Jedem, der seiner Profession ganz
erlegen ist, wird es wohl so gehen, dass er auch im Urlaub nicht von
ihr lassen kann: Der ambitionierte Zoologe wird wohl auch am
Ferienort Wälder, Wiesen und sonstige Landschaft durchstreifen –
immer auf der Suche der Echse, dem Insekt, ja vielleicht gar dem
Warmblütler, den er bislang noch nicht in seinem natürlichen
Habitat hat bewundern und katalogisieren können; ein ebensolcher
Ingenieur wird – jedenfalls in meiner Vorstellung – auch in
seinem Frühlings- oder Sommerdomizil daran gehen, sich
Brückenkonstruktionen, interessante bauliche Lösungen für lokale
geologische Gegebenheiten oder Dergleichen anzusehen; ganz zu
schweigen von den Sozialwissenschaftlern, die einen Teil ihrer
sicher nicht allzu reichlich gesäten Urlaubszeit dazu verwenden
dürften, Elendsviertel, Slums aber auch Gated Communities einer sich
andauernd als bedroht empfindenden Mittel- oder Oberschicht zu
beschreiben und sie für sich (und für die bedauernswerten
Mitgereisten) zu analysieren.
Dem Historiker geht es ähnlich, stößt
doch auch er, egal wo er sich befindet, auf genau das, was ihn
interessiert: Geschichte! Verbringt man seine Tage auf Malta recken
einem schon aus jedem Souveniershop die putzigsten Plastikritterchen
ihre Schwerter entgegen, wie zum Ausweise der eigenen historischen
Bedeutung. Eben diese möchte ich ihnen und den gewieften
Andenkenhändlern auch nicht nehmen, nur interessiert mich persönlich
das Mittelalter eher herzlich wenig (auch wenn Rüstungen und Waffen
durchaus das nicht allzu sehr mit dem Mantel des Erwachsenseins
umgürtete Kind in mir zu Begeisterungsstürmen hinzureißen
vermögen.) Als Zeithistoriker interessiert unsereins doch vielmehr
die historische Gewordenheit des gegenwärtigen Zustands von Staat
und Gesellschaft (ganz zu schweigen von Kultur): Warum zum Beispiel
funktioniert hier ein preisgünstiges öfffentliches
Nahverkehrssystem mit Buspreisen nahe der Kostenlosigkeit, wo bei uns
jede Fahrplanänderung Preiserhöhungen nach sich zieht, die
tatsächlich schmerzhaft sind?
Aber auch weniger soziolpolitische,
sondern kulturgeschichtliche Fragen wären von Interesse: Eine
Erklärung für die zahlreich vorhandenen streunenenden Hauskatzen
zum Beispiel ließe sich sicher geschichtswissenschaftlich herleiten
und vielleicht interessante Ergebnisse zutage fördern. (Vielleicht
sogar kulturvergleichend? Warum sind es anderswo eher streunende
Hunde?) Die Interpretation, dass dies die Nachfahren von im Zweiten
Weltkrieg in den Städten zurückgelassenen Stubentigern seien,
während Herrchen und Frauchen in den Schutz des ländlichen
Hinterlandes flohen, wäre ein Ansatz. Ob er trägt?
Überhaupt der Zweite Weltkrieg! Wie in
ganz Europa und darüber hinaus müssen gerade die Jahre von
Besatzung, andauernden Angriffen zunächst der Italiener später der
Luftwaffe und den anschließenden Vorbereitungen der britischen
Landung auf Sizilien eine prägende Zeit gewesen sein, die sicher
Stoff für zahlreiche sozialgeschichtliche Studien bereithalten.
(Gleiches gilt sicher für die Rolle Maltas als alliiertes
Spionagezentrum – mit reichlich Material für den ein oder anderen
Agententhriller: Feuchtheiße Bunker, ausgestattet mit der damals
neuesten Nachrichtentechnik, wackere Männer und Frauen, die in der
widrigen Umgebung an der Entschlüsselung der Nachrichten der
Achsenmächte arbeiten, und Einmannerkundungstrupps zur Küste
Siziliens, um dort die geeigneten Küstenabschnitte zum Angriff
auszumachen.)
Die gegenwärtige Geschichtsschreibung
zu Malta im Zweiten Weltkrieg scheint allerdings noch stark von einer
technikverliebten und auf Schlachtenverläufe abzielenden britischen
Tradition geprägt zu sein. Informationen über die Gesellschaft im
Krieg müssen dabei schon zwischen den Zeilen und in Unterkapiteln
verborgen gesucht und gefunden werden.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen