer auf der Suche der Echse, dem Insekt, ja vielleicht gar dem
Warmblütler, den er bislang noch nicht in seinem natürlichen
Habitat hat bewundern und katalogisieren können; ein ebensolcher
Ingenieur wird – jedenfalls in meiner Vorstellung – auch in
seinem Frühlings- oder Sommerdomizil daran gehen, sich
Brückenkonstruktionen, interessante bauliche Lösungen für lokale
geologische Gegebenheiten oder Dergleichen anzusehen; ganz zu
schweigen von den Sozialwissenschaftlern, die einen Teil ihrer
sicher nicht allzu reichlich gesäten Urlaubszeit dazu verwenden
dürften, Elendsviertel, Slums aber auch Gated Communities einer sich
andauernd als bedroht empfindenden Mittel- oder Oberschicht zu
beschreiben und sie für sich (und für die bedauernswerten
Mitgereisten) zu analysieren.
Dem Historiker geht es ähnlich, stößt
doch auch er, egal wo er sich befindet, auf genau das, was ihn
interessiert: Geschichte! Verbringt man seine Tage auf Malta recken
einem schon aus jedem Souveniershop die putzigsten Plastikritterchen
ihre Schwerter entgegen, wie zum Ausweise der eigenen historischen
Bedeutung. Eben diese möchte ich ihnen und den gewieften
Andenkenhändlern auch nicht nehmen, nur interessiert mich persönlich
das Mittelalter eher herzlich wenig (auch wenn Rüstungen und Waffen
durchaus das nicht allzu sehr mit dem Mantel des Erwachsenseins
umgürtete Kind in mir zu Begeisterungsstürmen hinzureißen
vermögen.) Als Zeithistoriker interessiert unsereins doch vielmehr
die historische Gewordenheit des gegenwärtigen Zustands von Staat
und Gesellschaft (ganz zu schweigen von Kultur): Warum zum Beispiel
funktioniert hier ein preisgünstiges öfffentliches
Nahverkehrssystem mit Buspreisen nahe der Kostenlosigkeit, wo bei uns
jede Fahrplanänderung Preiserhöhungen nach sich zieht, die
tatsächlich schmerzhaft sind?
Aber auch weniger soziolpolitische,
sondern kulturgeschichtliche Fragen wären von Interesse: Eine
Erklärung für die zahlreich vorhandenen streunenenden Hauskatzen
zum Beispiel ließe sich sicher geschichtswissenschaftlich herleiten
und vielleicht interessante Ergebnisse zutage fördern. (Vielleicht
sogar kulturvergleichend? Warum sind es anderswo eher streunende
Hunde?) Die Interpretation, dass dies die Nachfahren von im Zweiten
Weltkrieg in den Städten zurückgelassenen Stubentigern seien,
während Herrchen und Frauchen in den Schutz des ländlichen
Hinterlandes flohen, wäre ein Ansatz. Ob er trägt?
Überhaupt der Zweite Weltkrieg! Wie in
ganz Europa und darüber hinaus müssen gerade die Jahre von
Besatzung, andauernden Angriffen zunächst der Italiener später der
Luftwaffe und den anschließenden Vorbereitungen der britischen
Landung auf Sizilien eine prägende Zeit gewesen sein, die sicher
Stoff für zahlreiche sozialgeschichtliche Studien bereithalten.
(Gleiches gilt sicher für die Rolle Maltas als alliiertes
Spionagezentrum – mit reichlich Material für den ein oder anderen
Agententhriller: Feuchtheiße Bunker, ausgestattet mit der damals
neuesten Nachrichtentechnik, wackere Männer und Frauen, die in der
widrigen Umgebung an der Entschlüsselung der Nachrichten der
Achsenmächte arbeiten, und Einmannerkundungstrupps zur Küste
Siziliens, um dort die geeigneten Küstenabschnitte zum Angriff
auszumachen.)
Die gegenwärtige Geschichtsschreibung
zu Malta im Zweiten Weltkrieg scheint allerdings noch stark von einer
technikverliebten und auf Schlachtenverläufe abzielenden britischen
Tradition geprägt zu sein. Informationen über die Gesellschaft im
Krieg müssen dabei schon zwischen den Zeilen und in Unterkapiteln
verborgen gesucht und gefunden werden.
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Zweiter Weltkrieg
Mittwoch, 6. März 2013
Geschichte im Computerspiel. Über eine neue Forschungskonjunktur
Wie es scheint, kommt nun langsam die Generation, die wenigstens einen Teil ihrer Jugend mit Computerspielen verbracht hat, in das Alter, wo man daran geht, akademische Qualifikationsarbeiten zu schreiben. Waren vor einigen Jahren noch die Arbeiten zu "Geschichte im Comic" derart zahlreich, dass es wohl eines Zaubertranks bedurft hätte, um sie alle auch nur oberflächlich wahrzunehmen, droht ein gleiches Schicksal nun den Computerspielen.
Notdürftig mit fachdidaktischem Vokabular bemäntelt - wie z.B. mit dem geradezu inflationär verwendeten Begriff der 'Geschichtskultur' - gehen nun ehemalige und aktive Gamer (auffälligerweise handelt es sich tatsächlich größtenteils um "Wissenschaftler" männlichen Geschlechts) daran, ihr Hobby zur Wissenschaft zu machen. Hanebüchene Fragestellungen und in allen Einleitungstexten wiedergekäute unbedingt zu beseitigende Desiderate werden aufgestellt und dann mehr oder weniger sachkundig bearbeitet. Welche Epochen werden besonders häufig für die Konzeption von Spielen verwendet? Welches Geschichtsbild wird vermittelt? Kann man durch Computerspiele lernen?
An dem Punkt, an dem es interessant wird, bricht man ab: Nein, welche Wirkungen die vermittelten Inhalte auf die Rezipienten haben, könne nicht beantwortet werden. Wirkungsforschungen seien kompliziert und überhaupt sprängen sie das (freilich selbst entworfene!) Forschungsdesign. Grandiose, die Wissenschaft ungemein voranbringende Erkenntnisse sind die Folge: Neben Antike und Mittelalter ist vor allem der Zweite Weltkrieg (inzwischen aber auch vermehrt der Erste) in den Spielen anzutreffen...Wunderbar! Halten wir also fest: Krieg eignet sich als Thema für Computerspiele ganz ungemein. (Ich bin bei Gott kein Experte für Computerspiele, bekomme ich doch vom Spielen schnell Kopfschmerzen, aber die besondere Attraktivität kriegerischer Auseinandersetzungen für Spiele habe ich mir durchaus auch vor der Lektüre vorstellen können - bedarf es doch immer eines Konflikts, um jedes Spiel interessant zu machen; von Schach, über Mensch ärgere dich nicht, bis eben zu dem, was der Computer uns ermöglicht.)
Und der Lerneffekt? Nun ja, mit dem sei es auch nicht so weit her und überhaupt: Man darf die Spieleindustrie auch nicht mit didaktischen Maßstäben messen! Ganz meine Meinung, aber dann tut es doch bitte auch nicht unentwegt. Computerspiele sind eine Ware auf dem hart umkämpften Unterhaltungsmarkt und auch als solche zu analysieren. Warum nicht mal branchen- oder unternehmensgeschichtliche Studien, um überhaupt einmal zu fragen, warum Geschichte derart interessant für die Produzentenseite ist? Und wenn schon von Geschichtskultur gesprochen wird, dann bitte auch nicht nur von den möglichen Medien, die diese transportieren (eben den Spielen!), sondern durchaus auch von den Rezipienten, die mit dieser umgehen. Dass dies durchaus eigensinnig geschehen kann, dass der Rezipient niemand ist, der blind übernimmt, was ihm dargereicht wird, sind letztlich Erkenntnisse, die sich von der Literaturwissenschaft durch alle anderen Kultur- und Geisteswissenschaften ziehen.
Genau diese Grundannahme sollte das Forschungsvorhaben bestimmen.
Notdürftig mit fachdidaktischem Vokabular bemäntelt - wie z.B. mit dem geradezu inflationär verwendeten Begriff der 'Geschichtskultur' - gehen nun ehemalige und aktive Gamer (auffälligerweise handelt es sich tatsächlich größtenteils um "Wissenschaftler" männlichen Geschlechts) daran, ihr Hobby zur Wissenschaft zu machen. Hanebüchene Fragestellungen und in allen Einleitungstexten wiedergekäute unbedingt zu beseitigende Desiderate werden aufgestellt und dann mehr oder weniger sachkundig bearbeitet. Welche Epochen werden besonders häufig für die Konzeption von Spielen verwendet? Welches Geschichtsbild wird vermittelt? Kann man durch Computerspiele lernen?
An dem Punkt, an dem es interessant wird, bricht man ab: Nein, welche Wirkungen die vermittelten Inhalte auf die Rezipienten haben, könne nicht beantwortet werden. Wirkungsforschungen seien kompliziert und überhaupt sprängen sie das (freilich selbst entworfene!) Forschungsdesign. Grandiose, die Wissenschaft ungemein voranbringende Erkenntnisse sind die Folge: Neben Antike und Mittelalter ist vor allem der Zweite Weltkrieg (inzwischen aber auch vermehrt der Erste) in den Spielen anzutreffen...Wunderbar! Halten wir also fest: Krieg eignet sich als Thema für Computerspiele ganz ungemein. (Ich bin bei Gott kein Experte für Computerspiele, bekomme ich doch vom Spielen schnell Kopfschmerzen, aber die besondere Attraktivität kriegerischer Auseinandersetzungen für Spiele habe ich mir durchaus auch vor der Lektüre vorstellen können - bedarf es doch immer eines Konflikts, um jedes Spiel interessant zu machen; von Schach, über Mensch ärgere dich nicht, bis eben zu dem, was der Computer uns ermöglicht.)
Und der Lerneffekt? Nun ja, mit dem sei es auch nicht so weit her und überhaupt: Man darf die Spieleindustrie auch nicht mit didaktischen Maßstäben messen! Ganz meine Meinung, aber dann tut es doch bitte auch nicht unentwegt. Computerspiele sind eine Ware auf dem hart umkämpften Unterhaltungsmarkt und auch als solche zu analysieren. Warum nicht mal branchen- oder unternehmensgeschichtliche Studien, um überhaupt einmal zu fragen, warum Geschichte derart interessant für die Produzentenseite ist? Und wenn schon von Geschichtskultur gesprochen wird, dann bitte auch nicht nur von den möglichen Medien, die diese transportieren (eben den Spielen!), sondern durchaus auch von den Rezipienten, die mit dieser umgehen. Dass dies durchaus eigensinnig geschehen kann, dass der Rezipient niemand ist, der blind übernimmt, was ihm dargereicht wird, sind letztlich Erkenntnisse, die sich von der Literaturwissenschaft durch alle anderen Kultur- und Geisteswissenschaften ziehen.
Genau diese Grundannahme sollte das Forschungsvorhaben bestimmen.
Montag, 4. März 2013
Emotionen und Förmlichkeiten. Ursula Krechels Roman Landgericht
"Keine Emotionen sind überliefert, nur Förmlichkeiten, Verbindlichkeiten [...]"; jeder geschichtswissenschaftlich Forschende wird ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zumal wenn er es mit Verwaltungsschrifttum zu tun bekommen hat. Zahlen, Paragraphen und das scheinbare so korrekte Beamtendeutsch lassen häufig keinen Platz für Gefühle, für Empfindungen, für das, was eben derartige Schriftstücke bei demjenigen auslösen, der sie zugestellt bekommt. Die akademische Zeitgeschichte kann derartige Lehrstellen nur schwerlich ausfüllen: Ihr Methodenapparat mit seinen Anforderungen an die intersubjektive Plausibilität der eigenen Schlüsse, die Angewiesenheit auf Quellen für die Thesenbildung und die Überprüfbarkeit der Interpretationen bürgen zwar auf der einen Seite für ihre Wissenschaftlichkeit. Auf der anderen Seit verbleiben aber auch zahlreiche schmerzliche Lehrstellen eben gerade dort, wo es um die individuelle Erfahrungs- und Gefühlswelt von Einzelpersonen geht.
Die Literatur - und insbesondere der (zeit-)historische Roman bieten hier Abhilfe. Dabei geht es weniger um geschichtlich schlecht bemäntelte Machwerke, die sich der historischen Kulisse bedienen, um der dürftigen "Story", der austauschbaren Liebes- oder Kriminalitätsgeschichte, doch noch ein Mindestmaß an Relevanz zuteil werden zu lassen. Anders Werke, die sowohl zeitgeschichtlich fundiert recherchiert sind - und dabei sicher einen Aufwand verursacht haben, der einen landläufigen zeithistorischen Monografie in nichts nachsteht -, die aber gleichzeitig auch auf dieser abgesicherten Grundlage von der Imaginationskraft des Schriftstellers derart erfüllt sind, dass sie über das hinaus gehen, was eine wissenschaftliche Studie zu leisten vermag. (Und diese wird es aus oben genannten Gründen auch gar nicht leisten wollen - und das ist auch gut so!)
Ein solches Beispiel ist Ursula Krechels Roman Landgericht. Man merkt dem Buch an, dass sie sich darum bemüht, den zeitgeschichtlichen Hintergrund ihres Plots genau zu studieren: Selten wurden die 1950er Jahre plastischer in ihrer Dichotomie zwischen zukunftsgewissem Aufbruch und historischen Überhängen aus der NS-Zeit beschrieben. Und genau dazwischen wird der Remigrant Richard Kornitzer zerrieben; als geschulter Jurist, der als Jude vor dem NS-Terror nach Kuba fliehen musste, während seine "arische" Ehefrau in Berlin verblieb, werden die Instanzen geschildert, an die er sich in den 1950er wandt, um für sein Recht zu kämpfen - das ihm immer mit dem Verweis auf Paragraphen feinsäuberlich abgeschlagen werden. Mag die Geschichte selber wenig überraschend, ja inzwischen schon häufig gehört erscheinen, so ist die Art, wie Krechel sie darstellt, kaum zu übertreffen. Aktenkundliche Quellenfunde aus Wiedergutmachungsstellen werden den emotionellen Reflexionen Kornitzers und dessen Familiengeschichte gegenübergestellt. Auch wenn für diesen Fall, so wie Krechel es selber feststellt, keine Emotionen, sondern nur Förmlichkeiten und Verbindlichkeiten überliefert sind, gelingt es der Autorin doch, eben diese Leerstellen überzeugend zu füllen.
Rezension zu: Ursula Krechel, Landgericht. Roman, Salzburg u. Wien 2012.
Die Literatur - und insbesondere der (zeit-)historische Roman bieten hier Abhilfe. Dabei geht es weniger um geschichtlich schlecht bemäntelte Machwerke, die sich der historischen Kulisse bedienen, um der dürftigen "Story", der austauschbaren Liebes- oder Kriminalitätsgeschichte, doch noch ein Mindestmaß an Relevanz zuteil werden zu lassen. Anders Werke, die sowohl zeitgeschichtlich fundiert recherchiert sind - und dabei sicher einen Aufwand verursacht haben, der einen landläufigen zeithistorischen Monografie in nichts nachsteht -, die aber gleichzeitig auch auf dieser abgesicherten Grundlage von der Imaginationskraft des Schriftstellers derart erfüllt sind, dass sie über das hinaus gehen, was eine wissenschaftliche Studie zu leisten vermag. (Und diese wird es aus oben genannten Gründen auch gar nicht leisten wollen - und das ist auch gut so!)
Ein solches Beispiel ist Ursula Krechels Roman Landgericht. Man merkt dem Buch an, dass sie sich darum bemüht, den zeitgeschichtlichen Hintergrund ihres Plots genau zu studieren: Selten wurden die 1950er Jahre plastischer in ihrer Dichotomie zwischen zukunftsgewissem Aufbruch und historischen Überhängen aus der NS-Zeit beschrieben. Und genau dazwischen wird der Remigrant Richard Kornitzer zerrieben; als geschulter Jurist, der als Jude vor dem NS-Terror nach Kuba fliehen musste, während seine "arische" Ehefrau in Berlin verblieb, werden die Instanzen geschildert, an die er sich in den 1950er wandt, um für sein Recht zu kämpfen - das ihm immer mit dem Verweis auf Paragraphen feinsäuberlich abgeschlagen werden. Mag die Geschichte selber wenig überraschend, ja inzwischen schon häufig gehört erscheinen, so ist die Art, wie Krechel sie darstellt, kaum zu übertreffen. Aktenkundliche Quellenfunde aus Wiedergutmachungsstellen werden den emotionellen Reflexionen Kornitzers und dessen Familiengeschichte gegenübergestellt. Auch wenn für diesen Fall, so wie Krechel es selber feststellt, keine Emotionen, sondern nur Förmlichkeiten und Verbindlichkeiten überliefert sind, gelingt es der Autorin doch, eben diese Leerstellen überzeugend zu füllen.
Rezension zu: Ursula Krechel, Landgericht. Roman, Salzburg u. Wien 2012.
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Samstag, 2. März 2013
Ein großer Wurf - im Backsteinformat. Der 52. Band des Archivs für Sozialgeschichte: "Wandel des Politischen. Die Bundesrepublik Deutschland während der 1980er Jahre"
Was zeichnet gute Herausgeber von Sammelbänden und Zeitschriftensondernummern aus? Wahrscheinlich zunächst, dass es Ihnen gelingt, eine ansprechende Fragestellung zu formulieren, die neue Erkenntnisse verspricht und verschiedene Herangehensweisen, theoretische Prämissen und Themen unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln vermag. Und zweitens: Dass es ihnen im Entstehungsprozess des Bandes auch gelingt, alle Autoren auf eben diese Fragestellung zu verpflichten, akademischen Eitelkeiten Einhalt zu gebieten und die Beiträger mit disziplinarischer Strenge auf den Erfolg des Gesamtprojekts zu eichen.
Beides gelingt den Herausgebern des 52. Jahrgangs des Archivs für Sozialgeschichte; sie nehmen sich dem bislang nur in den Anfängen vermessenen Thema der 1980er Jahre an und stellen die Auseinandersetzung mit diesem unter den weiten - doch immer auch konkret zu füllenden - Obertitel "Wandel des Politischen". Autoren mit den verschiedensten thematischen und theoretischen Steckenpferden nehmen sich nun ihr jeweiliges Arbeitsgebiet vor und klopfen eben dieses genau auf den zur Diskussion stehenden "Wandel" ab: Sei es nun die Neue Deutsche Welle (Annette Vowinckel), die Grünen (Silke Mende), das bislang noch viel zu wenig erforschte Thema AIDS (Henning Tümmers) und die klassischerweise mit dieser Epoche verbundenen Großthemen wie die (Un-)Regierbarkeitsdebatte und die Erosion der klassischen Sozialmilieus inklusive ihrer angestammten Wahlpräferenzen (Michael Ruck).
Zeitgenössisch formulierte Gesellschaftsdiagnosen wie der Wertewandel werden bei der nun einsetzenden zeithistorischen Auseinandersetzungen auf ihre Deutungskraft für die beschriebenen Phänomene hin befragt - und dadurch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse sogleich historisiert.
Die Stärke des Bandes liegt dabei vor allem darin, dass man ihn sowohl als geschichtswissenschaftliches Handbuch zu den 1980er verwenden kann, aus dem einzelne Artikel gelesen und durchdacht werden können - je nach Interesse, geschmacklicher Vorliebe oder Forschungsschwerpunkt des Lesers. Gleichzeitig ist es - und das ist wohl eher unüblich für einen Zeitschriftenband - auch ein fundiertes und vor allem gut geschriebenes Lesebuch zur Geschichte der 1980er Jahre, das auch von der ersten bis zur letzten Seite gewinnbringend gelesen werden kann. Die Wiederholungen, die dabei unweigerlich auftreten (wie die in vielen Aufsätzen durchdeklinierten Thesen Ingleharts, das wiederkehrende Zitat der Habermas'schen Neuen Unübersichtlichkeit oder aber auch die Vorstellungen, die mit der Kohl zugeschriebenen, tatsächlich von ihm aber wohl nicht verwendeten Formel der "geistig-moralischen Wende" verbunden werden), können dabei als den Lernprozess unterstützende Repititionen gewertet werden.
Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Band schon jetzt kurz nach seinem Erscheinen als Standardwerk zur Erforschung der Zeitgeschichte der 1980er gelten kann.
Beides gelingt den Herausgebern des 52. Jahrgangs des Archivs für Sozialgeschichte; sie nehmen sich dem bislang nur in den Anfängen vermessenen Thema der 1980er Jahre an und stellen die Auseinandersetzung mit diesem unter den weiten - doch immer auch konkret zu füllenden - Obertitel "Wandel des Politischen". Autoren mit den verschiedensten thematischen und theoretischen Steckenpferden nehmen sich nun ihr jeweiliges Arbeitsgebiet vor und klopfen eben dieses genau auf den zur Diskussion stehenden "Wandel" ab: Sei es nun die Neue Deutsche Welle (Annette Vowinckel), die Grünen (Silke Mende), das bislang noch viel zu wenig erforschte Thema AIDS (Henning Tümmers) und die klassischerweise mit dieser Epoche verbundenen Großthemen wie die (Un-)Regierbarkeitsdebatte und die Erosion der klassischen Sozialmilieus inklusive ihrer angestammten Wahlpräferenzen (Michael Ruck).
Zeitgenössisch formulierte Gesellschaftsdiagnosen wie der Wertewandel werden bei der nun einsetzenden zeithistorischen Auseinandersetzungen auf ihre Deutungskraft für die beschriebenen Phänomene hin befragt - und dadurch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse sogleich historisiert.
Die Stärke des Bandes liegt dabei vor allem darin, dass man ihn sowohl als geschichtswissenschaftliches Handbuch zu den 1980er verwenden kann, aus dem einzelne Artikel gelesen und durchdacht werden können - je nach Interesse, geschmacklicher Vorliebe oder Forschungsschwerpunkt des Lesers. Gleichzeitig ist es - und das ist wohl eher unüblich für einen Zeitschriftenband - auch ein fundiertes und vor allem gut geschriebenes Lesebuch zur Geschichte der 1980er Jahre, das auch von der ersten bis zur letzten Seite gewinnbringend gelesen werden kann. Die Wiederholungen, die dabei unweigerlich auftreten (wie die in vielen Aufsätzen durchdeklinierten Thesen Ingleharts, das wiederkehrende Zitat der Habermas'schen Neuen Unübersichtlichkeit oder aber auch die Vorstellungen, die mit der Kohl zugeschriebenen, tatsächlich von ihm aber wohl nicht verwendeten Formel der "geistig-moralischen Wende" verbunden werden), können dabei als den Lernprozess unterstützende Repititionen gewertet werden.
Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Band schon jetzt kurz nach seinem Erscheinen als Standardwerk zur Erforschung der Zeitgeschichte der 1980er gelten kann.
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