Thomas Rohkrämer macht mit seinem neuen Buch über die "fatale Attraktion des Nationalsozialismus" eines deutlich - wie man trotz einer wichtigen und interessanten Fragestellung ein Buch schreiben kann, dessen es nicht bedurft hätte. Liegt es daran, dass der Autor mit einer schier nervtötenden Penetranz seine eigene Wortschöpfung immer wieder auftischt, auf dass man sie dann auf jeden Fall bei nächstmöglicher zitieren möge. (Dass sie dazu noch grammatikalisch windschief ist, geht es doch Rohkrämer mehr um "fatale Attraktivität" des Nationalsozialismus und nicht um "Attraktionen", sei nur am Rande bemerkt.); sei es, dass er trotz dieser neuerlichen Begrifflichkeit nichts Neues zu sagen weiß - in jedem Fall fragt man sich schon, ob es dieser gut 330 Textseiten bedurft hätte, welchen Erkenntnisgewinn man bei sich selbst verzeichnen kann und was nun genau Rohkrämers Thesen sind, die die historische Forschung zum Nationalsozialismus voranbringen sollen.
Dieser unbefriedigende Eindruck ergibt sich vor allem daraus, dass Rohkrämer zwar in guter wissenschaftlicher Manier in der Einleitung die Studien und Forschungsrichtungen zum Nationalsozialismus benennt, von denen er sich mit seiner eigenen Arbeit abzusetzen gedenkt - was dann im Hauptteil folgt, ist allerdings nichts anderes als die wenig inspirierte Wiedergabe eben genau dieser Arbeiten (zuweilen noch in nervtötend flapsiger Sprache, in der aus "Villen" "Villas" werden und immerzu "gemeckert" wird, als gäbe es dafür kein weniger umgangssprachliches Wort).
Alys Ansatz sei zu materialistisch, Kershaw beziehe sich zu ausschließlich auf Hitler und den um ihn herum konstruierten Mythos und auch die augenblicklich florierende Volksgemeinschaftsforschung (deren innovatives Potential durchaus auch in vielen Punkten fraglich ist) reicht Rohkrämer ebenfalls nicht - so liest sich jedenfalls seine Einleitung. Und was bekommen wir dann zu lesen? Eine Kurzfassung der Forschungen Kershaws; einen Überblick über die materiellen Versprechen an die "Volksgenossen"; Darstellungen über die freudige Einpassung in die "Volksgemeinschaft", die nicht nur Versprechungen macht, sondern auch Forderungen an den einzelnen stellt. Alles abgeschmeckt mit ein wenig Benjamin und dessen (durchaus überzeugender) These von der "Ästhetisierung der Politik", die im Nationalsozialismus neue Früchte getragen hat. Auch das ist nicht neu, den "schönen Schein" des Nationalsozialismus haben uns schon andere hinter dem dunklen Schleier der Massenverbrechen hervorgeholt.
Um positiv zu schließen, kann man Rohkrämer attestieren, eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der Forschungen zum Nationalsozialismus als "Zustimmungsdiktatur" geliefert zu haben - mehr nicht. Dies ist durchaus einen anerkennenswerte Leistung, wenn nicht die Versprechungen in der Einleitung auf mehr hindeuteten. Dass darüber hinaus die Quellenauswahl wenig innovativ ist - von Tagebuchaufzeichnungen über Memoiren bis hin zu den Abhörprotokollen, die von Neitzel und Welzer analysiert wurden, alles nur immer wieder zitiertes und bekanntes Material -, fügt sich ins insgesamt wenig überzeugende Gesamtbild.
Rezension zu: Thomas Rohkrämer, Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Über die Popularität eines Unrechtsregimes, Paderborn 2013.
Kommentare, Rezensionen, Ausstellungsbesprechungen und Tagungsberichte aus dem Bereich der ZEitgeschichte
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Dienstag, 16. September 2014
Quo Vadis NS-Forschung: Volksgemeinschaft, Hitlermythos oder doch "fatale Attraktion"?
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Montag, 4. August 2014
"Wenn man sich nicht von vornherein dagegen sperrt." Zu Helmuth Kiesels Lektüre von Hitlers "Mein Kampf"
Früher habe ich mir die Arbeitsteilung zwischen Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft immer so gedacht: Die LiteraturwissenschaftlerInnen dürfen die schönen Dinge lesen, wohingegen sich die Geschichtswissenschaft mit all dem auseinanderzusetzen hat, was übrigbleibt, was Aufschlüsse über die Funktionsweise von Gesellschaften gibt, was zur Legitimierung von politischen Entscheidungen diente und was in Ideologien wirksam wurde. Dass diese Form der separierten Sphären spätestens seit der Soziologisierung der Literaturwissenschaft (die damit nicht unbedeutend an Relevanz gewann) nicht mehr gilt, ist ebenso wichtig wie begrüßenswert. Zu welchen Folgen es aber führen kann, wenn Literaturwissenschaftler ihren angestammten Bereich der belles lettres verlassen und den Schuttabladeplatz der Literaturproduktion durchsuchen - und vor allem mit den ihr eigenen Methoden analysieren - macht Helmut Kiesel in der heutigen Ausgabe der FAZ deutlich.
Der Autor ist in den letzten Jahren durch seine notorischen Ehrenrettungsversuche für Ernst Jünger aufgefallen, dem er endlich die den flächendeckenden Durchbruch als Schriftsteller verschaffen will, nachdem Jünger selbst in seinem nicht enden wollenden Leben nicht viel mehr zustande gebracht hat, als zahlreiche Umarbeitungen immer desselben Kriegserlebnisses von 1914 bis 1918 mit allem was dazugehört: Blut, Gedärm, der Spaß am Töten und so weiter und so fort. Warum lässt man den über Hundertjährigen nicht endlich das werden, was er sein sollte? Eine Quelle dafür, wie der Erste Weltkrieg in den 1920er Jahren dafür verwendet wurde, den Zweiten vorzubereiten.
Nun geht Kiesel allerdings noch einen Schritt weiter und nimmt sich - uiuiuiu wie verboten - Hitlers "Mein Kampf" camoufliert "in das schwarz-goldene Hochglanzpapier eines Luxusuhrenmagazins" mit auf die Terrasse des Parks eines Ferienhotels und schmiert darin "mit einem moosgrünen Faber-Castell 8B" mit Germanisteneifer herum. Wofür soll man ihn nun mehr schelten? Für die Erwähnung des Luxusuhrenmagazins - die Breitling als letztes Spielzeug des Mannes, dem man die Waffe vorenthält? Für das geschickte Product Placement des Schreibgeräts als Signum der Kulturviertheit? Oder dafür, dass er uns HistorikerInnen vorwirft, das meist ungelesene Buch immer falsch gedeutet zu haben?
Denn - hört hört - Herr Kiesel besitzt ein schier unendliches Einfühlungsvermögen und vermag sich in den Kopf eines potentiellen Hitler-Verehrers hineinzudenken (vielleicht ist das nicht schwer für jemanden, der mehrere Bände Jünger ediert hat) und aus dessen Warte klingt das alles gar nicht mal so abgedroschen, was man bei Hitler zu lesen bekommt. Geschenkt, dem mag so sein, und wer die Geistesgeschichte der 1920er Jahre kennt, der weiß, dass man allenthalben ähnliche Kost zwischen zwei Buchdeckeln erwerben konnte. Dass das alles ungelesen blieb, kann wohl tatsächlich nur schwerlich behauptet werden.
Was folgt, ist eine mit dem propädeutischen Handwerkszeug des Literaturwissenschaftlers vollzogene Untersuchung des Buches mit dem verblüffenden Ergebnis: So schlecht ist es gar nicht...stilistisch gesehen. Auch wenn der Autor (immer niemand anderes als Hitler) sich in Sprachbildern verrenne - worauf es ankomme, sei doch die Wirkung, und auf die verstehe er sich. "Kein Stümper, sondern ein wirkungsbewusster Schreiber", das sei Hitler gewesen, und Kiesel hat es herausgefunden - Heureka!
Kann Kiesel nicht wie alle anderen im Urlaub irgendwelche Regionalkrimis, Herzschmerzgeschichten oder Fantasybücher lesen? Das hätte uns einiges an Ärger (und die Erkenntnis, dass Hitler in den Augen des Germanisten schreiben konnte) erspart. Am Ende geht Kiesel wieder versöhnlich auf die Historiker zu: Gerade weil Hitler so ein stilsicherer Autor war, sei die kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" unbedingt notwendig, um durch geschickte Anmerkungen die Wirkungskraft des Buches zu unterminieren.
Als hätten Kiesels kommentierten Jünger-Ausgaben die Anziehungskraft dieses rechten Klassikers abgebaut.
Freitag, 18. Juli 2014
„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg
Überraschend war wohl nur der große
Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt,
Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die
unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot,
war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein
amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten
Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein
paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.
Ist die politikwissenschaftliche
Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag
sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten,
aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt
Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch
vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu
bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten,
sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch
eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen.
Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen
Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass
zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was
Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen
mitzuteilen haben.
Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt
Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19.
Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon
gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da
stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch
über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig
blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die
überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter)
viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der
Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die
diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation
technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht
vor, oder zumindest aber zu kurz.
Warum die Soldaten nicht aufhörten zu
kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen
Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich
gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich
argumentierende These, dass man die Perspektive der
Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht
außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert
(was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie
widerlegen zu müssen).
Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl
in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu
können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben
den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung
mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft
das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien.
Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das
wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des
Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards
Studie ist.
Dienstag, 4. März 2014
Kunsthandwerk und Kriegshandwerk: 100 Jahre Erster Weltkrieg. Fundstücke zu Geschichte und Rezeption 2
Liest man autobiographische Zeugnisse und die aus ihnen hervorgegangenen immer noch lebensgeschichtlich gefärbten literarischen Verdichtungen zum Kriegs- und insbesondere Frontalltag des Ersten Weltkriegs, so sind Gewalt, Tod und das Töten des Gegenübers nicht das Einzige, immer wiederkehrende bedrückende Element. Hinzu kommt die Langeweile, das Warten darauf, dass etwas passieren möge und sei es auch noch so schrecklich.
Es liegt nahe, diese Zeit der Langeweile füllen zu wollen und eine Art, wie das geschah, war die sogenannte Schützengrabenkunst. Jedes noch so unzureichend bestückte Museum zur Geschichte des Ersten Weltkriegs watet mit kunsthandwerklichen Stücken aus Soldatenhand auf: Federhalter aus Patronen, Gefäße aus Granaten und dergleichen, anrührend-kitschigem Tand mehr. Doch wurde auch mit mehr oder weniger selbstbewussten Zugriff gezeichnet und gemalt. Die wahrlich ungeheuren Potentiale, die der Erste Weltkrieg bei prominenten Künstlern hervorgerufen hat, sind vielfach beschrieben worden. Doch nicht nur die Prominenz der Kunstgeschichte, versuchte, bildend dem Krieg Herr zu werden.
Die hier vorliegende Quelle ist der Versuch eines Landsers, sich mit eher bescheidenen materiellen und sicher auch eben solchen artistischen Mitteln der Kriegslandschaft anzunehmen. "Schützengraben-Drahtverhau in Wolhynien, 1917". Gezeichnet wurde es von einem C. Fischer aus Kiel (über Informationen zum Urheber wäre ich durchaus dankbar).
Schaut man sich die Komposition des Bildes an, so wird deutlich, dass das Ganze - auf laienhaftem Niveau - vergleichsweise souverän konstruiert ist: Im Hintergrund, verwaschen, eine Baumgruppe ohne sichtbare Einwirkungen des Krieges. Im Vordergrund der titelgebende Stacheldraht, detailreicher gezeichnet als Einbruch des modernen Krieges in eine Landschaft der dunklen Romantik.
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