Seinem Freund und Generationsgenossen Habermas entsprechend, der mit seinen immer wieder in Buchform zusammengefassten "Kleinen Schriften" kürzere Beiträge zum Zeitgeschehen publiziert, ist es auch bei Wehler gute Tradition, dass seine verstreut erschienenen Beiträge in regelmäßigen Abständen gebündelt erscheinen. Was der C.H.-Beck-Verlag in Wehlers Todesjahr nun publiziert ist Wehler at his best - und at his worst!
Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.
Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!
Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.
Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!
Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.
Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.
Kommentare, Rezensionen, Ausstellungsbesprechungen und Tagungsberichte aus dem Bereich der ZEitgeschichte
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Sonntag, 31. August 2014
Ruf aus der Gruft. Zu Hans-Ulrich Wehlers Essayband "Die Deutschen und der Kapitalismus"
Freitag, 18. Juli 2014
„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg
Überraschend war wohl nur der große
Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt,
Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die
unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot,
war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein
amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten
Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein
paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.
Ist die politikwissenschaftliche
Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag
sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten,
aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt
Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch
vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu
bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten,
sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch
eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen.
Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen
Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass
zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was
Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen
mitzuteilen haben.
Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt
Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19.
Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon
gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da
stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch
über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig
blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die
überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter)
viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der
Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die
diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation
technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht
vor, oder zumindest aber zu kurz.
Warum die Soldaten nicht aufhörten zu
kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen
Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich
gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich
argumentierende These, dass man die Perspektive der
Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht
außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert
(was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie
widerlegen zu müssen).
Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl
in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu
können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben
den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung
mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft
das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien.
Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das
wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des
Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards
Studie ist.
Freitag, 11. Juli 2014
Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler
Wird auch Wehlers Konzept der
Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich
für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale
Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass
er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.
Ganz im Sinne der von Brecht einmal für
seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat
Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende
Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur
Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den
obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte,
sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig.
Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender
HistorikerInnengenerationen!
Auch wenn die Entwicklung des Faches
über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen
sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den
Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so
sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion
des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“)
noch heute vorbildgebend und Teil des universitären
Ausbildungskanons des Faches sein.
Hinterließ Wehler in der Wissenschaft
mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu
interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften
ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein,
der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen
Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur
in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und
alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der
Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem
eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den
damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht
allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was
festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung
gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die
Diskurse prägte.
Und genau dies scheint mir der Punkt zu
sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich
wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer
Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der
ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene
Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem
(hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges
Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion
wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen
Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit
Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller
Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei
sein.
Freitag, 3. Januar 2014
„Alles besagt etwas“. Zu Karl Schlögels neuem Essayband "Grenzland Europa"
„Alles besagt etwas“ - was in einem
der hier versammelten Essays eher nebenher gesprochen daherkommt, und
trotz dieser scheinbaren Nebensächlichkeit nichts von seiner
apodiktischen Schärfe einbüßt, kann gleichsam auch als Schlögels
Forschungsprogramm gelten. Dieses „Alles“ findet sich eben nicht
nur dort, wo man es vermutet, wo man für gewöhnlich nach nach dem
Geschichtsträchtigem sucht, sondern überall; es verwundert deshalb
auch nicht, wenn Schlögel insbesondere mit den
Transformationsstudien hart ins Gericht geht, die ihrerseits
kopflastig nach Veränderungen im System suchten, die kleinen,
alltäglichen Wandlungen darüber aber nicht zu sehen vermochten und
so nur zu wenig validen und vor allem substanzlosen Beiträgen
gelangten.
Schlögel hingegen, der unermüdliche Flaneur durch Zeiten und Räume (insbesondere Osteuropas), geht genau dorthin, wo sich diese Wandlungen zuerst bemerkbar machten; und mit der ihm eigenen Sprachmagie gesegnet gelingt es ihm beinahe spielerisch den Leser auf diese Zeit-Reisen mitzunehmen. Man folgt ihm gerne, betrachtet staunenden Blicks die Polenmärkte Ende der 1980er Jahre in Berlin und anderswo in Osteuropa, wundert sich mit ihm über die Warenströme von Bernstein aus dem Baltikum bis Plastikwaren aus China, begibt sich in die Abflughallen osteuropäischer Flughäfen, in denen Destinationen angeschlagen stehen, die selbst dem Kenner – und als solchen gibt sich Schlögel nicht immer uneitel zu verstehen – unbekannt sind, und lernt so vieles über eine Europäisierung von unten jenseits des virulenten Krisendiskurses.
Genau diese Verwunderung vermag
Schlögel produktiv zu wenden, aus seiner Irritation gewinnt er den
Willen zum Verständnis dessen, was geschah. Man kann sich nur
vorstellen, wie Schlögel Seite um Seite in seinem Notizbuch füllend
durch Städte reist, am heimischen Schreibtisch die Aufzeichnungen
mit zuvor gemachten Beobachtungen vergleicht und aus den so
diagnostizierten Unterschieden Narrative bildet. Den dezent
nostalgischen Blick auf das grenzenlose Europa vor der Urkatastrophe
des Ersten Weltkriegs kontrastiert Schlögel gekonnt mit den
gegenwärtigen Entwicklungen Europas; für bahnbrechende
Errungenschaften des Europäisierungsprozesses hat er zuweilen nur
ein wohlwollend-müdes Lächeln übrig. So weit waren wir doch schon
mal, vor nunmehr mehr als hundert Jahren....
Sympathisch sind auch die wiederholt
eingestreuten Splitter aus der eigenen vierzigjährigen
Forschungstätigkeit; Schlögel beweist sich nicht nur als begnadeter
Erzähler der Geschichte, sondern auch als vorbildlicher
autobiographischer Aphoristiker, dem es gelingt, aus dem eigenen
Erleben die Quintessenz von Strukturen, Ereignissen und Zäsuren
deutlich zu machen. Jedem, der das überprüfen möchte, seien die
Szenen ans Herz gelegt, in denen Schlögel den Aufwand für das
Versenden seiner gesammelten Bücher aus der Sowjetunion in die
Heimat schildert.
Gerade diese kurzen Episoden lassen den
Leser hoffen, dass Schlögel die Zeit finden möge, aus diesen kurzen
Beschreibungen einmal ein größeres autobiographisches Werk zu
verfassen.
Rezension zu: Karl Schlögel, Grenzland
Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München 2013.
Montag, 18. März 2013
Ein Historiker auf Reisen I: Malta
Jedem, der seiner Profession ganz
erlegen ist, wird es wohl so gehen, dass er auch im Urlaub nicht von
ihr lassen kann: Der ambitionierte Zoologe wird wohl auch am
Ferienort Wälder, Wiesen und sonstige Landschaft durchstreifen –
immer auf der Suche der Echse, dem Insekt, ja vielleicht gar dem
Warmblütler, den er bislang noch nicht in seinem natürlichen
Habitat hat bewundern und katalogisieren können; ein ebensolcher
Ingenieur wird – jedenfalls in meiner Vorstellung – auch in
seinem Frühlings- oder Sommerdomizil daran gehen, sich
Brückenkonstruktionen, interessante bauliche Lösungen für lokale
geologische Gegebenheiten oder Dergleichen anzusehen; ganz zu
schweigen von den Sozialwissenschaftlern, die einen Teil ihrer
sicher nicht allzu reichlich gesäten Urlaubszeit dazu verwenden
dürften, Elendsviertel, Slums aber auch Gated Communities einer sich
andauernd als bedroht empfindenden Mittel- oder Oberschicht zu
beschreiben und sie für sich (und für die bedauernswerten
Mitgereisten) zu analysieren.
Dem Historiker geht es ähnlich, stößt
doch auch er, egal wo er sich befindet, auf genau das, was ihn
interessiert: Geschichte! Verbringt man seine Tage auf Malta recken
einem schon aus jedem Souveniershop die putzigsten Plastikritterchen
ihre Schwerter entgegen, wie zum Ausweise der eigenen historischen
Bedeutung. Eben diese möchte ich ihnen und den gewieften
Andenkenhändlern auch nicht nehmen, nur interessiert mich persönlich
das Mittelalter eher herzlich wenig (auch wenn Rüstungen und Waffen
durchaus das nicht allzu sehr mit dem Mantel des Erwachsenseins
umgürtete Kind in mir zu Begeisterungsstürmen hinzureißen
vermögen.) Als Zeithistoriker interessiert unsereins doch vielmehr
die historische Gewordenheit des gegenwärtigen Zustands von Staat
und Gesellschaft (ganz zu schweigen von Kultur): Warum zum Beispiel
funktioniert hier ein preisgünstiges öfffentliches
Nahverkehrssystem mit Buspreisen nahe der Kostenlosigkeit, wo bei uns
jede Fahrplanänderung Preiserhöhungen nach sich zieht, die
tatsächlich schmerzhaft sind?
Aber auch weniger soziolpolitische,
sondern kulturgeschichtliche Fragen wären von Interesse: Eine
Erklärung für die zahlreich vorhandenen streunenenden Hauskatzen
zum Beispiel ließe sich sicher geschichtswissenschaftlich herleiten
und vielleicht interessante Ergebnisse zutage fördern. (Vielleicht
sogar kulturvergleichend? Warum sind es anderswo eher streunende
Hunde?) Die Interpretation, dass dies die Nachfahren von im Zweiten
Weltkrieg in den Städten zurückgelassenen Stubentigern seien,
während Herrchen und Frauchen in den Schutz des ländlichen
Hinterlandes flohen, wäre ein Ansatz. Ob er trägt?
Überhaupt der Zweite Weltkrieg! Wie in
ganz Europa und darüber hinaus müssen gerade die Jahre von
Besatzung, andauernden Angriffen zunächst der Italiener später der
Luftwaffe und den anschließenden Vorbereitungen der britischen
Landung auf Sizilien eine prägende Zeit gewesen sein, die sicher
Stoff für zahlreiche sozialgeschichtliche Studien bereithalten.
(Gleiches gilt sicher für die Rolle Maltas als alliiertes
Spionagezentrum – mit reichlich Material für den ein oder anderen
Agententhriller: Feuchtheiße Bunker, ausgestattet mit der damals
neuesten Nachrichtentechnik, wackere Männer und Frauen, die in der
widrigen Umgebung an der Entschlüsselung der Nachrichten der
Achsenmächte arbeiten, und Einmannerkundungstrupps zur Küste
Siziliens, um dort die geeigneten Küstenabschnitte zum Angriff
auszumachen.)
Die gegenwärtige Geschichtsschreibung
zu Malta im Zweiten Weltkrieg scheint allerdings noch stark von einer
technikverliebten und auf Schlachtenverläufe abzielenden britischen
Tradition geprägt zu sein. Informationen über die Gesellschaft im
Krieg müssen dabei schon zwischen den Zeilen und in Unterkapiteln
verborgen gesucht und gefunden werden.
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Samstag, 2. März 2013
Ein großer Wurf - im Backsteinformat. Der 52. Band des Archivs für Sozialgeschichte: "Wandel des Politischen. Die Bundesrepublik Deutschland während der 1980er Jahre"
Was zeichnet gute Herausgeber von Sammelbänden und Zeitschriftensondernummern aus? Wahrscheinlich zunächst, dass es Ihnen gelingt, eine ansprechende Fragestellung zu formulieren, die neue Erkenntnisse verspricht und verschiedene Herangehensweisen, theoretische Prämissen und Themen unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln vermag. Und zweitens: Dass es ihnen im Entstehungsprozess des Bandes auch gelingt, alle Autoren auf eben diese Fragestellung zu verpflichten, akademischen Eitelkeiten Einhalt zu gebieten und die Beiträger mit disziplinarischer Strenge auf den Erfolg des Gesamtprojekts zu eichen.
Beides gelingt den Herausgebern des 52. Jahrgangs des Archivs für Sozialgeschichte; sie nehmen sich dem bislang nur in den Anfängen vermessenen Thema der 1980er Jahre an und stellen die Auseinandersetzung mit diesem unter den weiten - doch immer auch konkret zu füllenden - Obertitel "Wandel des Politischen". Autoren mit den verschiedensten thematischen und theoretischen Steckenpferden nehmen sich nun ihr jeweiliges Arbeitsgebiet vor und klopfen eben dieses genau auf den zur Diskussion stehenden "Wandel" ab: Sei es nun die Neue Deutsche Welle (Annette Vowinckel), die Grünen (Silke Mende), das bislang noch viel zu wenig erforschte Thema AIDS (Henning Tümmers) und die klassischerweise mit dieser Epoche verbundenen Großthemen wie die (Un-)Regierbarkeitsdebatte und die Erosion der klassischen Sozialmilieus inklusive ihrer angestammten Wahlpräferenzen (Michael Ruck).
Zeitgenössisch formulierte Gesellschaftsdiagnosen wie der Wertewandel werden bei der nun einsetzenden zeithistorischen Auseinandersetzungen auf ihre Deutungskraft für die beschriebenen Phänomene hin befragt - und dadurch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse sogleich historisiert.
Die Stärke des Bandes liegt dabei vor allem darin, dass man ihn sowohl als geschichtswissenschaftliches Handbuch zu den 1980er verwenden kann, aus dem einzelne Artikel gelesen und durchdacht werden können - je nach Interesse, geschmacklicher Vorliebe oder Forschungsschwerpunkt des Lesers. Gleichzeitig ist es - und das ist wohl eher unüblich für einen Zeitschriftenband - auch ein fundiertes und vor allem gut geschriebenes Lesebuch zur Geschichte der 1980er Jahre, das auch von der ersten bis zur letzten Seite gewinnbringend gelesen werden kann. Die Wiederholungen, die dabei unweigerlich auftreten (wie die in vielen Aufsätzen durchdeklinierten Thesen Ingleharts, das wiederkehrende Zitat der Habermas'schen Neuen Unübersichtlichkeit oder aber auch die Vorstellungen, die mit der Kohl zugeschriebenen, tatsächlich von ihm aber wohl nicht verwendeten Formel der "geistig-moralischen Wende" verbunden werden), können dabei als den Lernprozess unterstützende Repititionen gewertet werden.
Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Band schon jetzt kurz nach seinem Erscheinen als Standardwerk zur Erforschung der Zeitgeschichte der 1980er gelten kann.
Beides gelingt den Herausgebern des 52. Jahrgangs des Archivs für Sozialgeschichte; sie nehmen sich dem bislang nur in den Anfängen vermessenen Thema der 1980er Jahre an und stellen die Auseinandersetzung mit diesem unter den weiten - doch immer auch konkret zu füllenden - Obertitel "Wandel des Politischen". Autoren mit den verschiedensten thematischen und theoretischen Steckenpferden nehmen sich nun ihr jeweiliges Arbeitsgebiet vor und klopfen eben dieses genau auf den zur Diskussion stehenden "Wandel" ab: Sei es nun die Neue Deutsche Welle (Annette Vowinckel), die Grünen (Silke Mende), das bislang noch viel zu wenig erforschte Thema AIDS (Henning Tümmers) und die klassischerweise mit dieser Epoche verbundenen Großthemen wie die (Un-)Regierbarkeitsdebatte und die Erosion der klassischen Sozialmilieus inklusive ihrer angestammten Wahlpräferenzen (Michael Ruck).
Zeitgenössisch formulierte Gesellschaftsdiagnosen wie der Wertewandel werden bei der nun einsetzenden zeithistorischen Auseinandersetzungen auf ihre Deutungskraft für die beschriebenen Phänomene hin befragt - und dadurch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse sogleich historisiert.
Die Stärke des Bandes liegt dabei vor allem darin, dass man ihn sowohl als geschichtswissenschaftliches Handbuch zu den 1980er verwenden kann, aus dem einzelne Artikel gelesen und durchdacht werden können - je nach Interesse, geschmacklicher Vorliebe oder Forschungsschwerpunkt des Lesers. Gleichzeitig ist es - und das ist wohl eher unüblich für einen Zeitschriftenband - auch ein fundiertes und vor allem gut geschriebenes Lesebuch zur Geschichte der 1980er Jahre, das auch von der ersten bis zur letzten Seite gewinnbringend gelesen werden kann. Die Wiederholungen, die dabei unweigerlich auftreten (wie die in vielen Aufsätzen durchdeklinierten Thesen Ingleharts, das wiederkehrende Zitat der Habermas'schen Neuen Unübersichtlichkeit oder aber auch die Vorstellungen, die mit der Kohl zugeschriebenen, tatsächlich von ihm aber wohl nicht verwendeten Formel der "geistig-moralischen Wende" verbunden werden), können dabei als den Lernprozess unterstützende Repititionen gewertet werden.
Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Band schon jetzt kurz nach seinem Erscheinen als Standardwerk zur Erforschung der Zeitgeschichte der 1980er gelten kann.
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