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Freitag, 11. Juli 2014

Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler

Wird auch Wehlers Konzept der Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.

Ganz im Sinne der von Brecht einmal für seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte, sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig. Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender HistorikerInnengenerationen!

Auch wenn die Entwicklung des Faches über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“) noch heute vorbildgebend und Teil des universitären Ausbildungskanons des Faches sein.

Hinterließ Wehler in der Wissenschaft mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein, der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die Diskurse prägte.


Und genau dies scheint mir der Punkt zu sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem (hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei sein.

Dienstag, 22. April 2014

Tante Emma hat ausgedient - König Kunde bedient sich selbst!

Vor den Osterfeiertagen konnte man sie wieder einmal beobachten: Lange Schlangen an den Supermarktkassen. Kleine Kinder, die mit schon rot verweintem Gesicht nach den verkaufspsychologisch durchdacht platzierten Süßwaren quengeln, den schimpfenden Herren, der sich über die langsame Abfertigung mokiert, und die ältere Dame, die sich die Münzen von der Kassiererin aus ihrem Portemonnaie suchen lässt und dabei von früher erzählt. Und während man darauf wartet, den eigenen bescheidenen Einkau bezahlen zu dürfen, fragt man sich, welcher Innovationen und Lernprozesse es bedurfte, damit es gegenwärtig derart diszipliniert und routiniert abläuft im Flaggschiff des Lebensmitteleinzelhandels.

Mit ihrer nun veröffentlichten Dissertation „Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland“ lässt Lydia Langer uns mit derartigen Gedanken nicht allein, sondern bereitet sie quellengesättigt und theoriestark auf - und leistet so einen fundamentalen Beitrag sowohl zur westdeutschen Konsum- als auch zur Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte des bundesrepublikanischen Einzelhandels. Am Beginn der Arbeit steht dabei die Verwunderung darüber, dass ein derart umfassender, ja „revolutionärer“ Prozess, wie die Einführung der Selbstbedienung, die nicht nur von Ladendesignern und Einzelhändlern, sondern auch von Personal und Kunden, ein völlig neues Verständnis des Einkaufs erforderte, vergleichsweise konfliktfrei hat verlaufen können. Zwar gab es auf allen Ebenen immer wieder Widerstände gegen die Selbstbedienung, letztlich verhindert werden konnte sie nicht, und sobald sie akzeptiert wurde, folgten ihre weitreichenden Strukturveränderungen im Einzelhandel auf dem Fuße: Vom kleinformatigen Lebensmittelladen, über den Supermarkt hin bis zum überdimensionierten Verbrauchermarkt auf der grünen Wiese innerhalb von zwanzig Jahren!

Langer gelingt es ihr umfangreiches Material geschickt aufzubereiten; ihre grundlegende Frage ist, welches Wissen von den verschiedenen Akteuren benötigt wird, um kompetent mit der Selbstbedienung umgehen zu können, auf welchen Wegen dieses Wissen erworben wurde und wer die Übertragungsinstanzen für dieses Wissen waren. Daraus entwickelt sie die These, dass man keinesfalls von einer reinen Übernahme US-amerikanischer Muster sprechen könne, sondern dass sich eine spezifisch (west-)deutsche Form des Selbstbedienungseinzelhandels entwickelt habe. Diese These ist sicher ebenso richtig, wie sie allgemein auch schon vor Langers quellenreicher Arbeit (z.B. von Schröter) formuliert wurde. 

Was mir fehlt, ist jedoch die genaue Darstellung dessen, welche nun die spezifisch deutschen Elemente dessen sind, was wir heute im Supermarkt beobachten können. Auch erscheint mir die Zäsur 1973 als Endpunkt der Studie nicht hinreichend begründet: War dieses Jahr, das augenblicklich gerne zur generellen Zäsur innerhalb der Zeitgeschichte stilisiert wird, auch für den Einzelhandel derart bedeutsam, dass davon ausgegangen werden kann, dass damit die „Revolution“ (die immerhin ohne Fragezeichen im Titel steht) als abgeschlossen gelten kann? Genügt der quantitative Befund, dass von da an ein Großteil der westdeutschen Einkäufe in Selbstbedienung getätigt wurden?

Rezension zu: Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln 2013 (= Kölner Historische Abhandlungen 51).

Montag, 4. März 2013

Emotionen und Förmlichkeiten. Ursula Krechels Roman Landgericht

"Keine Emotionen sind überliefert, nur Förmlichkeiten, Verbindlichkeiten [...]"; jeder geschichtswissenschaftlich Forschende wird ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zumal wenn er es mit Verwaltungsschrifttum zu tun bekommen hat. Zahlen, Paragraphen und das scheinbare so korrekte Beamtendeutsch lassen häufig keinen Platz für Gefühle, für Empfindungen, für das, was eben derartige Schriftstücke bei demjenigen auslösen, der sie zugestellt bekommt. Die akademische Zeitgeschichte kann derartige Lehrstellen nur schwerlich ausfüllen: Ihr Methodenapparat mit seinen Anforderungen an die intersubjektive Plausibilität der eigenen Schlüsse, die Angewiesenheit auf Quellen für die Thesenbildung und die Überprüfbarkeit der Interpretationen bürgen zwar auf der einen Seite für ihre Wissenschaftlichkeit. Auf der anderen Seit verbleiben aber auch zahlreiche schmerzliche Lehrstellen eben gerade dort, wo es um die individuelle Erfahrungs- und Gefühlswelt von Einzelpersonen geht.

Die Literatur - und insbesondere der (zeit-)historische Roman bieten hier Abhilfe. Dabei geht es weniger um geschichtlich schlecht bemäntelte Machwerke, die sich der historischen Kulisse bedienen, um der dürftigen "Story", der austauschbaren Liebes- oder Kriminalitätsgeschichte, doch noch ein Mindestmaß an Relevanz zuteil werden zu lassen. Anders Werke, die sowohl zeitgeschichtlich fundiert recherchiert sind - und dabei sicher einen Aufwand verursacht haben, der einen landläufigen zeithistorischen Monografie in nichts nachsteht -, die aber gleichzeitig auch auf dieser abgesicherten Grundlage von der Imaginationskraft des Schriftstellers derart erfüllt sind, dass sie über das hinaus gehen, was eine wissenschaftliche Studie zu leisten vermag. (Und diese wird es aus oben genannten Gründen auch gar nicht leisten wollen - und das ist auch gut so!)

Ein solches Beispiel ist Ursula Krechels Roman Landgericht. Man merkt dem Buch an, dass sie sich darum bemüht, den zeitgeschichtlichen Hintergrund ihres Plots genau zu studieren: Selten wurden die 1950er Jahre plastischer in ihrer Dichotomie zwischen zukunftsgewissem Aufbruch und historischen Überhängen aus der NS-Zeit beschrieben. Und genau dazwischen wird der Remigrant Richard Kornitzer zerrieben; als geschulter Jurist, der als Jude vor dem NS-Terror nach Kuba fliehen musste, während seine "arische" Ehefrau in Berlin verblieb, werden die Instanzen geschildert, an die er sich in den 1950er wandt, um für sein Recht zu kämpfen -  das ihm immer mit dem Verweis auf Paragraphen feinsäuberlich abgeschlagen werden.  Mag die Geschichte selber wenig überraschend, ja inzwischen schon häufig gehört erscheinen, so ist die Art, wie Krechel sie darstellt, kaum zu übertreffen. Aktenkundliche Quellenfunde aus Wiedergutmachungsstellen werden den emotionellen Reflexionen Kornitzers und dessen Familiengeschichte gegenübergestellt. Auch wenn für diesen Fall, so wie Krechel es selber feststellt, keine Emotionen, sondern nur Förmlichkeiten und Verbindlichkeiten überliefert sind, gelingt es der Autorin doch, eben diese Leerstellen überzeugend zu füllen.

Rezension zu: Ursula Krechel, Landgericht. Roman, Salzburg u. Wien 2012.