Posts mit dem Label Kunst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kunst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 5. September 2014

Kindliche Perspektiven auf die Grausamkeit des Krieges. Eine Ausstellung in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zu polnischen Kinderzeichnungen aus dem Jahr 1946

Wesen ohne Hals und ohne Unterkörper, dafür mit direkt am Brustkorb ansetzenden Beinen und langen Armen – und Mützen, auf denen ein Hakenkreuz zu sehen ist. Eckige Häuser, denen wild lodernde Flammen aus dem Dach steigen, gezeichnet mit Buntstift und roter Tinte. Davor stilisierte Figuren, zeichnerisch zwischen Strichmännchen und einem altersgerechten Realismus angesiedelt.

Wenn Kinder den Krieg sehen und anschließend zeichnen – was kommt dabei heraus? Die Ausstellung „Kinder im Krieg. Polen 1939 – 1945“, die in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße in Braunschweig gezeigt wird, versucht Anworten auf diese Frage zu geben. Oder besser: Polnische Kinder, 1946 durch ein Preisausschreiben einer Zeitung dazu animiert, geben die Antwort selbst, der Gedenkstätte kommt nur das Verdienst zu, diese Quellen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und sie sind es wert, von möglichst vielen Personen gesehen zu werden: nicht nur ihre relative Unbekanntheit (zumindest in Deutschland, in Polen werden sie wohl schon häufiger als Quellen für die historische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg verwendet), sondern auch die kindlich-künstlerische Verarbeitung des Krieges in diesen Bildern machen diese (zugegeben) eher kleine Ausstellung mehr als sehenwert.

Die begleitenden Texte sind auf das Notwendigste beschränkt, die Bilder sollen gleichsam für sich selbst sprechen – und das tun sie. Kurze Hintergrundinformationen zur brutalen deutschen Besatzungspolitik machen deutlich, dass die grausam-grotesken Szenen keineswegs der infantilen Phantasie mit ihrer Vorliebe für brutal-drastische Darstellungen entsprungen sind. Mit den Mitteln des schulischen Kunstunterricht versuchen Kinder (zum Teil noch Erstklässler) auf ihre Art ihren Erlebnissen einen (im kunstgeschichtlichen Sinne) realistischen Ausdruck zu geben. Dass diese Bilder dann eher an die Werke eines George Grosz erinnern als an gegenwärtige Kinderzeichnungen mit einladenden Spitzgiebelhäusern und lachenden Sonnen, ist dem Erfahrungshintergrund der jungen Künstler geschuldet. (Und belegt dialektisch betrachtet wieder einmal, dass George Grosz einer der größten realistischen Maler des 20. Jahrhunderts war, und das gerade weil er die Welt nicht malte, wie sie aussah, sondern wie sie war!)

Nach den traumatischen Erfahrungen der hier ausgestellten Kinder verwundert es nicht, dass das Material auch polnischen Psychologen dabei helfen sollte, mit den Kindern zu arbeiten, um ihnen so ein möglichst normales Leben nach dem Krieg zu ermöglichen. Und hier beginnt auch schon die mehr als spannende Nachgeschichte der Quellen, die die Kuratorin der Ausstellung, Iris Helbing, in ihren einleitenden Worten deutlich machte: Nachdem tausenden von Zeichnungen bei der Zeitung eingegangen waren, ja nachdem selbst ganze Klassen dazu ermuntert worden waren, ihre Erfahrungen zeichnerisch zu Papier zu bringen, wanderte ein Großteil der Bilder in ein polnisches Archiv. 100 von ihnen allerdings kamen, als Dankeschön für die tatkräftige Unterstützung, zu einem Helfer nach Dänemark und wurden nach dessen Tod der polnischen Botschaft in Kopenhagen übergeben – genau die Bilder sind es nun, aus denen die Ausstellung eine Auswahl präsentiert.


Zum Abschluss noch ein paar geschichtsdidaktische Überlegungen: Von der Kuratorin wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Ausstellung besonders für Schulklassen geeignet sei, um sich über die Zeichnungen vermittelt einen Zugang zum Thema Zweiter Weltkrieg zu ermöglichen. Die Grundannahme dabei: Schüler könnten sich eher mit Quellen identifizieren, die von Personen ihres Alters produziert worden seien. Aber ist das wirklich so? Mir scheint das eine noch immer zu wenig untermauerte Annahme vieler geschichtsdidaktischer Projekte sowohl des schulischen Unterrichts als auch außerschulischer Lernorte zu sein. Hier sollten empirische Studien klären, ob es tatsächlich der Fall ist. Und zweitens sollte gefragte werden, ob Identifikation überhaupt das Ziel sein kann …  

Informationen der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zur Ausstellung

Dienstag, 4. März 2014

Kunsthandwerk und Kriegshandwerk: 100 Jahre Erster Weltkrieg. Fundstücke zu Geschichte und Rezeption 2

Liest man autobiographische Zeugnisse und die aus ihnen hervorgegangenen immer noch lebensgeschichtlich gefärbten literarischen Verdichtungen zum Kriegs- und insbesondere Frontalltag des Ersten Weltkriegs, so sind Gewalt, Tod und das Töten des Gegenübers nicht das Einzige, immer wiederkehrende bedrückende Element. Hinzu kommt die Langeweile, das Warten darauf, dass etwas passieren möge und sei es auch noch so schrecklich.
Es liegt nahe, diese Zeit der Langeweile füllen zu wollen und eine Art, wie das geschah, war die sogenannte Schützengrabenkunst. Jedes noch so unzureichend bestückte Museum zur Geschichte des Ersten Weltkriegs watet mit kunsthandwerklichen Stücken aus Soldatenhand auf: Federhalter aus Patronen, Gefäße aus Granaten und dergleichen, anrührend-kitschigem Tand mehr. Doch wurde auch mit mehr oder weniger selbstbewussten Zugriff gezeichnet und gemalt. Die wahrlich ungeheuren Potentiale, die der Erste Weltkrieg bei prominenten Künstlern hervorgerufen hat, sind vielfach beschrieben worden. Doch nicht nur die Prominenz der Kunstgeschichte, versuchte, bildend dem Krieg Herr zu werden. 
Die hier vorliegende Quelle ist der Versuch eines Landsers, sich mit eher bescheidenen materiellen und sicher auch eben solchen artistischen Mitteln der Kriegslandschaft anzunehmen.  "Schützengraben-Drahtverhau in Wolhynien, 1917". Gezeichnet wurde es von einem C. Fischer aus Kiel (über Informationen zum Urheber wäre ich durchaus dankbar).  
Schaut man sich die Komposition des Bildes an, so wird deutlich, dass das Ganze - auf laienhaftem Niveau - vergleichsweise souverän konstruiert ist: Im Hintergrund, verwaschen, eine Baumgruppe ohne sichtbare Einwirkungen des Krieges. Im Vordergrund der titelgebende Stacheldraht, detailreicher gezeichnet als Einbruch des modernen Krieges in eine Landschaft der dunklen Romantik.