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Donnerstag, 27. August 2015

Das Kaiserreich rosarot. Franz-Lothar Krolls Apologie der deutschen Geschichte zwischen 1871 und 1914

Im Grunde ist es ja nicht verwerflich, wenn sich auch HistorikerInnen politisch äußern; ja es ist geradezu geboten, dass vor allem sie sich in gesellschaftspolitische Debatten einmischen und mit ihrem spezifischen Wissen für die nötige (historische) Tiefendimension in tagesaktuellen Fragen sorgen.

Problematisch ist allerdings, wenn sie in ihren wissenschaftlichen Beiträgen politisch argumentieren, ohne ihren Standpunkt explizit zu machen. Wenn sie also ihre eigene politische Position quasi zu wissenschaftlichen Erkenntnissen aufwerten. Für den Rezensenten ganz besonders problematisch wird es dann, wenn der Autor auch noch eine von der eigenen divergente politische Position  vertritt - und diese in immer neuen Anläufen breittritt.

Genau so ging es mir bei der Lektüre von Frank-Lothar Krolls Band zur "Geburt der Moderne", den der Autor selbst wohl als wissenschaftlich abgesicherte Verteidigung des Kaiserreichs verstanden wissen will. Anstatt sich lange mit diffizilen Begriffsfragen auseinanderzusetzen, zu denen schon die titelgebende 'Moderne' Anlass böte, geht Kroll direkt in medias res, arbeitet sich zuweilen rüpelhaft am selber nicht eben mit Samthandschuhen argumentierenden Hans-Ulrich Wehler ab (dem man zumindest nicht vorwerfen konnte, den Moderne-Begriff unreflektiert verwendet zu haben) und versucht dem Leser deutlich zu machen, warum es denn im Kaiserreich nicht gar so schlecht war, wie es uns die Arbeiten der 1960er und 1970er Jahre glauben machen wollten.

Die Fragwürdigkeit dieses Unterfangens ergibt sich schon aus der Zäsursetzung; Explizit klammert der Autor den Ersten Weltkrieg aus seinen Betrachtungen aus, externalisiert das millionenfache Leid somit aus seiner Argumentation, auf dass es nicht das rosarote Bild des Wilhelminismus trübe.

Wo es nun aber partout nichts Positives an der Verfasstheit des Kaiserreichs zu finden gibt (so zum Beispiel beim preußischen Dreiklassenwahlrecht und den bewusst ungerecht zugeschnittenen Wahlkreisen) genügt sich Kroll mit dem Hinweis darauf, dass es anderswo nicht besser war - als machte es das besser.

In einer vollständigen Ausblendung der kulturgeschichtlichen Theoriebildung der letzten dreißig Jahre behandelt Kroll im Abschnitt zur Kultur nur Werke zur Hochkultur - von denen er selber eingestehen muss, dass sie zeitgenössisch nur äußerst marginal und nur in bestimmten Zirkeln wahrgenommen wurden. Dass Erzeugnisse der Arbeiterkultur im Vergleich zu den Sinfonien eines Schönberg heutzutage nicht die gleiche Wertschätzung erfahren, sollte den Autoren doch nicht daran hindern, an ihnen ebenfalls Elemente der Zeit herauszudestillieren, in der sie entstanden.

Ganz davon abgesehen, dass "Kultur" weit mehr umfasst als das, was man landläufig unter Kulturgütern (ob nun E- oder U-) versteht. Ein kulturgeschichtlicher Blick auf das Kaiserreich sollte nicht nur Hauptmann und Kadinsky, sondern auch Themen wie "Militarismus", "Antisemitismus" und "Antifeminismus" enthalten, um nur einige Aspekte zu nennen. Sie alle kommen nicht vor oder wenn, dann nur am Rande. Man ist geneigt, dem Autoren Absicht zu unterstellen, ließe sich doch unter Hinzuziehung von Chamberlain und Rembrandtdeutschen nur schwerlich das Bild eines weltoffenen und wissenschaftlich vorbildlichen Kaiserreichs aufrecht erhalten.

Warum es mir geht, ist gar nicht, die 'modernen' Elemente des Kaiserreichs zu negieren; was allerdings nicht angehen kann, ist der vollständige Ersatz der Fundamentalablehnung des Kaiserreichs durch eine kritiklose Apologie! Dass es auch differenzierter geht, beweisen Christopher Clarks Arbeiten. Die Frage ist nun nur noch, warum die Bundeszentrale für politische Bildung es für nötig befunden hat, Krolls fragwürdiges Buch in ihre Schriftenreihe aufzunehmen ...

Rezension zu: Frank-Lothar Kroll, Geburt der Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur vor dem Ersten Weltkrieg, Bonn 2013 (BpB Schriftenreihe 1340)

Montag, 1. Dezember 2014

„Ein Selbstzwang, der sich als Freiheit ausgab.“ Zu Sven Reichardts monumentaler Studie „Authentizität und Gemeinschaft“.

Wenn eine Habilitationsschrift in der renommierten Wissenschaftsreihe bei Suhrkamp erscheint, kann das zwei Gründe haben. Zum einen wäre das sowohl die stilistische als auch die akademische Brillanz des vorgelegten Werkes. Zum anderen wäre diese Form der Adelung aber auch betriebswirtschaftlich zu erklären – der Verlag ginge in diesem Fall davon aus, dass der Personenkreis, der mit der inzwischen sprichwörtlichen Suhrkamp-Kultur groß geworden ist, ein gesteigertes Interesse an diesem Buch haben könnte. Letzteres trifft bei Reichardts Buch ohne Zweifel zu, denn in seiner Studie geht es genau um sie (und auch das Argument der herausragenden Qualität wird in weiten Teilen eingelöst).

Worum geht es Reichardt also in dieser fast tausendseitigen Schrift: Der Autor hat sich die unterschiedlichsten Schattierungen des linksalternativen Lebens der 1970er und frühen 1980er Jahre vorgenommen und er fragt weniger nach den allbekannten und politikgeschichtlich schon recht gut erforschten politischen Zielen der Gruppierungen, wie sie sich in Anti-AKW-, Friedens- und Frauenbewegung ausdrückten. Reichardt verlässt die eingefahrenen Bahnen politikgeschichlicher Forschung (die neben wirtschaftsgeschichtlichen Fragen) noch immer die Erforschung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominieren – und das zurecht, ging es doch zunächst darum, die groben Linien dieser Epoche zu vermessen, bevor ausgehend von den entsprechenden Befunden auch anderen Themen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Reichardt geht nun der Frage nach, wie die Personen lebten, die sich in Brokdorf auf Demonstrationen gegen die Atomindustrie, in Bonn gegen die NATO-Nachrüstung oder überall gegen die männliche Vorherrschaft in Familien und Arbeitsleben engagierten. Wie gestalteten sie ihren Alltag? Wie lebten sie? Wie arbeiteten sie? Und vor allem: Wie sprachen sie darüber?

Äußerst überzeugend wählt Reichardt die beiden Begriffe „Authentizität“ und „Gemeinschaft“, um sich sowohl die Lebensstile als auch Fraktionierungen innerhalb des linksalternativen Milieus zu erschließen. In unterschiedlichen Themenfeldern – von der linksalternativen Presse über Wohngemeinschaften bis hin zu Frauen- (und Männer-)bewegung, Kindererziehung, alternativen Betrieben, Spiritualität und Drogenerfahrungen – sucht Reichardt nach der Einforderung von authentischen Erfahrungen, Arbeitsverhältnissen, Beziehungen, die den Zwängen der als entfremdet wahrgenommenen bundesrepublikanischen Gesellschaft mit ihrem Streben nach Konsum und Karriere entgegengehalten wurden.

Von K-Gruppen und Resten der 68er als unpolitische Privatiers geschmäht, sahen die Angehörigen des alternativen in dem, was sie taten, doch eine neue Form des Politischen, so Reichardt. Überzeugend argumentiert Reichardt, dass mit diesem neuen Lebensstil jedoch keineswegs das Ende aller Zwänge eingeläutet wurde – vielmehr wurden neue Zwänge aufgebaut, die oftmals unbewusst eine enorme Wirkmächtigkeit entfalteten. Allen voran, der Zwang zur allgegenwärtigen Selbstoffenbarung, zur Öffentlichmachung privatester Details unter der Maßgabe: „Sei authentisch!“


Kritisch anzumerken wären bei Reichardts Studie einige Redundanzen, die sich wohl vor allem daraus ergeben, dass sich die unterschiedlichen Kapitel auch separat lesen lassen können sollen, während die behandelten Themen jedoch nicht immer trennscharf zu scheiden sind. Man kann sich jedenfalls gut vorstellen, dass sich an den unterschiedlichsten Universitäten in Seminaren zu den 1970er und 1980er neben der thesenhaft zuspitzenden Studie von Doering-Manteuffel und Raphael („Nach dem Boom“) Studierende auch mit einzelnen Kapiteln aus Reichardts Studie beschäftigen werden – und für einen derartigen Kontext eignen sich die Kapitel sicher ganz hervorragend. Noch problematischer erscheint mir allerdings der Umstand, dass das von Reichardt (sicher zurecht) als bunt beschrieben Milieu in der wissenschaftlichen Bearbeitung ganz ohne Bildteil auskommen muss. Ein paar wenige Fotos aus selbstverwalteten alternativen Betrieben oder Wohngemeinschaften, nur wenige Reproduktionen aus der von Reichardt so überzeugend beschriebenen alternativen Presse, und schon wäre die Studie noch anschaulicher geworden, als sie es ohnehin schon – trotz ihres wissenschaftlichen Niveaus und ihres beträchtlichen Umfangs – ist!

Montag, 19. Mai 2014

Zeitgeschichte der Gefühle. Aus geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften I.

Zu Bernhard Gottos Aufsatz, Enttäuschung als Politikressource. Zur Kohäsion der westdeutschen Friedensbewegung in den 1980er Jahren, in: VfZ 62 (2014), H.1, S. 1-33.

Auch wenn die eigenen Zeitressourcen im Grunde gänzlich durch die für die eigene Arbeit thematisch relevante Literatur in Anspruch genommen werden, nimmt man sich doch hin und wieder die Zeit, in die aktuellen geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften zu schauen. Nur so kann man sehen, was aktuell diskutiert wird, worüber das eigene Fach sich augenblicklich gerade streitet und welche methodischen Neuerungen en vogue sind. Heute nehmen wir uns Bernhard Gottos Aufsatz zur Gefühlslage der Friedensbewegung vor.

Um sich dem Gefühlshaushalt dieser Neuen Sozialen Bewegung zu nähern verwendet Gotto den Begriff der Enttäuschung. Anders jedoch als die klassische Niedergangsgeschichte der Friedensbewegung belässt es Gotto nicht bei einer reinen chronologischen Abfolge von Euphorie zu Beginn und allgemeiner Enttäuschung nach dem Stationierungsbeschluss 1983 und dem folgenden Absinken der Friedensbewegung in der Bedeutungslosigkeit. Theoretisch reflektiert und empirisch differenziert fragt er vielmehr nach unterschiedlichen Formen von Enttäuschung bei verschiedenen ProtagonistInnen und vor allem nach unterschiedlichen Gründen für eben dieses Gefühl.

Unter Verwendung der koselleckschen Begrifflichkeiten von "Erfahrungsraum" und "Erwartungshorizont" (die trotz ihres nunmehr beinahe vierzigjährigen Bestands im fachwissenschaftlichen Diskurs noch immer nichts an ihrem analytischen Potential eingebüßt haben) definiert Gotto die Enttäuschung als Inkongruenz zwischen den Erwartungen und den dann gemachten Erfahrungen. Nach Akteursgruppen unterschieden macht Gotto diese Inkongruenz nun jeweils unterschiedlich fest: Der rührige Aktivist sah sich in der geringen Aktivität der beim Ostermarsch Mitlaufenden enttäuscht; diese wiederum enttäuschten die überspannte Erwartungshaltung der OrganisatorInnen und die Autonomen vermerkten enttäuscht, dass die Proteste zu wenig radikal gewesen seien, sondern sich zu Kaffeekränzchen mit allerlei Prominenz auswuchsen.

Ist diese Feststellung noch nicht sonderlich überraschend (aber durchaus überzeugend empirisch und quellennah herausgearbeitet), so geht Gotto noch einen Schritt weiter und analysiert nun, wie in der Friedensbewegung selbst mit diesen Enttäuschungserfahrungen umgegangen wurde - und hier zeigte sich die Friedensbewegung als äußerst erfolgreich im Gefühlsmanagement. Um die Enttäuschung nicht überhand nehmen und sie vor allem nicht in Resignation (und damit Untätigkeit, den sicheren Tod einer jeden Bewegung) umschlagen zu lassen, musste entweder produktiv mit diesem Gefühl umgegangen oder aber die Enttäuschung per se negiert werden. Drei Strategien werden von Gotto genannt, um mit den Enttäuschungen umzugehen; unter dem Stichwort "Autoimmunisierung" beschreibt Gotto Maßnahmen der (nachträglichen) Neudefinition der eigentlichen Ziele, die nun unter den eigentlich angesetzten lagen. Aus der Verhinderung von Stationierungen wurde so der "erste Schritt zur Entmilitarisierung der Gesellschaft", der durch die Proteste gegangen worden sei. Statt der "Dringlichkeit", die die Rhetorik der Friedensbewegung in ihrem Beginn bestimmte, wurde der "lange Atem", der noch benötigt werde, um den Frieden zu erreichen. Aus dem Ziel der Veränderung der Gesellschaft wurde das Ziel der Veränderung des eigenen Selbst durch die Erfahrungen des gemeinsamen Protests.

Gottos Analyse der Enttäuschung in der Friedensbewegung ist in seiner analytischen Klarheit und der gewählten theoretischen Zugangsweise mehr als überzeugend und im besten Sinne thought provoking. Insbesondere der Hinweis darauf, dass man für die 1980er nicht nur von einem "Wandel des Politischen" sprechen sollte, sondern gleichzeitig auch fragen sollte, wie sich die Akteure selbst veränderten, sollte Eingang finden in die Zeitgeschichtsschreibung dieses Jahrzehnts, das augenblicklich noch historiographisch vermessen wird. Gottos Zugang über eine Zeitgeschichte der Gefühle setzt dazu einen diskussionswürdigen Startpunkt.

Freitag, 22. März 2013

Dissertationsbeifang – Kuriosita aus den Recherchen zur Do-it-yourself-Bewegung in der Bundesrepublik I: Das Leiden der Frauen



Die Arbeit an meiner Dissertation zur Do-it-yourself-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 fördert zuweilen Quellenkuriosita zutage, von denen nicht sicher ist, ob sie am Ende auch Gegenstand der Ausführungen werden können. In ihrer ungewollten, zeitbedingten Komik verdienen sie es aber dennoch, präsentiert zu werden, wenn nicht in wissenschaftlicher, so doch vielleicht in impressionistisch-essayistischer Manier. Heute soll der Anfang gemacht werden.

Wir befinden uns im Jahr 1958; an einem Sommertag im Juni versammelt sich eine Schar prominenter WirtschaftswissenschaftlerInnen aus verschiedenen Ländern  – von Schweden bis Nigeria – in der beschaulichen Schweiz und unterhält sich über die zukünftigen Potentiale des Do-it-yourself-Gedankens. 

Insbesondere die anwesenden Frauen weisen auf die Gefahren dieses Phänomens hin:

Frau E. Heyman (GB): „Sie weist auch darauf hin, was eine Familie unter einem ‚Do-it-yourself‘-Enthusiasten zu leiden hat. Es bleibt in der Regel der Gattin überlassen, die Unordnung wieder aufzuräumen, die ihr Mann verursacht hat.“

Dagegen Frau E. Hirsch (USA), die zuvor schon ein Referat über die Do-it-yourself-Bewegung in den Vereinigten Staaten gehalten hat: „„Als Beispiel der ‚Do-it-yourself‘-Bewegung zitiert sie den Fall, wo die Ehefrau in der Bastler-Werkstatt nicht zugelassen wird und somit auch nicht aufzuräumen braucht.“

Frau Goes aus Dänemark wiederum pflichtet Frau Heyman zu: „Frau Groes stimmt mit Frau Heyman darin überein, dass die Gattin unter der ‚Do-it-yourself‘-Bewegung zu leiden hat.“

Nun wendet sich aber Herr Brüschweiler aus der neutralen Schweiz an die versammelten Damen und legt den Konflikt bei: „Verschiedene Damen haben sich in der Diskussion darüber beklagt, dass das ‚Do-it-yourself‘ lediglich dazu führe, dass die Frauen nachher die vom Mann hinterlassene Unordnung aufräumen müssen. Dazu kann er nur sagen: Meine Damen, Sie haben ihre [sic!] Männer schlecht erzogen.“

Was lernen wir daraus: Erziehung ist die Basis einer guten Beziehung!

Gefunden in:  G. Törnqvist (Tagespräsident), Diskussion zu: „Do-it-yourself“ in Gegenwart und Zukunft. 10.Juli 1958. TeilnehmerInnen: R. Brüschweiler (Schweiz), J. Hirsch (USA), G. Kroebel (Deutschland), J.Walter (USA), L. Williamson (Großbritannien). Leitung: J. Thygesen (Dänemark), in:  Donald Brinkmann (Hrsg.), „Do-it-yourself“ und der Handel, Rüschlikon 1958 (= Schriftenreihe der Stiftung „Im Grüene“ 10), S. 45-56.