Im Grunde ist es ja nicht verwerflich, wenn sich auch HistorikerInnen politisch äußern; ja es ist geradezu geboten, dass vor allem sie sich in gesellschaftspolitische Debatten einmischen und mit ihrem spezifischen Wissen für die nötige (historische) Tiefendimension in tagesaktuellen Fragen sorgen.
Problematisch ist allerdings, wenn sie in ihren wissenschaftlichen Beiträgen politisch argumentieren, ohne ihren Standpunkt explizit zu machen. Wenn sie also ihre eigene politische Position quasi zu wissenschaftlichen Erkenntnissen aufwerten. Für den Rezensenten ganz besonders problematisch wird es dann, wenn der Autor auch noch eine von der eigenen divergente politische Position vertritt - und diese in immer neuen Anläufen breittritt.
Genau so ging es mir bei der Lektüre von Frank-Lothar Krolls Band zur "Geburt der Moderne", den der Autor selbst wohl als wissenschaftlich abgesicherte Verteidigung des Kaiserreichs verstanden wissen will. Anstatt sich lange mit diffizilen Begriffsfragen auseinanderzusetzen, zu denen schon die titelgebende 'Moderne' Anlass böte, geht Kroll direkt in medias res, arbeitet sich zuweilen rüpelhaft am selber nicht eben mit Samthandschuhen argumentierenden Hans-Ulrich Wehler ab (dem man zumindest nicht vorwerfen konnte, den Moderne-Begriff unreflektiert verwendet zu haben) und versucht dem Leser deutlich zu machen, warum es denn im Kaiserreich nicht gar so schlecht war, wie es uns die Arbeiten der 1960er und 1970er Jahre glauben machen wollten.
Die Fragwürdigkeit dieses Unterfangens ergibt sich schon aus der Zäsursetzung; Explizit klammert der Autor den Ersten Weltkrieg aus seinen Betrachtungen aus, externalisiert das millionenfache Leid somit aus seiner Argumentation, auf dass es nicht das rosarote Bild des Wilhelminismus trübe.
Wo es nun aber partout nichts Positives an der Verfasstheit des Kaiserreichs zu finden gibt (so zum Beispiel beim preußischen Dreiklassenwahlrecht und den bewusst ungerecht zugeschnittenen Wahlkreisen) genügt sich Kroll mit dem Hinweis darauf, dass es anderswo nicht besser war - als machte es das besser.
In einer vollständigen Ausblendung der kulturgeschichtlichen Theoriebildung der letzten dreißig Jahre behandelt Kroll im Abschnitt zur Kultur nur Werke zur Hochkultur - von denen er selber eingestehen muss, dass sie zeitgenössisch nur äußerst marginal und nur in bestimmten Zirkeln wahrgenommen wurden. Dass Erzeugnisse der Arbeiterkultur im Vergleich zu den Sinfonien eines Schönberg heutzutage nicht die gleiche Wertschätzung erfahren, sollte den Autoren doch nicht daran hindern, an ihnen ebenfalls Elemente der Zeit herauszudestillieren, in der sie entstanden.
Ganz davon abgesehen, dass "Kultur" weit mehr umfasst als das, was man landläufig unter Kulturgütern (ob nun E- oder U-) versteht. Ein kulturgeschichtlicher Blick auf das Kaiserreich sollte nicht nur Hauptmann und Kadinsky, sondern auch Themen wie "Militarismus", "Antisemitismus" und "Antifeminismus" enthalten, um nur einige Aspekte zu nennen. Sie alle kommen nicht vor oder wenn, dann nur am Rande. Man ist geneigt, dem Autoren Absicht zu unterstellen, ließe sich doch unter Hinzuziehung von Chamberlain und Rembrandtdeutschen nur schwerlich das Bild eines weltoffenen und wissenschaftlich vorbildlichen Kaiserreichs aufrecht erhalten.
Warum es mir geht, ist gar nicht, die 'modernen' Elemente des Kaiserreichs zu negieren; was allerdings nicht angehen kann, ist der vollständige Ersatz der Fundamentalablehnung des Kaiserreichs durch eine kritiklose Apologie! Dass es auch differenzierter geht, beweisen Christopher Clarks Arbeiten. Die Frage ist nun nur noch, warum die Bundeszentrale für politische Bildung es für nötig befunden hat, Krolls fragwürdiges Buch in ihre Schriftenreihe aufzunehmen ...
Rezension zu: Frank-Lothar Kroll, Geburt der Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg, Bonn 2013 (BpB Schriftenreihe 1340)
Kommentare, Rezensionen, Ausstellungsbesprechungen und Tagungsberichte aus dem Bereich der ZEitgeschichte
Posts mit dem Label Erster Weltkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erster Weltkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 27. August 2015
Das Kaiserreich rosarot. Franz-Lothar Krolls Apologie der deutschen Geschichte zwischen 1871 und 1914
Montag, 4. August 2014
"Wenn man sich nicht von vornherein dagegen sperrt." Zu Helmuth Kiesels Lektüre von Hitlers "Mein Kampf"
Früher habe ich mir die Arbeitsteilung zwischen Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft immer so gedacht: Die LiteraturwissenschaftlerInnen dürfen die schönen Dinge lesen, wohingegen sich die Geschichtswissenschaft mit all dem auseinanderzusetzen hat, was übrigbleibt, was Aufschlüsse über die Funktionsweise von Gesellschaften gibt, was zur Legitimierung von politischen Entscheidungen diente und was in Ideologien wirksam wurde. Dass diese Form der separierten Sphären spätestens seit der Soziologisierung der Literaturwissenschaft (die damit nicht unbedeutend an Relevanz gewann) nicht mehr gilt, ist ebenso wichtig wie begrüßenswert. Zu welchen Folgen es aber führen kann, wenn Literaturwissenschaftler ihren angestammten Bereich der belles lettres verlassen und den Schuttabladeplatz der Literaturproduktion durchsuchen - und vor allem mit den ihr eigenen Methoden analysieren - macht Helmut Kiesel in der heutigen Ausgabe der FAZ deutlich.
Der Autor ist in den letzten Jahren durch seine notorischen Ehrenrettungsversuche für Ernst Jünger aufgefallen, dem er endlich die den flächendeckenden Durchbruch als Schriftsteller verschaffen will, nachdem Jünger selbst in seinem nicht enden wollenden Leben nicht viel mehr zustande gebracht hat, als zahlreiche Umarbeitungen immer desselben Kriegserlebnisses von 1914 bis 1918 mit allem was dazugehört: Blut, Gedärm, der Spaß am Töten und so weiter und so fort. Warum lässt man den über Hundertjährigen nicht endlich das werden, was er sein sollte? Eine Quelle dafür, wie der Erste Weltkrieg in den 1920er Jahren dafür verwendet wurde, den Zweiten vorzubereiten.
Nun geht Kiesel allerdings noch einen Schritt weiter und nimmt sich - uiuiuiu wie verboten - Hitlers "Mein Kampf" camoufliert "in das schwarz-goldene Hochglanzpapier eines Luxusuhrenmagazins" mit auf die Terrasse des Parks eines Ferienhotels und schmiert darin "mit einem moosgrünen Faber-Castell 8B" mit Germanisteneifer herum. Wofür soll man ihn nun mehr schelten? Für die Erwähnung des Luxusuhrenmagazins - die Breitling als letztes Spielzeug des Mannes, dem man die Waffe vorenthält? Für das geschickte Product Placement des Schreibgeräts als Signum der Kulturviertheit? Oder dafür, dass er uns HistorikerInnen vorwirft, das meist ungelesene Buch immer falsch gedeutet zu haben?
Denn - hört hört - Herr Kiesel besitzt ein schier unendliches Einfühlungsvermögen und vermag sich in den Kopf eines potentiellen Hitler-Verehrers hineinzudenken (vielleicht ist das nicht schwer für jemanden, der mehrere Bände Jünger ediert hat) und aus dessen Warte klingt das alles gar nicht mal so abgedroschen, was man bei Hitler zu lesen bekommt. Geschenkt, dem mag so sein, und wer die Geistesgeschichte der 1920er Jahre kennt, der weiß, dass man allenthalben ähnliche Kost zwischen zwei Buchdeckeln erwerben konnte. Dass das alles ungelesen blieb, kann wohl tatsächlich nur schwerlich behauptet werden.
Was folgt, ist eine mit dem propädeutischen Handwerkszeug des Literaturwissenschaftlers vollzogene Untersuchung des Buches mit dem verblüffenden Ergebnis: So schlecht ist es gar nicht...stilistisch gesehen. Auch wenn der Autor (immer niemand anderes als Hitler) sich in Sprachbildern verrenne - worauf es ankomme, sei doch die Wirkung, und auf die verstehe er sich. "Kein Stümper, sondern ein wirkungsbewusster Schreiber", das sei Hitler gewesen, und Kiesel hat es herausgefunden - Heureka!
Kann Kiesel nicht wie alle anderen im Urlaub irgendwelche Regionalkrimis, Herzschmerzgeschichten oder Fantasybücher lesen? Das hätte uns einiges an Ärger (und die Erkenntnis, dass Hitler in den Augen des Germanisten schreiben konnte) erspart. Am Ende geht Kiesel wieder versöhnlich auf die Historiker zu: Gerade weil Hitler so ein stilsicherer Autor war, sei die kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" unbedingt notwendig, um durch geschickte Anmerkungen die Wirkungskraft des Buches zu unterminieren.
Als hätten Kiesels kommentierten Jünger-Ausgaben die Anziehungskraft dieses rechten Klassikers abgebaut.
Freitag, 1. August 2014
"An die Einwohner Hannovers. Flaggenschmuck heraus!" Ausstellungsbesuch: Heimatfront Hannover. Kriegsalltag 1914-1918 im Historischen Museum Hannover
Der Einstieg ist elegant gewählt: Eine überzeugend kurze biographische Hinführung zum Thema. Eine auf wenige Informationen beschränkte Lebensbeschreibung eines Kriegsfreiwilligen ergänzt durch - und hier ist ein Museum einem Buch überlegen - Artefakte aus dem Besitz des Soldaten. Nähe und Fremde, private Habseligkeiten und große Politik auf dem engen Raum einer Ausstellungsvitrine versammelt. So kann Geschichtsvermittlung funktionieren!
Und sie funktioniert auch in den übrigen Ausstellungsräumen. Die betont zurückhaltenden Informationstafeln stellen die Objekte und Bilder in den Vordergrund. Der Erste Weltkrieg wird nicht isoliert dargestellt, sondern in die allgemeinen Tendenzen des Kaiserreichs - und vor allem auch der am Beginn der Blüte stehenden Stadt Hannover - verortet. Militarismus und Lebensreform - beides Elemente, die die Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert prägten, beide nimmt die Ausstellung auf. Natürlich fragt man sich, was nun das Besondere an Hannover war? Was rechtfertigt für den nicht nur an Lokalgeschichte interessierten Besucher eine Konzentration gerade auf diese Stadt? Vielleicht gerade der Umstand, dass es in Hannover nicht anders war, als andernorts? Dass Hannover gerade beispielhaft für alle deutschen Großstädte gelten kann? Wahrscheinlich, und die in Hannover besonders zelebrierte und in zahlreichen kitschigen Auswüchsen ausgelebte Hindenburg-Begeisterung war hier nur unbedeutend größer als in vergleichbaren Städten, auch wenn der damals schon greise Feldherr ausgerechnet in Hannover lebte und sich zum Ehrenbürger machen und mit einer Villa bedenken ließ.
Die Ausstellung wird dem selbstgesteckten Anspruch gerecht, sich der "Heimatfront" aus den unterschiedlichsten Perspektiven anzunähern. Von den verschiedenen Wegen zur Mobilisierung von Ressourcen - Kriegsanleihen, Spenden und die kriegsbedingte erste Blüte des Recycling-Gedankens -, über die Frage nach den neuen Rollen für Frauen bis hin zum Wandel in der Ausbildung er jungen Rekruten mit einem eigenen dem Schützengrabensystem in Frankreich und Belgien nachgebildeten Übungsfeld in der Vahrenwalder Heide (die für 50 Pfennig auch zu besuchen war; für die Schlachtfeldtouristen, denen der Weg an die Front doch zu gefährlich war?) wird alles gezeigt und durch Objekte veranschaulicht, was von Interesse sein könnte. Und immer wieder kommen dann doch niedersächsische Besonderheiten in den Blick, für die auch der zeitliche Rahmen von 1914-1918 verlassen wird - so bei der Analyse der Werke und vor allem der Instrumentalisierung des Lebens des im Krieg gefallenen Hermann Löns insbesondere im Nationalsozialismus.
Und auch über die lange Zeit angenommene Kriegsbegeisterung kann man sich ein differenzierteres Urteil erlauben. So wurde wird ein Plakat ausgestellt, dass auf rotem Grund die Hannoveraner dazu auffordert, doch endlich den Flaggenschmuck herauszuhängen: "Fort mit der zweifelnden und kleinmütigen Stimmung." Es bedurfte also massiver Propaganda, um das zu erzeugen, was bald schon die "Kriegsbegeisterung" genannt wurde.
Eine sehenswerte Ausstellung mit einem lesenswerten Katalog.
Homepage der Ausstellung
Und sie funktioniert auch in den übrigen Ausstellungsräumen. Die betont zurückhaltenden Informationstafeln stellen die Objekte und Bilder in den Vordergrund. Der Erste Weltkrieg wird nicht isoliert dargestellt, sondern in die allgemeinen Tendenzen des Kaiserreichs - und vor allem auch der am Beginn der Blüte stehenden Stadt Hannover - verortet. Militarismus und Lebensreform - beides Elemente, die die Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert prägten, beide nimmt die Ausstellung auf. Natürlich fragt man sich, was nun das Besondere an Hannover war? Was rechtfertigt für den nicht nur an Lokalgeschichte interessierten Besucher eine Konzentration gerade auf diese Stadt? Vielleicht gerade der Umstand, dass es in Hannover nicht anders war, als andernorts? Dass Hannover gerade beispielhaft für alle deutschen Großstädte gelten kann? Wahrscheinlich, und die in Hannover besonders zelebrierte und in zahlreichen kitschigen Auswüchsen ausgelebte Hindenburg-Begeisterung war hier nur unbedeutend größer als in vergleichbaren Städten, auch wenn der damals schon greise Feldherr ausgerechnet in Hannover lebte und sich zum Ehrenbürger machen und mit einer Villa bedenken ließ.
Die Ausstellung wird dem selbstgesteckten Anspruch gerecht, sich der "Heimatfront" aus den unterschiedlichsten Perspektiven anzunähern. Von den verschiedenen Wegen zur Mobilisierung von Ressourcen - Kriegsanleihen, Spenden und die kriegsbedingte erste Blüte des Recycling-Gedankens -, über die Frage nach den neuen Rollen für Frauen bis hin zum Wandel in der Ausbildung er jungen Rekruten mit einem eigenen dem Schützengrabensystem in Frankreich und Belgien nachgebildeten Übungsfeld in der Vahrenwalder Heide (die für 50 Pfennig auch zu besuchen war; für die Schlachtfeldtouristen, denen der Weg an die Front doch zu gefährlich war?) wird alles gezeigt und durch Objekte veranschaulicht, was von Interesse sein könnte. Und immer wieder kommen dann doch niedersächsische Besonderheiten in den Blick, für die auch der zeitliche Rahmen von 1914-1918 verlassen wird - so bei der Analyse der Werke und vor allem der Instrumentalisierung des Lebens des im Krieg gefallenen Hermann Löns insbesondere im Nationalsozialismus.
Und auch über die lange Zeit angenommene Kriegsbegeisterung kann man sich ein differenzierteres Urteil erlauben. So wurde wird ein Plakat ausgestellt, dass auf rotem Grund die Hannoveraner dazu auffordert, doch endlich den Flaggenschmuck herauszuhängen: "Fort mit der zweifelnden und kleinmütigen Stimmung." Es bedurfte also massiver Propaganda, um das zu erzeugen, was bald schon die "Kriegsbegeisterung" genannt wurde.
Eine sehenswerte Ausstellung mit einem lesenswerten Katalog.
Homepage der Ausstellung
Freitag, 18. Juli 2014
„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg
Überraschend war wohl nur der große
Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt,
Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die
unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot,
war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein
amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten
Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein
paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.
Ist die politikwissenschaftliche
Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag
sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten,
aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt
Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch
vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu
bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten,
sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch
eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen.
Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen
Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass
zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was
Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen
mitzuteilen haben.
Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt
Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19.
Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon
gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da
stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch
über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig
blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die
überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter)
viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der
Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die
diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation
technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht
vor, oder zumindest aber zu kurz.
Warum die Soldaten nicht aufhörten zu
kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen
Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich
gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich
argumentierende These, dass man die Perspektive der
Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht
außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert
(was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie
widerlegen zu müssen).
Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl
in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu
können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben
den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung
mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft
das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien.
Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das
wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des
Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards
Studie ist.
Freitag, 11. Juli 2014
Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler
Wird auch Wehlers Konzept der
Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich
für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale
Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass
er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.
Ganz im Sinne der von Brecht einmal für
seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat
Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende
Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur
Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den
obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte,
sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig.
Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender
HistorikerInnengenerationen!
Auch wenn die Entwicklung des Faches
über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen
sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den
Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so
sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion
des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“)
noch heute vorbildgebend und Teil des universitären
Ausbildungskanons des Faches sein.
Hinterließ Wehler in der Wissenschaft
mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu
interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften
ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein,
der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen
Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur
in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und
alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der
Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem
eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den
damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht
allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was
festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung
gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die
Diskurse prägte.
Und genau dies scheint mir der Punkt zu
sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich
wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer
Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der
ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene
Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem
(hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges
Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion
wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen
Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit
Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller
Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei
sein.
Montag, 12. Mai 2014
Der Krieg in der Region: Mobilisierung, Sinnstiftung und Trauer in der niedersächsischen Provinz und darüber hinaus. Tagungsbericht zu: „Kriegsbeginn im Norddeutschland. Zur Herausbildung einer 'Kriegskultur' 1914/15 in transnationaler Perspektive. Tagung in Wilhelmshaven vom 8. bis 10. Mai 2014“
Was hat der Nordwesten Deutschlands mit
dem Ersten Weltkrieg zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel, fanden
doch die berühmten und allein schon durch ihre schieren Opferzahlen
geschichtsträchtigen Schlachten anderswo statt. Dass aber auch das
Gebiet des heutigen Niedersachsens und Bremens vom Krieg
beeinflusst wurde, ja dass auch hier das festzustellen ist, was die
französische Historiographie „Kriegskultur“ zu nennen beginnt,
war Thema der diesjährigen Tagung des Historischen Kommission für
Niedersachsen und Bremen. Dankenswerterweise beließen es die
OrganisatorInnen (Prof. Dr. Cornelia Rauh, Prof. Dr. Dirk Schumann
und Prof. Dr. Arnd Reitemeier) nicht bei der norddeutschen
Nabelschau, sondern versuchten auch darüber hinausgehende
Perspektiven in die Diskussion mit einzubeziehen. Dass das zuweilen
trostlos wirkende Wilhelmshaven – insbesondere bei andauerndem
Regenwetter – gar nicht so zufällig als Tagungsort gewählt wurde,
wie es zunächst in den Anschein hatte, wurde deutlich, sobald man
nähere Informationen zur überaus kriegerischen Geschichte der Stadt
erhalten hatte.
Schon in der Einführung durch DIRK
SCHUMANN und ARND REITEMEIER wurde deutlich, worum es der Tagung
ging. Man wolle dem Vorwurf entgegenwirken, der der Landesgeschichte
häufig gemacht werde: Nicht die selbstgenügsame Betrachtung des
eigenen Umfelds, sondern die Einbettung der hiesigen Entwicklungen
ins große Ganze, so das überaus überzeugend vorgebrachte Anliegen!
Auch wenn das lange Zeit dominierende Bild der Kriegseuphorie im
August 1914 durch zahlreiche Forschungen relativiert worden sei, so
muss doch gefragt werden, wie sich in den ersten Monaten des Kriegs
das ausprägen konnte, was den Krieg ermöglichte und das Durchhalten
trotz hoher Verluste, Nahrungsmittelengpässen und sinkendem
Lebensstandard gewährleistete. Wie entstand und was zeichnete die
sogenannte „Kriegskultur“ im nordwestdeutschen Raum aus und wie
lassen sich diese Befunde mit anderen Regionen vergleichen? Fünf
Schneisen sollten den Weg zur Beantwortung dieser Fragen ebnen:
Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft, Stadt, Medizin und
Geschlecht, Trauer und Deutungen.
ANTJE STRAHL eröffnete die Sektion zur
ländlichen Gesellschaft mit einem Vortrag über die Situation der
mecklenburgischen Landwirtschaft in den ersten Kriegsjahren. Die
dortige Situation kennzeichneten dabei vor allem zwei Problemlagen:
Das Fehlen von arbeitsfähigen Männern und zweitens der Mangel an
Arbeitspferden. Konnte das erste Problem noch durch den Einsatz von
Kriegsgefangenen teilweise gelöst werden, gab es keinen Ersatz für
die tierischen Helfer in der Landwirtschaft, die vom Militär
benötigt wurden.
Weiter nach Osten führte der Vortrag
von STEPHAN LEHNSTAEDT. Der ausgewiesene Kenner der polnischen
Geschichte fragte nach der Situation im besetzten Polen und den
Hoffnungen, die sich die deutsche Verwaltung mit der Eroberung dieser
„Kornkammer“ machten. Dass sich diese Hoffnungen trotz brutalster
Maßnahmen, die zu Hunger in der polnischen Bevölkerung führte, nie
erfüllten, konnte Lehnstaedt äußerst überzeugend darstellen.
So interessant beide Vorträge für
sich genommen auch waren, muss dennoch gefragt werden, inwieweit sie
dazu taugen, neue Einsichten in die „Kriegskultur“ im ländlichen
Raum zu werfen. Es bleibt letztlich unklar, warum die Not in
Mecklenburg zwar allgemein spürbar war, der Krieg aber offenbar
nicht infrage gestellt wurde. Für das polnische Beispiel könnte
vielleicht argumentiert werden, dass erst die "Kriegskultur" erlaubte,
auch auf Kosten einer Notlage der einheimischen Bevölkerung weiter
an den Export der dort produzierten Nahrungsmittel zu denken.
Vom Land ging es direkt in die Stadt,
genauer zunächst nach Münster. In seinem theoretisch dichten und
thesenstarken Vortrag analysierte CHRISTOPH NÜBEL die Situation in
dieser westfälischen Stadt in den Jahren 1914 und 1915. Schon in der
gewählten Fragestellung machte Nübel deutlich, dass er die Vorgaben
der TagungsorganisatorInnen auf sein konkretes Beispiel anzuwenden
wusste: Den Begriff der Mobilisierung verwendend gelang es ihm,
aufzuzeigen, wie sich die Stadtgesellschaft innerhalb kürzester Zeit
auf die Kriegssituation einstellte. Gleichzeitig stellte Nübel die
Zentralität des Opferbegriffs heraus und verknüpfte diesen gekonnt
mit den drei von ihm gewählten Analysekategorien Sicherheit,
Ausnahmezustand und Burgfrieden. Insgesamt machte er deutlich, welche
Potentiale sich ergeben, lässt man sich auf die Tagungsgrundlagen
ein, kann diese durch eigene theoretische Zugänge erweitern und
verfügt schließlich noch über ausreichend Quellen, um die Befunde
empirisch zu untermauern.
DIANA SCHWEITZER wählte für das
Beispiel Lübeck einen anderen Zugang. Ausgehend von dem Befund, dass
es in dieser Stadt 1918 keine Revolution gegeben habe, fragte sie, ob
schon zu Beginn des Krieges Unterschiede zu anderen vergleichbaren
Städte gebe, die deren Fehlen erklären könne. Leider waren
Schweitzers Forschungen noch nicht so weit fortgeschritten, als dass
sich Antworten auf diese durchaus interessante Frage finden ließen –
die gleichzeitig wohl immer mit den Problemen konfrontiert sein wird,
die kontrafaktische Geschichtsbetrachtungen nun einmal nach sich
ziehen. Zu belegen, warum etwas nicht eintrat, wird immer schwieriger
und vor allem spekulativer sein, als nachzuvollziehen, wie es denn
eigentlich gewesen.
Den ersten Tagungsort krönte ROGER
CHICKERING mit einem fulminanten Abendvortrag, der erneut bewies,
warum der amerikanische Historiker zu einem der besten Kennern der
deutschen Geschichte gehört. In seinem kurzweiligen Vortrag ging er
der Frage nach, ab wann der Erste Weltkrieg als „totaler Krieg“
zu bezeichnen sei – wenn er es überhaupt war! Wie es sich für
einen differenzierten Vortrag gehört, bot Chickering für diese
Frage verschiedene Antworten an: Mit der Remobilisierung in den
letzten Kriegsjahren, mit dem Begehen der Kriegsgreuel (von den
Deutschen in Belgien und den Russen in Ostpreußen) oder – und
damit ganz im Sinne der Tagung – schon in den ersten Monaten des
Krieges, im „langen Jahr 1915“. Schon hier sei eine
Radikalisierung und Intensivierung der Kriegsführung festzustellen,
deren sichtbarer Ausdruck die Einführung des Stahlhelms wurde. Schon
derart früh ließ sich der Einsatz militärischer Gewalt gegen die
Zivilbevölkerung feststellen. Schon von da an wurde auch die Heimat
in den Dienst des Krieges gestellt. Eher ernüchtert konnte Chickering
in Anbetracht all dessen jedoch feststellen, dass dies allesamt keine
neuen Elemente des industrialisierten Krieges des 20. Jahrhundert
waren, sondern schon vorher feststellbar waren. Darüber hinaus gab er
durchaus zu, dass die Frage an sich schon müßig ist – sofern sie
auf Totalität des Krieges als Zustand abzielt. Was Chickering
stattdessen vorschlug, war die Betrachtung vom „totalen Krieg“
als Prozess, es ging ihm also mehr um Totalisierung des Krieges.
Das erste Panel des zweiten
Tagungstages war weiterhin dem Kriegsausbruch und den Reaktionen in
den Städten gewidmet. Diesmal wurde allerdings ein ganz spezielles
Milieu in den Blick genommen: Die Universität. HARALD LÖNNECKER
präsentierte einen umfangreichen Quellenkorpus mit Feldpostbriefen
korporierter Studenten, die an ein studentisches Kriegsarchiv
gesendet worden waren. Insbesondere der Befund, dass diese
Studierenden gewohnte Begrifflichkeiten und Sinndeutungen
verwendeten, um die unermesslichen Schrecken des Krieges zu erklären,
konnte überzeugen. Aus dem Krieg wurde so letztlich eine Mensur
anderer Art!
TRUDE MAURER wählte für ihren
Vortrag, der sich ebenfalls mit dem akademischen Milieu
auseinandersetzte, einen komparativen Ansatz. Während sich deutsche
Universitätslehrer als Teil der kämpfenden Nation darzustellen
bemühten und ihren Teil für den Kriegsdienst zu leisten, war das
Bild in Russland ein anderes. Hier war die Trennung zwischen Volk und
Intelligenzja größer. Zwar sah man sich in den Zielen gleich, doch
wollte man die Trennung zwischen Volk und Akademikern aufrecht
erhalten.
Der dritte Vortrag dieses Panels
verließ die Universität und wandte sich der Sommerfrische zu.
Während des Ausbruchs des Krieges wurden die zuvor in ganz Europa –
und auch darüber hinaus – Geschäftskontakte unterhaltende Familie
Kahan-Rosenberg im Deutschen Reich als Angehörige einer feindlichen
Nation angesehen und deshalb mit Einschränkungen versehen, so VERENA
DOHRN in ihrem Beitrag. Die gebildete und vermögende weitverzweigte
jüdische Industriellenfamilie ließ sich davon aber nicht in ihren
sommerlichen Urlaubsplänen beeinflussen – und damit war sie nicht
alleine. Die Vorstellung, dass mitten im von Chickering so
differenziert analysierten „totalen Krieg“ derartige Momente von
„Normalität“ möglich waren, wäre sicher der weiteren
Diskussion wert. Sowohl um den Alltag in der Heimat besser zu
verstehen, als auch um die Definition des Konzepts vom „totalen
Krieg“ zu schärfen.
Direkt von der Sommerfrische ging es
nun ins Krankenhaus beziehungsweise ins Lazarett. In einem
beispielhaften (von MARIA HERMES zur Psychiatrie in Bremen) und einem
diskursgeschichtlichen Vortrag (von SUSANNE MICHL) wurde den
Deutungen von Ärzten nachgegangen, die mit kriegsbedingten Störungen
zu tun bekamen. Hermes machte deutlich, wie in den Krankenakten zu
erkennen ist, dass sich die behandelnden Ärzte vor allem
„sozialdarwinistischer Erklärungsmuster“ zu Beschreibung der
psychischen Krankheiten befleißigten, wohingegen dem Krieg nur eine
kleine Rolle bei deren Ausbruch zugeschrieben wurde. Michl machte am
Beispiel von Geschlechtskrankheiten und Kriegspsychosen Unterschiede
in der Bewertung deutscher und französischer Ärzte aus.
Im Panel zum Thema Trauer hielt
CHRISTOPH RASS den am heftigsten diskutierten Vortrag. Die
Kontroversen ergaben sich weniger aus den Befunden zum
„Sterbegeschehen“ in Osnabrück während des Krieges, die –
sehr zum Erstaunen des Referenten im Plenum und auch vom
Kommentator – als erwartbar, ja im Grunde bekannt angesehen
wurden, sondern wegen der verwendeten Methodik. Rass stützte sich
auf Verzeichnisse von Toten aus dem Krieg, wertete diese
Totenmeldungen statistisch aus und so gelang es ihm, für Osnabrück
genau nachzuzeichnen, wann viele Soldaten aus welchen Stadtbezirken
starben und welcher Klasse diese angehörten. Diese
sozialstatistische Auswertung des „Sterbegeschehens“ soll in
einem weiteren Schritt auch kulturgeschichtlich ausgewertet werden –
dies unterblieb allerdings im Tagungsvortrag, sodass sich bei vielen
Anwesenden der Eindruck einstellte, dass hier zu viele Ressourcen für
einen zu geringen empirischen Ertrag eingesetzt wurden.
DOROTHEE WIERLING wiederum benutzte
genau die bei Rass vermisste kulturgeschichtliche Methodik, um ein
umfangreiches Briefkonvolut um die bekannte Publizistin Lilly Braun
auszuwerten. Besonders interessant ist dabei, wie die Personen aus
dem bildungsbürgerlichen Milieu versuchten, den Tod im Feld mit Sinn
zu versehen. Diesen entdeckten sie in den meisten Fällen im
heldenhaften Tod, ja als quasi antike Opferung.
Der zweite Abendvortrag nahm sich der
Geschichte des Tagungsortes an. Mit viel Liebe zum Detail erzählte
GERD STEINWASCHER den leicht ermüdeten Zuhörern die Geschichte der
Stadt Wilhelmshaven von der Gründung im 19. Jahrhundert, zum
bedeutenden Marinestützpunkt und letztlich zum gegenwärtigen
Zustand und den Problemen, die sich aus dem Abzug der Marine ergaben.
Am letzten Tag wurden die Deutungen des
Krieges zum Thema gemacht. In den ersten beiden Vorträgen standen die
beiden einflussreichen Deutungsagenturen, die beiden christlichen
Kirchen, im Vordergrund. Während JULIA CAROLINE BOES sich dem Bistum
Hildesheim annahm und nach den Konsequenzen des Krieges für die
verschiedenen Diasporagemeinden im mehrheitlich protestantischen
Gebiet fragte, fragte DIETRICH KÜSSNER nach dem Niederschlag des
Krieges in kirchlichen Quellen in verschiedenen protestantischen
Gemeinden Braunschweigs. Boes legte dabei vor allem eine
Institutionengeschichte in schwerer werdender Zeit vor (sodass die
Frage nach den Deutungen etwas in den Hintergrund rückte). Küssner
hingegen nutzte seinen Vortrag vor allem dafür, die aktuelle
Geschichtskultur zu kritisieren und darauf hinzuweisen, dass in den
Gemeinden schon während des Krieges auch die unermessliche Gewalt,
ja gar die Kriegsgreuel zum Thema gemacht wurden, die immer noch
nicht Eingang in die Schulbücher gefunden hätten.
DAVID CIARLO schloss die Tagung mit dem
letzten Vortrag. Er stellte seine Lesweise von Werbeanzeigen vor und
während des Krieges vor, anhand derer er nachzuweisen suchte, dass
zwar nicht jeder ein Augusterlebnis erlebt habe, dass dieses aber
gerade auch durch die kommerzielle Werbung, in der der Kaiser,
Soldaten und bald auch schon (phallisch präsentierte) Waffen
überproportional häufig vertreten waren, visuell ubiquitär
verbreitet wurde – und damit zur kulturellen Vorbereitung des
Kriegs beitrug. Unterhaltsam und analytisch dicht gelang es Ciarlo
diese „Hegemonie der Vision kriegerischer und kriegstechnischer
Motive“ als integralen Bestandteil der die Tagung bestimmenden
Leitfigur der „Kriegskultur“ zu kennzeichnen.
In der von CORNELIA RAUH geleiteten
Schlussdebatte wurde vor allem auf Desiderata dieser ohnehin schon
umfangreichen Tagung hingewiesen. Bei der Konzentration auf die
„Kriegskultur“ fielen all jene, die sich dieser verweigerten, aus
dem Raster, so eine Stimme aus dem Plenum. Darüber hinaus wurde ein
Einbezug der Literatur in die Betrachtung von „Kriegskultur“
gefordert. Außerdem wurde nochmals das Plädoyer nach flüssigeren
Zäsuren geäußert, die auch schon Ciarlo in seinem Beitrag wählte:
Was seit Sommer 1914 zu beobachten war, war keinesfalls in allen
seinen Bestandteilen neu – und endete dann auch nicht 1918!
Tagungsablauf:
Arnd Reitemeier u. Dirk Schumann, Einführung
Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft
Antje Strahl, Stabilisierung statt Wachstum. Zum Perspektivwechsel in der mecklenburgischen Landwirtschaft 1914/15
Stephan Lehnstaedt, Kriegsverwüstungen und die Notwendigkeit der "Nutzbarmachung" im besetzten Polen 1914/15
Stadt und städtische Gesellschaft 1
Christoph Nübel, Kriegsbereit - Mobilmachung und Selbstmobilisierung in Münster, 1914/15
Diana Schweitzer, "Vom Hafen an die Front, vom Herd in die Fabrik, von der Schule auf das Feld..." Kriegsbedingte Wandlungen innerhalb der Lübecker Arbeiterschaft 1914/15?
Abendvortrag
Roger Chickering, Wann wird der Krieg total?
Stadt und städtische Gesellschaft 2
Harald Lönnecker, "Auf in den Krieg, voran zum deutschen Sieg!" Vom akademischen Normal- zum Ausnahmezustand in den Hochschulstädten Göttingen, Braunschweig und Hannover 1914/15
Trude Maurer, Integration in die Volksgemeinschaft oder Exklusivität. Die Angehörigen deutscher und russischer Universitäten in der Anfangsphase des Ersten Weltkriegs
Verena Dohrn, "Der Aufstieg war sehr schön, nur ist es hier neblig." Osteuropäisch-jüdische Migranten in Deutschland zu Beginn des Ersten Weltkriegs
Gesundheit und Geschlecht
Maria Hermes, Zwischen Mobilmachungsneurose und Hysterie. Psychiatrie in Bremen zu Beginn des Ersten Weltkriegs
Susanne Michl, 1914: Etablierung einer neuen Geschlechterordnung? Die Debatten deutscher und französischer Ärzte im Vergleich
Trauer
Christoph Rass, Die Stadt als Erfahrungsraum des Todes auf dem "Schlachtfeld" in der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges
Dorothee Wierling, Kriegsgewalt in der Familienkommunikation 1914/15 - das Beispiel der Familie Braun
Abendvortrag
Gerd Steinwascher, Wilhelmshaven-Rüstringen. Glanz und Elend einer preußisch-oldenburgischen Doppelstadt im Ersten Weltkrieg
Deutungen
Julia Caroline Boes, Die Anfangsphase des Ersten Weltkriegs im Bistum Hildesheim
Dietrich Küssner, Die Anfangsphase des Ersten Weltkriegs im Spiegel von Kirchenchroniken, Gemeindebriefen und Amtskonferenzen in der Braunschweigischen Landeskirche
David Ciarlo, Marketing War. German Visual Advertising 1910-1916
Schlussdiskussion (moderiert durch Cornelia Rauh)
Dienstag, 4. März 2014
Kunsthandwerk und Kriegshandwerk: 100 Jahre Erster Weltkrieg. Fundstücke zu Geschichte und Rezeption 2
Liest man autobiographische Zeugnisse und die aus ihnen hervorgegangenen immer noch lebensgeschichtlich gefärbten literarischen Verdichtungen zum Kriegs- und insbesondere Frontalltag des Ersten Weltkriegs, so sind Gewalt, Tod und das Töten des Gegenübers nicht das Einzige, immer wiederkehrende bedrückende Element. Hinzu kommt die Langeweile, das Warten darauf, dass etwas passieren möge und sei es auch noch so schrecklich.
Es liegt nahe, diese Zeit der Langeweile füllen zu wollen und eine Art, wie das geschah, war die sogenannte Schützengrabenkunst. Jedes noch so unzureichend bestückte Museum zur Geschichte des Ersten Weltkriegs watet mit kunsthandwerklichen Stücken aus Soldatenhand auf: Federhalter aus Patronen, Gefäße aus Granaten und dergleichen, anrührend-kitschigem Tand mehr. Doch wurde auch mit mehr oder weniger selbstbewussten Zugriff gezeichnet und gemalt. Die wahrlich ungeheuren Potentiale, die der Erste Weltkrieg bei prominenten Künstlern hervorgerufen hat, sind vielfach beschrieben worden. Doch nicht nur die Prominenz der Kunstgeschichte, versuchte, bildend dem Krieg Herr zu werden.
Die hier vorliegende Quelle ist der Versuch eines Landsers, sich mit eher bescheidenen materiellen und sicher auch eben solchen artistischen Mitteln der Kriegslandschaft anzunehmen. "Schützengraben-Drahtverhau in Wolhynien, 1917". Gezeichnet wurde es von einem C. Fischer aus Kiel (über Informationen zum Urheber wäre ich durchaus dankbar).
Schaut man sich die Komposition des Bildes an, so wird deutlich, dass das Ganze - auf laienhaftem Niveau - vergleichsweise souverän konstruiert ist: Im Hintergrund, verwaschen, eine Baumgruppe ohne sichtbare Einwirkungen des Krieges. Im Vordergrund der titelgebende Stacheldraht, detailreicher gezeichnet als Einbruch des modernen Krieges in eine Landschaft der dunklen Romantik.
Freitag, 3. Januar 2014
100 Jahre Erster Weltkrieg – Fundstücke zur Geschichte und Rezeption 1: Der Krieg in Latenz. Hans Willi Linkers „Spiel in Flandern“
Vorrede: In loser Folge sollen zum Jubiläumsjahr verschiedene Quellen vorgestellt werden, die in Bezug zum Ersten Weltkrieg stehen: Romane, Erzählungen, Berichte, Bilder und so weiter. Dabei geht es mir vor allem darum, Material vorzustellen, das noch nicht so bekannt ist. Ob sich so ein neuer Blick auf den Ersten Weltkrieg und seine Rezeptionsgeschichte werfen lässt? Wir werden es sehen.
Die Geschichte ist schnell erzählt:
Ein junger deutscher Soldat wird mit seinem – natürlich –
burschikosen Adjutanten bei einer flandrischen Familie einquartiert,
verliebt sich prompt in die junge Blondine des Hauses, was
selbstredend besonders einfach ist, da man ja zuvor feststellen
konnte, dass man „eines Stammes“ (S. 19) ist, es kommt zum Kuss
und dann zur rührenden Abschiedszene, weil Robert Schmidt, genannt
Bob, an die Front zurückmuss.
So weit, so gut, und nicht weiter
besonders. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich herausragend für
die Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg zur Zeit des
Erscheinens (Erstauflage von 1936; meine Auflage – es ist die 9. -
von 1943) dieses kaum fünfzigseitigen Bändchens. Ebenso
betulich-biedermeierlich wie die Geschichte sind auch die
beigegebenen Holzschnitte.
Was auffällt, ist zunächst der
Untertitel: „Eine Novelle aus dem grossen Krieg“. Kann man die
Gattungsbezeichnung „Novelle“ vielleicht noch nachvollziehen,
will der Autor uns doch die Liebe in Zeiten des Krieges als jene
unerhörte Begebenheit verkaufen, derer es dafür bedürfe, so wird
man doch beim zweiten Teil der Beschreibung stutzig. Nicht nur, dass
der Krieg im Grunde eine geringere Rolle spielt, als nahegelegt wird,
bildet er doch nur das Hintergrundrauschen, von dessen Leiden der
Autor bewusst nicht sprechen will („[...] ich will es schlummern
lassen unter der warmen Decke des Heute.“, S. 6), sondern die
Benennung als „großer Krieg“ verwundert denjenigen, der sich mit
der Erinnerungsgeschichte an den Ersten Weltkrieg auskennt: Grande
Guerre und Great War sind Begriffe für den Ersten Weltkrieg aus dem
französischen oder anglophonen Sprachraum; in Deutschland selbst
wird er eher nicht als der Große Krieg erinnert. Dass dies wohl vor
allem an den Schrecken des Zweiten Weltkriegs liegt – eine nicht
allzu gewagte These – verdeutlicht dieses eher unscheinbare
Büchlein, dass, vor 1939 erschienen, mit der Bezeichnung „großer
Krieg“ noch wie selbstverständlich auf die Zeit zwischen 1914 und
1918 rekurrierte.
Was findet sich sonst noch an
interessantem in der Novelle, wo doch die Fabel eher mager ist. Der
mehrfach verbalisierte Wunsch des Vergessens der Kriegsleiden
zugunsten der auch während des Krieges möglichen schönen Stunden
wäre ein interessantes Element. Anders als die pazifistische
Literatur von Remarque, Barbusse etc., die gerade aus der Schilderung
des Leids die moralische Verpflichtung des „Nie wieder!“
ableitete, geht Linker genau den entgegengesetzten Weg: Der Krieg
wird als unausweichliche Katastrophe potraitiert, der Leser erfährt
nicht, dass ausgerechnet Belgien, das Land, in dem sich der
Protagonist so wohl fühlt, wo er – natürlich, dem
biedermeierlichen Anstrich des gesamten Büchleins entsprechend –
Claudius' Mondgedicht zu Gehör bringt und damit seine „Gastgeber“
zu Tränen rührt, im Zuge des Schlieffenplans vom Deutschen Reich
ohne Kriegserklärung angegriffen wurde. Statt dessen erfährt er,
dass auch in einer Welt des Krieges, der nur latent im Hintergrund
bleibt, glückliche Stunden möglich sind und genossen werden können.
Und macht nicht erst diese vorgebliche Möglichkeit zum persönlichen
Glück im großen Krieg den nächsten Krieg überhaupt erst möglich?
Sicher lassen sich so auch die hohen Verkaufsziffern für die Novelle
und die vielen Wiederauflagen – insbesondere nach 1939 –
erklären.
Besprechung zu:
Hans Willi Linker, Spiel in Flandern.Eine Novelle aus dem grossen Kriege, Gütersloh 91943.
Hans Willi Linker, Spiel in Flandern.Eine Novelle aus dem grossen Kriege, Gütersloh 91943.
Abonnieren
Posts (Atom)