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Sonntag, 31. August 2014

Ruf aus der Gruft. Zu Hans-Ulrich Wehlers Essayband "Die Deutschen und der Kapitalismus"

Seinem Freund und Generationsgenossen Habermas entsprechend, der mit seinen immer wieder in Buchform zusammengefassten "Kleinen Schriften" kürzere Beiträge zum Zeitgeschehen publiziert, ist es auch bei Wehler gute Tradition, dass seine verstreut erschienenen Beiträge in regelmäßigen Abständen gebündelt erscheinen. Was der C.H.-Beck-Verlag in Wehlers Todesjahr nun publiziert ist Wehler at his best - und at his worst!

Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.

Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!

Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.

Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!

Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.

Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.

Freitag, 18. Juli 2014

„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg

Überraschend war wohl nur der große Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt, Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot, war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.

Ist die politikwissenschaftliche Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten, aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten, sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen. Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen mitzuteilen haben.

Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter) viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht vor, oder zumindest aber zu kurz.

Warum die Soldaten nicht aufhörten zu kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich argumentierende These, dass man die Perspektive der Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert (was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie widerlegen zu müssen).


Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien. Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards Studie ist.


Freitag, 11. Juli 2014

Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler

Wird auch Wehlers Konzept der Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.

Ganz im Sinne der von Brecht einmal für seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte, sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig. Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender HistorikerInnengenerationen!

Auch wenn die Entwicklung des Faches über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“) noch heute vorbildgebend und Teil des universitären Ausbildungskanons des Faches sein.

Hinterließ Wehler in der Wissenschaft mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein, der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die Diskurse prägte.


Und genau dies scheint mir der Punkt zu sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem (hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei sein.

Freitag, 3. Januar 2014

„Alles besagt etwas“. Zu Karl Schlögels neuem Essayband "Grenzland Europa"

„Alles besagt etwas“ - was in einem der hier versammelten Essays eher nebenher gesprochen daherkommt, und trotz dieser scheinbaren Nebensächlichkeit nichts von seiner apodiktischen Schärfe einbüßt, kann gleichsam auch als Schlögels Forschungsprogramm gelten. Dieses „Alles“ findet sich eben nicht nur dort, wo man es vermutet, wo man für gewöhnlich nach nach dem Geschichtsträchtigem sucht, sondern überall; es verwundert deshalb auch nicht, wenn Schlögel insbesondere mit den Transformationsstudien hart ins Gericht geht, die ihrerseits kopflastig nach Veränderungen im System suchten, die kleinen, alltäglichen Wandlungen darüber aber nicht zu sehen vermochten und so nur zu wenig validen und vor allem substanzlosen Beiträgen gelangten.

Schlögel hingegen, der unermüdliche Flaneur durch Zeiten und Räume (insbesondere Osteuropas), geht genau dorthin, wo sich diese Wandlungen zuerst bemerkbar machten; und mit der ihm eigenen Sprachmagie gesegnet gelingt es ihm beinahe spielerisch den Leser auf diese Zeit-Reisen mitzunehmen. Man folgt ihm gerne, betrachtet staunenden Blicks die Polenmärkte Ende der 1980er Jahre in Berlin und anderswo in Osteuropa, wundert sich mit ihm über die Warenströme von Bernstein aus dem Baltikum bis Plastikwaren aus China, begibt sich in die Abflughallen osteuropäischer Flughäfen, in denen Destinationen angeschlagen stehen, die selbst dem Kenner – und als solchen gibt sich Schlögel nicht immer uneitel zu verstehen – unbekannt sind, und lernt so vieles über eine Europäisierung von unten jenseits des virulenten Krisendiskurses.

Genau diese Verwunderung vermag Schlögel produktiv zu wenden, aus seiner Irritation gewinnt er den Willen zum Verständnis dessen, was geschah. Man kann sich nur vorstellen, wie Schlögel Seite um Seite in seinem Notizbuch füllend durch Städte reist, am heimischen Schreibtisch die Aufzeichnungen mit zuvor gemachten Beobachtungen vergleicht und aus den so diagnostizierten Unterschieden Narrative bildet. Den dezent nostalgischen Blick auf das grenzenlose Europa vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs kontrastiert Schlögel gekonnt mit den gegenwärtigen Entwicklungen Europas; für bahnbrechende Errungenschaften des Europäisierungsprozesses hat er zuweilen nur ein wohlwollend-müdes Lächeln übrig. So weit waren wir doch schon mal, vor nunmehr mehr als hundert Jahren....

Sympathisch sind auch die wiederholt eingestreuten Splitter aus der eigenen vierzigjährigen Forschungstätigkeit; Schlögel beweist sich nicht nur als begnadeter Erzähler der Geschichte, sondern auch als vorbildlicher autobiographischer Aphoristiker, dem es gelingt, aus dem eigenen Erleben die Quintessenz von Strukturen, Ereignissen und Zäsuren deutlich zu machen. Jedem, der das überprüfen möchte, seien die Szenen ans Herz gelegt, in denen Schlögel den Aufwand für das Versenden seiner gesammelten Bücher aus der Sowjetunion in die Heimat schildert.

Gerade diese kurzen Episoden lassen den Leser hoffen, dass Schlögel die Zeit finden möge, aus diesen kurzen Beschreibungen einmal ein größeres autobiographisches Werk zu verfassen.


Rezension zu: Karl Schlögel, Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München 2013.

Montag, 18. März 2013

Ein Historiker auf Reisen I: Malta


Jedem, der seiner Profession ganz erlegen ist, wird es wohl so gehen, dass er auch im Urlaub nicht von ihr lassen kann: Der ambitionierte Zoologe wird wohl auch am Ferienort Wälder, Wiesen und sonstige Landschaft durchstreifen – immer auf der Suche der Echse, dem Insekt, ja vielleicht gar dem Warmblütler, den er bislang noch nicht in seinem natürlichen Habitat hat bewundern und katalogisieren können; ein ebensolcher Ingenieur wird – jedenfalls in meiner Vorstellung – auch in seinem Frühlings- oder Sommerdomizil daran gehen, sich Brückenkonstruktionen, interessante bauliche Lösungen für lokale geologische Gegebenheiten oder Dergleichen anzusehen; ganz zu schweigen von den Sozialwissenschaftlern, die einen Teil ihrer sicher nicht allzu reichlich gesäten Urlaubszeit dazu verwenden dürften, Elendsviertel, Slums aber auch Gated Communities einer sich andauernd als bedroht empfindenden Mittel- oder Oberschicht zu beschreiben und sie für sich (und für die bedauernswerten Mitgereisten) zu analysieren.

Dem Historiker geht es ähnlich, stößt doch auch er, egal wo er sich befindet, auf genau das, was ihn interessiert: Geschichte! Verbringt man seine Tage auf Malta recken einem schon aus jedem Souveniershop die putzigsten Plastikritterchen ihre Schwerter entgegen, wie zum Ausweise der eigenen historischen Bedeutung. Eben diese möchte ich ihnen und den gewieften Andenkenhändlern auch nicht nehmen, nur interessiert mich persönlich das Mittelalter eher herzlich wenig (auch wenn Rüstungen und Waffen durchaus das nicht allzu sehr mit dem Mantel des Erwachsenseins umgürtete Kind in mir zu Begeisterungsstürmen hinzureißen vermögen.) Als Zeithistoriker interessiert unsereins doch vielmehr die historische Gewordenheit des gegenwärtigen Zustands von Staat und Gesellschaft (ganz zu schweigen von Kultur): Warum zum Beispiel funktioniert hier ein preisgünstiges öfffentliches Nahverkehrssystem mit Buspreisen nahe der Kostenlosigkeit, wo bei uns jede Fahrplanänderung Preiserhöhungen nach sich zieht, die tatsächlich schmerzhaft sind?

Aber auch weniger soziolpolitische, sondern kulturgeschichtliche Fragen wären von Interesse: Eine Erklärung für die zahlreich vorhandenen streunenenden Hauskatzen zum Beispiel ließe sich sicher geschichtswissenschaftlich herleiten und vielleicht interessante Ergebnisse zutage fördern. (Vielleicht sogar kulturvergleichend? Warum sind es anderswo eher streunende Hunde?) Die Interpretation, dass dies die Nachfahren von im Zweiten Weltkrieg in den Städten zurückgelassenen Stubentigern seien, während Herrchen und Frauchen in den Schutz des ländlichen Hinterlandes flohen, wäre ein Ansatz. Ob er trägt?

Überhaupt der Zweite Weltkrieg! Wie in ganz Europa und darüber hinaus müssen gerade die Jahre von Besatzung, andauernden Angriffen zunächst der Italiener später der Luftwaffe und den anschließenden Vorbereitungen der britischen Landung auf Sizilien eine prägende Zeit gewesen sein, die sicher Stoff für zahlreiche sozialgeschichtliche Studien bereithalten. (Gleiches gilt sicher für die Rolle Maltas als alliiertes Spionagezentrum – mit reichlich Material für den ein oder anderen Agententhriller: Feuchtheiße Bunker, ausgestattet mit der damals neuesten Nachrichtentechnik, wackere Männer und Frauen, die in der widrigen Umgebung an der Entschlüsselung der Nachrichten der Achsenmächte arbeiten, und Einmannerkundungstrupps zur Küste Siziliens, um dort die geeigneten Küstenabschnitte zum Angriff auszumachen.)

Die gegenwärtige Geschichtsschreibung zu Malta im Zweiten Weltkrieg scheint allerdings noch stark von einer technikverliebten und auf Schlachtenverläufe abzielenden britischen Tradition geprägt zu sein. Informationen über die Gesellschaft im Krieg müssen dabei schon zwischen den Zeilen und in Unterkapiteln verborgen gesucht und gefunden werden.

Samstag, 2. März 2013

Ein großer Wurf - im Backsteinformat. Der 52. Band des Archivs für Sozialgeschichte: "Wandel des Politischen. Die Bundesrepublik Deutschland während der 1980er Jahre"

Was zeichnet gute Herausgeber von Sammelbänden und Zeitschriftensondernummern aus? Wahrscheinlich zunächst, dass es Ihnen gelingt, eine ansprechende Fragestellung zu formulieren, die neue Erkenntnisse verspricht und verschiedene Herangehensweisen, theoretische Prämissen und Themen unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln vermag. Und zweitens: Dass es ihnen im Entstehungsprozess des Bandes auch gelingt, alle Autoren auf eben diese Fragestellung zu verpflichten, akademischen Eitelkeiten Einhalt zu gebieten und die Beiträger mit disziplinarischer Strenge auf den Erfolg des Gesamtprojekts zu eichen.

Beides gelingt den Herausgebern des 52. Jahrgangs des Archivs für Sozialgeschichte; sie nehmen sich dem bislang nur in den Anfängen vermessenen Thema der 1980er Jahre an und stellen die Auseinandersetzung mit diesem unter den weiten - doch immer auch konkret zu füllenden - Obertitel "Wandel des Politischen". Autoren mit den verschiedensten thematischen und theoretischen Steckenpferden nehmen sich nun ihr jeweiliges Arbeitsgebiet vor und klopfen eben dieses genau auf den zur Diskussion stehenden "Wandel" ab: Sei es nun die Neue Deutsche Welle (Annette Vowinckel), die Grünen (Silke Mende), das bislang noch viel zu wenig erforschte Thema AIDS (Henning Tümmers) und die klassischerweise mit dieser Epoche verbundenen Großthemen wie die (Un-)Regierbarkeitsdebatte und die Erosion der klassischen Sozialmilieus inklusive ihrer angestammten Wahlpräferenzen (Michael Ruck).

Zeitgenössisch formulierte Gesellschaftsdiagnosen wie der Wertewandel werden bei der nun einsetzenden zeithistorischen Auseinandersetzungen auf ihre Deutungskraft für die beschriebenen Phänomene hin befragt - und dadurch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse sogleich historisiert.

Die Stärke des Bandes liegt dabei vor allem darin, dass man ihn sowohl als geschichtswissenschaftliches Handbuch zu den 1980er verwenden kann, aus dem einzelne Artikel gelesen und durchdacht werden können - je nach Interesse, geschmacklicher Vorliebe oder Forschungsschwerpunkt des Lesers. Gleichzeitig ist es - und das ist wohl eher unüblich für einen Zeitschriftenband - auch ein fundiertes und vor allem gut geschriebenes Lesebuch zur Geschichte der 1980er Jahre, das auch von der ersten bis zur letzten Seite gewinnbringend gelesen werden kann. Die Wiederholungen, die dabei unweigerlich auftreten (wie die in vielen Aufsätzen durchdeklinierten Thesen Ingleharts, das wiederkehrende Zitat der Habermas'schen Neuen Unübersichtlichkeit oder aber auch die Vorstellungen, die mit der Kohl zugeschriebenen, tatsächlich von ihm aber wohl nicht verwendeten Formel der "geistig-moralischen Wende" verbunden werden), können dabei als den Lernprozess unterstützende Repititionen gewertet werden.

Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Band schon jetzt kurz nach seinem Erscheinen als Standardwerk zur Erforschung der Zeitgeschichte der 1980er gelten kann.