Eine der zum Klischee geronnenen Geschichten des Historikerdaseins ist die spannungsreiche Beziehung
zwischen Archivar und Wissenschaftler. Zahlreiche Anekdoten ranken
sich um Erlebnisse mit mürrischen Archivaren, die ihre Dokumente
hüten wie ihr eigenes Kind und niemandem den Blick auf sie gestatten
wollen – von Wünschen nach Reproduktionen oder anderen
Ungehörigkeiten ganz zu schweigen. Und dann noch die Räuberpistolen
der Kollegen, die sich auf die osteuropäische Geschichte
spezialisiert haben und die davon zu berichten wissen, wie man sich
langsam die Gunst des Archivars ertrank oder wie der mit
Forschungsmitteln gut ausgestattete Ivy-League-Historiker einen
Geldkoffer über den Tresen des Archivs schob und so Unterlagen zu
sehen bekam, die zuvor noch als nicht mehr existent oder gar als nie
da gewesen beschrieben wurden. (Womit sollte man da dagegenhalten?
Damit, dass man sich schon mal die Finger in einem Archiv in einer
niedersächsischen Provinzstadt verletzt hat? Ein glatter Schnitt mit
einem Papier, der allerdings nicht genäht werden musste.)
Die tatsächlichen Erlebnisse im Archiv
nehmen sich neben derart ruchlosen Räuberpistolen eher harmlos aus;
sie beginnen damit, dass man eine Archivalie bestellt, deren
Kurzbeschreibung und Betitelung genau das Dokument versprachen, auf
das man seit Beginn der eigenen Recherchen gehofft hat. Und dann
kommt der Bestellzettel mit dem Vermerk zurück, dass genau diese
Mappe seit 2008 verschollen sei. Oder aber: Man bekommt das Konvolut
ausgehändigt und muss feststellen, dass der Autor der Inhaltsangabe
des Dokuments entweder ein gerüttelt Maß an Phantasie hat walten
lassen, dass er andere Dinge hinter den von dir gesuchten Begriffen
versteht oder aber dass die eigene Schlagwortsuche einfach nicht zu
dem passt, was man erforschen möchte. Und da sitzt man da mit seinen
wenig informativen Papieren – eine Situation, die noch durch
zweierlei Beobachtungen verstärkt wird:
- Zum einen gibt es immer den einen älteren Herren, der ebenfalls im Archiv arbeitet, die dicksten Aktenkonvolute vor sich liegen hat, die wahnsinnig spannende Titel tragen und als wollte er sich über dich lustig machen auch in schierer Forscherleidenschaft notiert, blättert und seinem Entdeckerstolz (im Rahmen des im Archiv Schicklichen) freien Lauf lässt. Während er also voller Begeisterung die Geschichte umschreibt, sitzt du vor Zahlenkolonnen, belanglosen Briefwechseln, in denen Lieferant und Einzelhändler um die letzte Stelle hinterm Komma feilschen, und Unternehmenshagiographien, in denen man sich mutig selbst beweihräuchert.
- Zum anderen hat man nur diese Unterlagen für die nächsten zwei Stunden – erst dann wird wieder ausgehoben. Vielleicht hat man dann ja mehr Glück...was macht man solange? Man schreibt Blogeinträge.
Staatsarchiv Osnabrück am 27.05.2014
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen