Montag, 18. März 2013

Ein Historiker auf Reisen I: Malta


Jedem, der seiner Profession ganz erlegen ist, wird es wohl so gehen, dass er auch im Urlaub nicht von ihr lassen kann: Der ambitionierte Zoologe wird wohl auch am Ferienort Wälder, Wiesen und sonstige Landschaft durchstreifen – immer auf der Suche der Echse, dem Insekt, ja vielleicht gar dem Warmblütler, den er bislang noch nicht in seinem natürlichen Habitat hat bewundern und katalogisieren können; ein ebensolcher Ingenieur wird – jedenfalls in meiner Vorstellung – auch in seinem Frühlings- oder Sommerdomizil daran gehen, sich Brückenkonstruktionen, interessante bauliche Lösungen für lokale geologische Gegebenheiten oder Dergleichen anzusehen; ganz zu schweigen von den Sozialwissenschaftlern, die einen Teil ihrer sicher nicht allzu reichlich gesäten Urlaubszeit dazu verwenden dürften, Elendsviertel, Slums aber auch Gated Communities einer sich andauernd als bedroht empfindenden Mittel- oder Oberschicht zu beschreiben und sie für sich (und für die bedauernswerten Mitgereisten) zu analysieren.

Dem Historiker geht es ähnlich, stößt doch auch er, egal wo er sich befindet, auf genau das, was ihn interessiert: Geschichte! Verbringt man seine Tage auf Malta recken einem schon aus jedem Souveniershop die putzigsten Plastikritterchen ihre Schwerter entgegen, wie zum Ausweise der eigenen historischen Bedeutung. Eben diese möchte ich ihnen und den gewieften Andenkenhändlern auch nicht nehmen, nur interessiert mich persönlich das Mittelalter eher herzlich wenig (auch wenn Rüstungen und Waffen durchaus das nicht allzu sehr mit dem Mantel des Erwachsenseins umgürtete Kind in mir zu Begeisterungsstürmen hinzureißen vermögen.) Als Zeithistoriker interessiert unsereins doch vielmehr die historische Gewordenheit des gegenwärtigen Zustands von Staat und Gesellschaft (ganz zu schweigen von Kultur): Warum zum Beispiel funktioniert hier ein preisgünstiges öfffentliches Nahverkehrssystem mit Buspreisen nahe der Kostenlosigkeit, wo bei uns jede Fahrplanänderung Preiserhöhungen nach sich zieht, die tatsächlich schmerzhaft sind?

Aber auch weniger soziolpolitische, sondern kulturgeschichtliche Fragen wären von Interesse: Eine Erklärung für die zahlreich vorhandenen streunenenden Hauskatzen zum Beispiel ließe sich sicher geschichtswissenschaftlich herleiten und vielleicht interessante Ergebnisse zutage fördern. (Vielleicht sogar kulturvergleichend? Warum sind es anderswo eher streunende Hunde?) Die Interpretation, dass dies die Nachfahren von im Zweiten Weltkrieg in den Städten zurückgelassenen Stubentigern seien, während Herrchen und Frauchen in den Schutz des ländlichen Hinterlandes flohen, wäre ein Ansatz. Ob er trägt?

Überhaupt der Zweite Weltkrieg! Wie in ganz Europa und darüber hinaus müssen gerade die Jahre von Besatzung, andauernden Angriffen zunächst der Italiener später der Luftwaffe und den anschließenden Vorbereitungen der britischen Landung auf Sizilien eine prägende Zeit gewesen sein, die sicher Stoff für zahlreiche sozialgeschichtliche Studien bereithalten. (Gleiches gilt sicher für die Rolle Maltas als alliiertes Spionagezentrum – mit reichlich Material für den ein oder anderen Agententhriller: Feuchtheiße Bunker, ausgestattet mit der damals neuesten Nachrichtentechnik, wackere Männer und Frauen, die in der widrigen Umgebung an der Entschlüsselung der Nachrichten der Achsenmächte arbeiten, und Einmannerkundungstrupps zur Küste Siziliens, um dort die geeigneten Küstenabschnitte zum Angriff auszumachen.)

Die gegenwärtige Geschichtsschreibung zu Malta im Zweiten Weltkrieg scheint allerdings noch stark von einer technikverliebten und auf Schlachtenverläufe abzielenden britischen Tradition geprägt zu sein. Informationen über die Gesellschaft im Krieg müssen dabei schon zwischen den Zeilen und in Unterkapiteln verborgen gesucht und gefunden werden.

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