Thomas Rohkrämer macht mit seinem neuen Buch über die "fatale Attraktion des Nationalsozialismus" eines deutlich - wie man trotz einer wichtigen und interessanten Fragestellung ein Buch schreiben kann, dessen es nicht bedurft hätte. Liegt es daran, dass der Autor mit einer schier nervtötenden Penetranz seine eigene Wortschöpfung immer wieder auftischt, auf dass man sie dann auf jeden Fall bei nächstmöglicher zitieren möge. (Dass sie dazu noch grammatikalisch windschief ist, geht es doch Rohkrämer mehr um "fatale Attraktivität" des Nationalsozialismus und nicht um "Attraktionen", sei nur am Rande bemerkt.); sei es, dass er trotz dieser neuerlichen Begrifflichkeit nichts Neues zu sagen weiß - in jedem Fall fragt man sich schon, ob es dieser gut 330 Textseiten bedurft hätte, welchen Erkenntnisgewinn man bei sich selbst verzeichnen kann und was nun genau Rohkrämers Thesen sind, die die historische Forschung zum Nationalsozialismus voranbringen sollen.
Dieser unbefriedigende Eindruck ergibt sich vor allem daraus, dass Rohkrämer zwar in guter wissenschaftlicher Manier in der Einleitung die Studien und Forschungsrichtungen zum Nationalsozialismus benennt, von denen er sich mit seiner eigenen Arbeit abzusetzen gedenkt - was dann im Hauptteil folgt, ist allerdings nichts anderes als die wenig inspirierte Wiedergabe eben genau dieser Arbeiten (zuweilen noch in nervtötend flapsiger Sprache, in der aus "Villen" "Villas" werden und immerzu "gemeckert" wird, als gäbe es dafür kein weniger umgangssprachliches Wort).
Alys Ansatz sei zu materialistisch, Kershaw beziehe sich zu ausschließlich auf Hitler und den um ihn herum konstruierten Mythos und auch die augenblicklich florierende Volksgemeinschaftsforschung (deren innovatives Potential durchaus auch in vielen Punkten fraglich ist) reicht Rohkrämer ebenfalls nicht - so liest sich jedenfalls seine Einleitung. Und was bekommen wir dann zu lesen? Eine Kurzfassung der Forschungen Kershaws; einen Überblick über die materiellen Versprechen an die "Volksgenossen"; Darstellungen über die freudige Einpassung in die "Volksgemeinschaft", die nicht nur Versprechungen macht, sondern auch Forderungen an den einzelnen stellt. Alles abgeschmeckt mit ein wenig Benjamin und dessen (durchaus überzeugender) These von der "Ästhetisierung der Politik", die im Nationalsozialismus neue Früchte getragen hat. Auch das ist nicht neu, den "schönen Schein" des Nationalsozialismus haben uns schon andere hinter dem dunklen Schleier der Massenverbrechen hervorgeholt.
Um positiv zu schließen, kann man Rohkrämer attestieren, eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der Forschungen zum Nationalsozialismus als "Zustimmungsdiktatur" geliefert zu haben - mehr nicht. Dies ist durchaus einen anerkennenswerte Leistung, wenn nicht die Versprechungen in der Einleitung auf mehr hindeuteten. Dass darüber hinaus die Quellenauswahl wenig innovativ ist - von Tagebuchaufzeichnungen über Memoiren bis hin zu den Abhörprotokollen, die von Neitzel und Welzer analysiert wurden, alles nur immer wieder zitiertes und bekanntes Material -, fügt sich ins insgesamt wenig überzeugende Gesamtbild.
Rezension zu: Thomas Rohkrämer, Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Über die Popularität eines Unrechtsregimes, Paderborn 2013.
Kommentare, Rezensionen, Ausstellungsbesprechungen und Tagungsberichte aus dem Bereich der ZEitgeschichte
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Dienstag, 16. September 2014
Quo Vadis NS-Forschung: Volksgemeinschaft, Hitlermythos oder doch "fatale Attraktion"?
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Rezension
Samstag, 6. September 2014
"Der Keim der wahren Freiheit, gedeiht in Unfreiheit." Lutz Seiler hat mit seinem Roman "Kruso" den wohl bedeutendsten literarischen Beitrag zum Ende der DDR geschrieben
Sucht das Feuilleton noch immer den
Roman zum Ende der DDR? Die Suche hat in diesem Herbst, 25 Jahre nach
Öffnung der Grenzen, ein Ende. Lutz Seilers „Kruso“ ist die wohl
beste bislang erschienene Annäherung an die Geschehnisse im Jahr
1989.
Weniger das inzwischen sprichwörtliche
Leben der Anderen, sondern ein anderes Leben, das richtige Leben im
falschen, die Freiheit in der Unfreiheit sind Seilers Themen.
Geschickt siedelt er seine (autobiographisch gefärbte) Geschichte im
äußersten Randgebiet der DDR an, auf dem kleinen Raum der
Ferieninsel Hiddensee suchen seine Akteure die Freiheit – und
werden von der Grenzöffnung überrascht.
Die Insel wird im Roman zur Metapher;
jeder sucht sich seine Enklave möglichst großer Freiheit. Die
historisch belegten Einquartierungen von Besuchern auf der Insel, die
der Enge der DDR entkommen wollten, werden mit esoterisch anmutenden
Initiationsriten versehen und so zum Eingangstor in eine andere Welt.
Das Leben der Hauptfigur Edgar Bendler,
dessen Freundin von einer Straßenbahn überfahren wurde, gerät aus
den Fugen. Statt der vielversprechenden Fortsetzung des
Germanistikstudiums findet sich Edgar (genannt Ed) mittellos auf
Hiddensee wieder, der Insel, deren Namen den namensgebenden
Protagonisten Krusowitsch (genannt Kruso) zu allerlei Wortspielen
einlädt, bedeute „hidden“ doch im Englischen versteckt. Ed wird
Abwäscher in einer Ausflugsgaststätte, taucht immer weiter in die
Geheimnisse der Insel ein, erlebt das Ankommen und Abreisen von neuen
Besuchern, die auch für Ed amourös-existentielle Abenteuer
bereithalten, und freundet sich mit Kruso an.
Wir schreiben das Jahr 1989, die
Massenfluchten, über die der Deutschlandfunk im immer laufenden
Küchenradio berichtet, hinterlassen auch ihre Spuren auf Hiddensee.
Die „Besatzung“ schrumpft, immer mehr Mitarbeiter aus der
Gaststätte entschließen sich zur Flucht über das Meer bis auf das
dänische Festland – und nicht alle schaffen diese gefährliche
Reise.
Die Idee, die Freiheit vor Ort zu
ermöglichen, scheitert, die Verlockungen des Westens sind zu stark.
Seilers Roman bezieht seine Stärke zunächst aus dem Raum, in dem er
angesiedelt ist: Hiddensee, nicht mehr ganz DDR (trotz Grenztruppen
und „Hygieneinspektoren“ mit verdächtigen
Staatssicherheitsallüren), aber noch nicht Westen, so liegt die
Insel im Zwischenraum – in dem Zwischenraum, in dem die von Kruso
so viel gepriesene Freiheit zu finden ist. In magisch-realistischem
Stil (als letzter Abgesang auf den realsozialistischen Realismus der
Literatur der DDR?) beschreibt Seiler diese Exterritorialität als
Möglichkeit, sich zumindest den Sommer über, frei zu fühlen und
frei zu leben. Diese Suche nach etwas Anderem, nach dem anderen Leben
jenseits von staatlicher Gängelung und kapitalistischer Verführung
gibt Seiler in seinem Roman Raum. Eine Suche, die durch die
Wiedervereinigung jäh unterbrochen wurde und an die zum Ende hin
sowieso nur noch der daran psychisch zugrunde gehende Kruso und Ed
geglaubt zu haben scheinen.
Seiler schließt mit einem Epilog, in der die Suche weitergeht. Die DDR ist inzwischen - sinnbidlich - untergegangen, Ed hingegen lässt der Gedanke an die bei ihren Fluchtversuchen ums Leben gekommenen Flüchtlinge nicht los und beginnt die Recherche; allein für diese letzten dreißig Seiten lohnt die Lektüre des Buches, gehen sie doch in einem mehr als überzeugten Reportage-Stil den Versäumnissen der wiedervereinigten Erinnerungskultur in Bezug auf diese Opfergruppe mehr als überzeugend nach.
Die Homepage des Suhrkamp-Verlages zum Roman
Die Homepage des Suhrkamp-Verlages zum Roman
Freitag, 5. September 2014
Kindliche Perspektiven auf die Grausamkeit des Krieges. Eine Ausstellung in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zu polnischen Kinderzeichnungen aus dem Jahr 1946
Wesen ohne Hals und ohne Unterkörper,
dafür mit direkt am Brustkorb ansetzenden Beinen und langen Armen –
und Mützen, auf denen ein Hakenkreuz zu sehen ist. Eckige Häuser,
denen wild lodernde Flammen aus dem Dach steigen, gezeichnet mit
Buntstift und roter Tinte. Davor stilisierte Figuren, zeichnerisch
zwischen Strichmännchen und einem altersgerechten Realismus
angesiedelt.
Wenn Kinder den Krieg sehen und anschließend zeichnen – was kommt dabei heraus? Die Ausstellung „Kinder im Krieg. Polen 1939 – 1945“, die in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße in Braunschweig gezeigt wird, versucht Anworten auf diese Frage zu geben. Oder besser: Polnische Kinder, 1946 durch ein Preisausschreiben einer Zeitung dazu animiert, geben die Antwort selbst, der Gedenkstätte kommt nur das Verdienst zu, diese Quellen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und sie sind es wert, von möglichst vielen Personen gesehen zu werden: nicht nur ihre relative Unbekanntheit (zumindest in Deutschland, in Polen werden sie wohl schon häufiger als Quellen für die historische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg verwendet), sondern auch die kindlich-künstlerische Verarbeitung des Krieges in diesen Bildern machen diese (zugegeben) eher kleine Ausstellung mehr als sehenwert.
Die begleitenden Texte sind auf das
Notwendigste beschränkt, die Bilder sollen gleichsam für sich
selbst sprechen – und das tun sie. Kurze Hintergrundinformationen
zur brutalen deutschen Besatzungspolitik machen deutlich, dass die
grausam-grotesken Szenen keineswegs der infantilen Phantasie mit
ihrer Vorliebe für brutal-drastische Darstellungen entsprungen sind.
Mit den Mitteln des schulischen Kunstunterricht versuchen Kinder (zum
Teil noch Erstklässler) auf ihre Art ihren Erlebnissen einen (im
kunstgeschichtlichen Sinne) realistischen Ausdruck zu geben. Dass
diese Bilder dann eher an die Werke eines George Grosz erinnern als
an gegenwärtige Kinderzeichnungen mit einladenden Spitzgiebelhäusern
und lachenden Sonnen, ist dem Erfahrungshintergrund der jungen
Künstler geschuldet. (Und belegt dialektisch betrachtet wieder
einmal, dass George Grosz einer der größten realistischen Maler des
20. Jahrhunderts war, und das gerade weil er die Welt nicht malte,
wie sie aussah, sondern wie sie war!)
Nach den traumatischen Erfahrungen der
hier ausgestellten Kinder verwundert es nicht, dass das Material auch
polnischen Psychologen dabei helfen sollte, mit den Kindern zu
arbeiten, um ihnen so ein möglichst normales Leben nach dem Krieg zu
ermöglichen. Und hier beginnt auch schon die mehr als spannende
Nachgeschichte der Quellen, die die Kuratorin der Ausstellung, Iris
Helbing, in ihren einleitenden Worten deutlich machte: Nachdem
tausenden von Zeichnungen bei der Zeitung eingegangen waren, ja
nachdem selbst ganze Klassen dazu ermuntert worden waren, ihre
Erfahrungen zeichnerisch zu Papier zu bringen, wanderte ein Großteil
der Bilder in ein polnisches Archiv. 100 von ihnen allerdings kamen,
als Dankeschön für die tatkräftige Unterstützung, zu einem Helfer
nach Dänemark und wurden nach dessen Tod der polnischen Botschaft in
Kopenhagen übergeben – genau die Bilder sind es nun, aus denen die
Ausstellung eine Auswahl präsentiert.
Zum Abschluss noch ein paar
geschichtsdidaktische Überlegungen: Von der Kuratorin wurde immer
wieder darauf hingewiesen, dass die Ausstellung besonders für
Schulklassen geeignet sei, um sich über die Zeichnungen vermittelt
einen Zugang zum Thema Zweiter Weltkrieg zu ermöglichen. Die
Grundannahme dabei: Schüler könnten sich eher mit Quellen
identifizieren, die von Personen ihres Alters produziert worden
seien. Aber ist das wirklich so? Mir scheint das eine noch immer zu
wenig untermauerte Annahme vieler geschichtsdidaktischer Projekte
sowohl des schulischen Unterrichts als auch außerschulischer
Lernorte zu sein. Hier sollten empirische Studien klären, ob es
tatsächlich der Fall ist. Und zweitens sollte gefragte werden, ob
Identifikation überhaupt das Ziel sein kann …
Informationen der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zur Ausstellung
Sonntag, 31. August 2014
Ruf aus der Gruft. Zu Hans-Ulrich Wehlers Essayband "Die Deutschen und der Kapitalismus"
Seinem Freund und Generationsgenossen Habermas entsprechend, der mit seinen immer wieder in Buchform zusammengefassten "Kleinen Schriften" kürzere Beiträge zum Zeitgeschehen publiziert, ist es auch bei Wehler gute Tradition, dass seine verstreut erschienenen Beiträge in regelmäßigen Abständen gebündelt erscheinen. Was der C.H.-Beck-Verlag in Wehlers Todesjahr nun publiziert ist Wehler at his best - und at his worst!
Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.
Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!
Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.
Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!
Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.
Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.
Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.
Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!
Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.
Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!
Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.
Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.
Montag, 4. August 2014
"Wenn man sich nicht von vornherein dagegen sperrt." Zu Helmuth Kiesels Lektüre von Hitlers "Mein Kampf"
Früher habe ich mir die Arbeitsteilung zwischen Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft immer so gedacht: Die LiteraturwissenschaftlerInnen dürfen die schönen Dinge lesen, wohingegen sich die Geschichtswissenschaft mit all dem auseinanderzusetzen hat, was übrigbleibt, was Aufschlüsse über die Funktionsweise von Gesellschaften gibt, was zur Legitimierung von politischen Entscheidungen diente und was in Ideologien wirksam wurde. Dass diese Form der separierten Sphären spätestens seit der Soziologisierung der Literaturwissenschaft (die damit nicht unbedeutend an Relevanz gewann) nicht mehr gilt, ist ebenso wichtig wie begrüßenswert. Zu welchen Folgen es aber führen kann, wenn Literaturwissenschaftler ihren angestammten Bereich der belles lettres verlassen und den Schuttabladeplatz der Literaturproduktion durchsuchen - und vor allem mit den ihr eigenen Methoden analysieren - macht Helmut Kiesel in der heutigen Ausgabe der FAZ deutlich.
Der Autor ist in den letzten Jahren durch seine notorischen Ehrenrettungsversuche für Ernst Jünger aufgefallen, dem er endlich die den flächendeckenden Durchbruch als Schriftsteller verschaffen will, nachdem Jünger selbst in seinem nicht enden wollenden Leben nicht viel mehr zustande gebracht hat, als zahlreiche Umarbeitungen immer desselben Kriegserlebnisses von 1914 bis 1918 mit allem was dazugehört: Blut, Gedärm, der Spaß am Töten und so weiter und so fort. Warum lässt man den über Hundertjährigen nicht endlich das werden, was er sein sollte? Eine Quelle dafür, wie der Erste Weltkrieg in den 1920er Jahren dafür verwendet wurde, den Zweiten vorzubereiten.
Nun geht Kiesel allerdings noch einen Schritt weiter und nimmt sich - uiuiuiu wie verboten - Hitlers "Mein Kampf" camoufliert "in das schwarz-goldene Hochglanzpapier eines Luxusuhrenmagazins" mit auf die Terrasse des Parks eines Ferienhotels und schmiert darin "mit einem moosgrünen Faber-Castell 8B" mit Germanisteneifer herum. Wofür soll man ihn nun mehr schelten? Für die Erwähnung des Luxusuhrenmagazins - die Breitling als letztes Spielzeug des Mannes, dem man die Waffe vorenthält? Für das geschickte Product Placement des Schreibgeräts als Signum der Kulturviertheit? Oder dafür, dass er uns HistorikerInnen vorwirft, das meist ungelesene Buch immer falsch gedeutet zu haben?
Denn - hört hört - Herr Kiesel besitzt ein schier unendliches Einfühlungsvermögen und vermag sich in den Kopf eines potentiellen Hitler-Verehrers hineinzudenken (vielleicht ist das nicht schwer für jemanden, der mehrere Bände Jünger ediert hat) und aus dessen Warte klingt das alles gar nicht mal so abgedroschen, was man bei Hitler zu lesen bekommt. Geschenkt, dem mag so sein, und wer die Geistesgeschichte der 1920er Jahre kennt, der weiß, dass man allenthalben ähnliche Kost zwischen zwei Buchdeckeln erwerben konnte. Dass das alles ungelesen blieb, kann wohl tatsächlich nur schwerlich behauptet werden.
Was folgt, ist eine mit dem propädeutischen Handwerkszeug des Literaturwissenschaftlers vollzogene Untersuchung des Buches mit dem verblüffenden Ergebnis: So schlecht ist es gar nicht...stilistisch gesehen. Auch wenn der Autor (immer niemand anderes als Hitler) sich in Sprachbildern verrenne - worauf es ankomme, sei doch die Wirkung, und auf die verstehe er sich. "Kein Stümper, sondern ein wirkungsbewusster Schreiber", das sei Hitler gewesen, und Kiesel hat es herausgefunden - Heureka!
Kann Kiesel nicht wie alle anderen im Urlaub irgendwelche Regionalkrimis, Herzschmerzgeschichten oder Fantasybücher lesen? Das hätte uns einiges an Ärger (und die Erkenntnis, dass Hitler in den Augen des Germanisten schreiben konnte) erspart. Am Ende geht Kiesel wieder versöhnlich auf die Historiker zu: Gerade weil Hitler so ein stilsicherer Autor war, sei die kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" unbedingt notwendig, um durch geschickte Anmerkungen die Wirkungskraft des Buches zu unterminieren.
Als hätten Kiesels kommentierten Jünger-Ausgaben die Anziehungskraft dieses rechten Klassikers abgebaut.
Freitag, 11. Juli 2014
Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler
Wird auch Wehlers Konzept der
Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich
für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale
Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass
er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.
Ganz im Sinne der von Brecht einmal für
seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat
Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende
Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur
Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den
obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte,
sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig.
Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender
HistorikerInnengenerationen!
Auch wenn die Entwicklung des Faches
über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen
sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den
Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so
sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion
des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“)
noch heute vorbildgebend und Teil des universitären
Ausbildungskanons des Faches sein.
Hinterließ Wehler in der Wissenschaft
mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu
interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften
ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein,
der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen
Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur
in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und
alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der
Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem
eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den
damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht
allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was
festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung
gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die
Diskurse prägte.
Und genau dies scheint mir der Punkt zu
sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich
wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer
Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der
ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene
Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem
(hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges
Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion
wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen
Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit
Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller
Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei
sein.
Dienstag, 29. April 2014
Auf Stimmungenfang. Ulrike Edschmids Roman "Das Verschwinden des Philip S." (Aktion: Blogger schenken Lesefreude)
Während die akademische
Geschichtsschreibung sich schwer damit tut, Stimmungen einzufangen –
der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat erst in seiner
aktuellen Arbeit zur Latenz einen theoretisch begründeten Anfang zu
ihrer möglichen wissenschaftlichen Analyse gemacht –, so hat die
in aus der Zeitgeschichte ihre Themen beziehende Literatur hier einen
klaren Vorteil. Sie muss sich weniger um Quellen und die Frage der
empirischen Überprüfbarkeit stellen, ihre Plausibilität ergibt
sich aus der erzählten Fabel und der dazu verwendeten erzählerischen
Mittel.
Autobiographisch fundierte Literatur
nimmt dazu noch die Autorität des Zeitzeugen für sich in Anspruch.
Wenigen Romanen gelingt es wohl derart überzeugend eben die
Stimmungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre so überzeugend
einzufangen – und darzustellen – wie Ulrike Edschmid in ihrem
Buch „Das Verschwinden des Philip S.“ Einzig Uwe Timms „Heißer
Sommer“ ist darin eventuell noch vergleichbar, im Gegensatz zu
Timms Erzählhaltung, der sich mit gekonnter Ironie im Erzähmodus
der Komödie bewegt, ist bei Edschmid wenig Komisches oder Ironie zu
finden.
Edschmid lässt den Leser eine Tragödie
nachvollziehen. Den Weg des Filmstudenten Philip S. Von formalen
Experimenten auf der Leinwand und privaten Aufbrüchen mit dem Ziel einer
Neugestaltung von Familienleben und Kindererziehung hin zum
Terrorismus der 1970er Jahre. Äußerst überzeugend gestaltet
Edschmid dabei die Position der (wiederum autobiographisch) gefärbten
Ich-Erzählerin, die diesen Weg zunächst mitgeht, irgendwann jedoch
– vor allem in Sorge um das eigene Kind – aus der Gewaltspirale
ausbricht und nur noch beobachten kann, wie Philip S. den Gang in die
Illgelität antritt und letztlich in einer Schießerei mit Polizisten
stirbt.
Mit Nostalgie für die Aufbruchjahre
der 1960er und mit zunehmendem Unverständnis darüber, was daraus
folgte, beschreibt Edschmid den Abschied ihres Lebensgefährten aus
dem vermeintlich richtigen Leben im so empfundenen falschen um sie
herum. Die entsprechenden zeitgeschichtlichen Ereignisse, die die
Radikalisierung der späten 1960er Jahre bedingten, werden benannt
(die Erschießung Ohnesorgs, die Schlacht am Tegeler Weg etc.), die
entsprechenden zeithistorischen Personen treten auf (wobei auffällt,
dass z.B. Rudi Dutschke nie beim Namen genannt, sondern nur als
„Studentenführer“ deklariert wird, eine Zuschreibung, die er
selbst – auch wortwörtlich – immer wieder für sich abgelehnt
hat) und die Stimmung dieser Zeit wird, jedenfalls für jemanden, der
sie nicht miterlebt, sondern nur aus der Forschung und aus
zeitgenössischen Berichten kennt, sowohl faktisch überzeugend als
auch stilistisch gekonnt dargestellt. Dabei fällt vor allem
Edschmids gelungene Beschreibung der Verflechtungsgeschichte der
Studentenbewegungen der Bundesrepublik und Italiens auf, die erst
seit kurzer Zeit auch Teil einer wissenschaftlichen Beschäftigung
mit dieser Zeit ist (Vgl. die Habilitation von Petra Terhoeven).
Edschmids Roman ist ein Buch, das für
jeden zu empfehlen ist, der sich mit der bundesrepublikanischen
Zeitgeschichte beschäftigt und der nach den Gründen für den
Terrorismus der 1960er Jahre fragt. Dass Edschmid – die nicht nur
als Chronistin, sondern auch als Beteiligte – die Ursache vor allem
bei einer Überreaktion der staatlichen Stellen zu Beginn des
kulturellen Aufbruchs sieht, der Terrorismus von RAF und den
vergleichbaren Gruppen so nur eine ebenfalls gewaltsame Reaktion auf
Hausdurchsuchungen, Überwachungen, Beschlagnahmungen und Festnahmen erscheint, macht ihr Buch auch zu einem Thesenroman, über dessen
Grundannahmen diskutiert werden kann und muss. Sollten weitere
Diskussionsbeiträge ebenso gekonnt und lesenswert ausfallen, kann
darin nur eine begrüßenswerte Entwicklung gesehen werden.
Rezension zu:
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags
Erwähnte weitere Werke:
Uwe Timm, Heißer Sommer, München
1998. (Zuerst 1974; das frühe Erscheinungsdatum legt wohl auch noch
eher die Erzählform der Komödie nahe – der „Deutsche Herbst“
war so noch nicht Teil der Erfahrungswelt des Autors) Seite des Verlags
Hans Ulrich Gumbrecht, Nach 1945.
Latenz als Ursprung der Gegenwart, Berlin 2012. Seite des Verlags
Petra Terhoeven, Deutscher Herbst in
Europa. Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales
Phänomen, München 2014. Besprechung bei HSozKult
Die Besprechung dieses Buchs erfolgt im
Rahmen der Aktion „Blogger schenken Lesefreude.“ Das Buch wird
nach der Besprechung einem interessierten Leser zur Verfügung
gestellt. Die 1960er Jahre waren eine Zeit, in der es auch – siehe
die auch im Roman vorkommenden Raubdrucke – um eine
Demokratisierung des Wissens ging. Teil dieser Demokratisierung von
Wissen und Bildung der Gegenwart sind die in zahlreichen Städten
aufgestellten Bücherboxen. In diesen können nicht mehr benötigte
Bücher weiteren Lesern zur Verfügung gestellt werden, um sie vor
dem Altpapiercontainer zu bewahren. Dieses Exemplar von Edschmids
Roman wurde in der Bücherbox am Engelborsteler Damm in Hannover
deponiert und findet so hoffentlich weitere interessierte Leser.
Zu den öffentlichen
Bücherboxen/Bücherschränken siehe auch den entsprechenden Eintrag bei Wikipedia
Labels:
1960er Jahre,
1970er Jahre,
Geschichtskultur,
Kulturgeschichte,
Literatur,
Politikgeschichte,
Quellen,
RAF,
Rezension,
Zeitgeschichte
Freitag, 3. Januar 2014
100 Jahre Erster Weltkrieg – Fundstücke zur Geschichte und Rezeption 1: Der Krieg in Latenz. Hans Willi Linkers „Spiel in Flandern“
Vorrede: In loser Folge sollen zum Jubiläumsjahr verschiedene Quellen vorgestellt werden, die in Bezug zum Ersten Weltkrieg stehen: Romane, Erzählungen, Berichte, Bilder und so weiter. Dabei geht es mir vor allem darum, Material vorzustellen, das noch nicht so bekannt ist. Ob sich so ein neuer Blick auf den Ersten Weltkrieg und seine Rezeptionsgeschichte werfen lässt? Wir werden es sehen.
Die Geschichte ist schnell erzählt:
Ein junger deutscher Soldat wird mit seinem – natürlich –
burschikosen Adjutanten bei einer flandrischen Familie einquartiert,
verliebt sich prompt in die junge Blondine des Hauses, was
selbstredend besonders einfach ist, da man ja zuvor feststellen
konnte, dass man „eines Stammes“ (S. 19) ist, es kommt zum Kuss
und dann zur rührenden Abschiedszene, weil Robert Schmidt, genannt
Bob, an die Front zurückmuss.
So weit, so gut, und nicht weiter
besonders. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich herausragend für
die Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg zur Zeit des
Erscheinens (Erstauflage von 1936; meine Auflage – es ist die 9. -
von 1943) dieses kaum fünfzigseitigen Bändchens. Ebenso
betulich-biedermeierlich wie die Geschichte sind auch die
beigegebenen Holzschnitte.
Was auffällt, ist zunächst der
Untertitel: „Eine Novelle aus dem grossen Krieg“. Kann man die
Gattungsbezeichnung „Novelle“ vielleicht noch nachvollziehen,
will der Autor uns doch die Liebe in Zeiten des Krieges als jene
unerhörte Begebenheit verkaufen, derer es dafür bedürfe, so wird
man doch beim zweiten Teil der Beschreibung stutzig. Nicht nur, dass
der Krieg im Grunde eine geringere Rolle spielt, als nahegelegt wird,
bildet er doch nur das Hintergrundrauschen, von dessen Leiden der
Autor bewusst nicht sprechen will („[...] ich will es schlummern
lassen unter der warmen Decke des Heute.“, S. 6), sondern die
Benennung als „großer Krieg“ verwundert denjenigen, der sich mit
der Erinnerungsgeschichte an den Ersten Weltkrieg auskennt: Grande
Guerre und Great War sind Begriffe für den Ersten Weltkrieg aus dem
französischen oder anglophonen Sprachraum; in Deutschland selbst
wird er eher nicht als der Große Krieg erinnert. Dass dies wohl vor
allem an den Schrecken des Zweiten Weltkriegs liegt – eine nicht
allzu gewagte These – verdeutlicht dieses eher unscheinbare
Büchlein, dass, vor 1939 erschienen, mit der Bezeichnung „großer
Krieg“ noch wie selbstverständlich auf die Zeit zwischen 1914 und
1918 rekurrierte.
Was findet sich sonst noch an
interessantem in der Novelle, wo doch die Fabel eher mager ist. Der
mehrfach verbalisierte Wunsch des Vergessens der Kriegsleiden
zugunsten der auch während des Krieges möglichen schönen Stunden
wäre ein interessantes Element. Anders als die pazifistische
Literatur von Remarque, Barbusse etc., die gerade aus der Schilderung
des Leids die moralische Verpflichtung des „Nie wieder!“
ableitete, geht Linker genau den entgegengesetzten Weg: Der Krieg
wird als unausweichliche Katastrophe potraitiert, der Leser erfährt
nicht, dass ausgerechnet Belgien, das Land, in dem sich der
Protagonist so wohl fühlt, wo er – natürlich, dem
biedermeierlichen Anstrich des gesamten Büchleins entsprechend –
Claudius' Mondgedicht zu Gehör bringt und damit seine „Gastgeber“
zu Tränen rührt, im Zuge des Schlieffenplans vom Deutschen Reich
ohne Kriegserklärung angegriffen wurde. Statt dessen erfährt er,
dass auch in einer Welt des Krieges, der nur latent im Hintergrund
bleibt, glückliche Stunden möglich sind und genossen werden können.
Und macht nicht erst diese vorgebliche Möglichkeit zum persönlichen
Glück im großen Krieg den nächsten Krieg überhaupt erst möglich?
Sicher lassen sich so auch die hohen Verkaufsziffern für die Novelle
und die vielen Wiederauflagen – insbesondere nach 1939 –
erklären.
Besprechung zu:
Hans Willi Linker, Spiel in Flandern.Eine Novelle aus dem grossen Kriege, Gütersloh 91943.
Hans Willi Linker, Spiel in Flandern.Eine Novelle aus dem grossen Kriege, Gütersloh 91943.
Mittwoch, 6. März 2013
Geschichte im Computerspiel. Über eine neue Forschungskonjunktur
Wie es scheint, kommt nun langsam die Generation, die wenigstens einen Teil ihrer Jugend mit Computerspielen verbracht hat, in das Alter, wo man daran geht, akademische Qualifikationsarbeiten zu schreiben. Waren vor einigen Jahren noch die Arbeiten zu "Geschichte im Comic" derart zahlreich, dass es wohl eines Zaubertranks bedurft hätte, um sie alle auch nur oberflächlich wahrzunehmen, droht ein gleiches Schicksal nun den Computerspielen.
Notdürftig mit fachdidaktischem Vokabular bemäntelt - wie z.B. mit dem geradezu inflationär verwendeten Begriff der 'Geschichtskultur' - gehen nun ehemalige und aktive Gamer (auffälligerweise handelt es sich tatsächlich größtenteils um "Wissenschaftler" männlichen Geschlechts) daran, ihr Hobby zur Wissenschaft zu machen. Hanebüchene Fragestellungen und in allen Einleitungstexten wiedergekäute unbedingt zu beseitigende Desiderate werden aufgestellt und dann mehr oder weniger sachkundig bearbeitet. Welche Epochen werden besonders häufig für die Konzeption von Spielen verwendet? Welches Geschichtsbild wird vermittelt? Kann man durch Computerspiele lernen?
An dem Punkt, an dem es interessant wird, bricht man ab: Nein, welche Wirkungen die vermittelten Inhalte auf die Rezipienten haben, könne nicht beantwortet werden. Wirkungsforschungen seien kompliziert und überhaupt sprängen sie das (freilich selbst entworfene!) Forschungsdesign. Grandiose, die Wissenschaft ungemein voranbringende Erkenntnisse sind die Folge: Neben Antike und Mittelalter ist vor allem der Zweite Weltkrieg (inzwischen aber auch vermehrt der Erste) in den Spielen anzutreffen...Wunderbar! Halten wir also fest: Krieg eignet sich als Thema für Computerspiele ganz ungemein. (Ich bin bei Gott kein Experte für Computerspiele, bekomme ich doch vom Spielen schnell Kopfschmerzen, aber die besondere Attraktivität kriegerischer Auseinandersetzungen für Spiele habe ich mir durchaus auch vor der Lektüre vorstellen können - bedarf es doch immer eines Konflikts, um jedes Spiel interessant zu machen; von Schach, über Mensch ärgere dich nicht, bis eben zu dem, was der Computer uns ermöglicht.)
Und der Lerneffekt? Nun ja, mit dem sei es auch nicht so weit her und überhaupt: Man darf die Spieleindustrie auch nicht mit didaktischen Maßstäben messen! Ganz meine Meinung, aber dann tut es doch bitte auch nicht unentwegt. Computerspiele sind eine Ware auf dem hart umkämpften Unterhaltungsmarkt und auch als solche zu analysieren. Warum nicht mal branchen- oder unternehmensgeschichtliche Studien, um überhaupt einmal zu fragen, warum Geschichte derart interessant für die Produzentenseite ist? Und wenn schon von Geschichtskultur gesprochen wird, dann bitte auch nicht nur von den möglichen Medien, die diese transportieren (eben den Spielen!), sondern durchaus auch von den Rezipienten, die mit dieser umgehen. Dass dies durchaus eigensinnig geschehen kann, dass der Rezipient niemand ist, der blind übernimmt, was ihm dargereicht wird, sind letztlich Erkenntnisse, die sich von der Literaturwissenschaft durch alle anderen Kultur- und Geisteswissenschaften ziehen.
Genau diese Grundannahme sollte das Forschungsvorhaben bestimmen.
Notdürftig mit fachdidaktischem Vokabular bemäntelt - wie z.B. mit dem geradezu inflationär verwendeten Begriff der 'Geschichtskultur' - gehen nun ehemalige und aktive Gamer (auffälligerweise handelt es sich tatsächlich größtenteils um "Wissenschaftler" männlichen Geschlechts) daran, ihr Hobby zur Wissenschaft zu machen. Hanebüchene Fragestellungen und in allen Einleitungstexten wiedergekäute unbedingt zu beseitigende Desiderate werden aufgestellt und dann mehr oder weniger sachkundig bearbeitet. Welche Epochen werden besonders häufig für die Konzeption von Spielen verwendet? Welches Geschichtsbild wird vermittelt? Kann man durch Computerspiele lernen?
An dem Punkt, an dem es interessant wird, bricht man ab: Nein, welche Wirkungen die vermittelten Inhalte auf die Rezipienten haben, könne nicht beantwortet werden. Wirkungsforschungen seien kompliziert und überhaupt sprängen sie das (freilich selbst entworfene!) Forschungsdesign. Grandiose, die Wissenschaft ungemein voranbringende Erkenntnisse sind die Folge: Neben Antike und Mittelalter ist vor allem der Zweite Weltkrieg (inzwischen aber auch vermehrt der Erste) in den Spielen anzutreffen...Wunderbar! Halten wir also fest: Krieg eignet sich als Thema für Computerspiele ganz ungemein. (Ich bin bei Gott kein Experte für Computerspiele, bekomme ich doch vom Spielen schnell Kopfschmerzen, aber die besondere Attraktivität kriegerischer Auseinandersetzungen für Spiele habe ich mir durchaus auch vor der Lektüre vorstellen können - bedarf es doch immer eines Konflikts, um jedes Spiel interessant zu machen; von Schach, über Mensch ärgere dich nicht, bis eben zu dem, was der Computer uns ermöglicht.)
Und der Lerneffekt? Nun ja, mit dem sei es auch nicht so weit her und überhaupt: Man darf die Spieleindustrie auch nicht mit didaktischen Maßstäben messen! Ganz meine Meinung, aber dann tut es doch bitte auch nicht unentwegt. Computerspiele sind eine Ware auf dem hart umkämpften Unterhaltungsmarkt und auch als solche zu analysieren. Warum nicht mal branchen- oder unternehmensgeschichtliche Studien, um überhaupt einmal zu fragen, warum Geschichte derart interessant für die Produzentenseite ist? Und wenn schon von Geschichtskultur gesprochen wird, dann bitte auch nicht nur von den möglichen Medien, die diese transportieren (eben den Spielen!), sondern durchaus auch von den Rezipienten, die mit dieser umgehen. Dass dies durchaus eigensinnig geschehen kann, dass der Rezipient niemand ist, der blind übernimmt, was ihm dargereicht wird, sind letztlich Erkenntnisse, die sich von der Literaturwissenschaft durch alle anderen Kultur- und Geisteswissenschaften ziehen.
Genau diese Grundannahme sollte das Forschungsvorhaben bestimmen.
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