Wird auch Wehlers Konzept der
Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich
für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale
Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass
er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.
Ganz im Sinne der von Brecht einmal für
seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat
Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende
Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur
Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den
obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte,
sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig.
Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender
HistorikerInnengenerationen!
Auch wenn die Entwicklung des Faches
über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen
sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den
Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so
sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion
des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“)
noch heute vorbildgebend und Teil des universitären
Ausbildungskanons des Faches sein.
Hinterließ Wehler in der Wissenschaft
mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu
interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften
ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein,
der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen
Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur
in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und
alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der
Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem
eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den
damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht
allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was
festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung
gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die
Diskurse prägte.
Und genau dies scheint mir der Punkt zu
sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich
wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer
Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der
ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene
Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem
(hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges
Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion
wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen
Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit
Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller
Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei
sein.
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