Mittwoch, 28. Mai 2014

Im Archiv

Eine der zum Klischee geronnenen Geschichten des Historikerdaseins ist die spannungsreiche Beziehung zwischen Archivar und Wissenschaftler. Zahlreiche Anekdoten ranken sich um Erlebnisse mit mürrischen Archivaren, die ihre Dokumente hüten wie ihr eigenes Kind und niemandem den Blick auf sie gestatten wollen – von Wünschen nach Reproduktionen oder anderen Ungehörigkeiten ganz zu schweigen. Und dann noch die Räuberpistolen der Kollegen, die sich auf die osteuropäische Geschichte spezialisiert haben und die davon zu berichten wissen, wie man sich langsam die Gunst des Archivars ertrank oder wie der mit Forschungsmitteln gut ausgestattete Ivy-League-Historiker einen Geldkoffer über den Tresen des Archivs schob und so Unterlagen zu sehen bekam, die zuvor noch als nicht mehr existent oder gar als nie da gewesen beschrieben wurden. (Womit sollte man da dagegenhalten? Damit, dass man sich schon mal die Finger in einem Archiv in einer niedersächsischen Provinzstadt verletzt hat? Ein glatter Schnitt mit einem Papier, der allerdings nicht genäht werden musste.)

Die tatsächlichen Erlebnisse im Archiv nehmen sich neben derart ruchlosen Räuberpistolen eher harmlos aus; sie beginnen damit, dass man eine Archivalie bestellt, deren Kurzbeschreibung und Betitelung genau das Dokument versprachen, auf das man seit Beginn der eigenen Recherchen gehofft hat. Und dann kommt der Bestellzettel mit dem Vermerk zurück, dass genau diese Mappe seit 2008 verschollen sei. Oder aber: Man bekommt das Konvolut ausgehändigt und muss feststellen, dass der Autor der Inhaltsangabe des Dokuments entweder ein gerüttelt Maß an Phantasie hat walten lassen, dass er andere Dinge hinter den von dir gesuchten Begriffen versteht oder aber dass die eigene Schlagwortsuche einfach nicht zu dem passt, was man erforschen möchte. Und da sitzt man da mit seinen wenig informativen Papieren – eine Situation, die noch durch zweierlei Beobachtungen verstärkt wird:

  1. Zum einen gibt es immer den einen älteren Herren, der ebenfalls im Archiv arbeitet, die dicksten Aktenkonvolute vor sich liegen hat, die wahnsinnig spannende Titel tragen und als wollte er sich über dich lustig machen auch in schierer Forscherleidenschaft notiert, blättert und seinem Entdeckerstolz (im Rahmen des im Archiv Schicklichen) freien Lauf lässt. Während er also voller Begeisterung die Geschichte umschreibt, sitzt du vor Zahlenkolonnen, belanglosen Briefwechseln, in denen Lieferant und Einzelhändler um die letzte Stelle hinterm Komma feilschen, und Unternehmenshagiographien, in denen man sich mutig selbst beweihräuchert.
  2. Zum anderen hat man nur diese Unterlagen für die nächsten zwei Stunden – erst dann wird wieder ausgehoben. Vielleicht hat man dann ja mehr Glück...was macht man solange? Man schreibt Blogeinträge.


Staatsarchiv Osnabrück am 27.05.2014

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