Vor den Osterfeiertagen konnte man sie
wieder einmal beobachten: Lange Schlangen an den Supermarktkassen.
Kleine Kinder, die mit schon rot verweintem Gesicht nach den
verkaufspsychologisch durchdacht platzierten Süßwaren quengeln, den
schimpfenden Herren, der sich über die langsame Abfertigung mokiert, und die ältere Dame, die sich die Münzen von der Kassiererin aus
ihrem Portemonnaie suchen lässt und dabei von früher erzählt. Und
während man darauf wartet, den eigenen bescheidenen Einkau bezahlen zu dürfen, fragt
man sich, welcher Innovationen und Lernprozesse es bedurfte, damit es
gegenwärtig derart diszipliniert und routiniert abläuft im
Flaggschiff des Lebensmitteleinzelhandels.
Mit ihrer nun veröffentlichten
Dissertation „Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der
Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik
Deutschland“ lässt Lydia Langer uns mit derartigen Gedanken nicht
allein, sondern bereitet sie quellengesättigt und theoriestark auf - und leistet so einen fundamentalen Beitrag sowohl zur westdeutschen Konsum- als auch zur Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte des bundesrepublikanischen Einzelhandels.
Am Beginn der Arbeit steht dabei die Verwunderung darüber, dass ein
derart umfassender, ja „revolutionärer“ Prozess, wie die
Einführung der Selbstbedienung, die nicht nur von Ladendesignern und
Einzelhändlern, sondern auch von Personal und Kunden, ein völlig neues Verständnis des Einkaufs erforderte, vergleichsweise konfliktfrei hat verlaufen können. Zwar gab es auf
allen Ebenen immer wieder Widerstände gegen die Selbstbedienung,
letztlich verhindert werden konnte sie nicht, und sobald sie
akzeptiert wurde, folgten ihre weitreichenden Strukturveränderungen
im Einzelhandel auf dem Fuße: Vom kleinformatigen Lebensmittelladen,
über den Supermarkt hin bis zum überdimensionierten
Verbrauchermarkt auf der grünen Wiese innerhalb von zwanzig Jahren!
Langer gelingt es ihr umfangreiches
Material geschickt aufzubereiten; ihre grundlegende Frage ist,
welches Wissen von den verschiedenen Akteuren benötigt wird, um
kompetent mit der Selbstbedienung umgehen zu können, auf welchen
Wegen dieses Wissen erworben wurde und wer die Übertragungsinstanzen
für dieses Wissen waren. Daraus entwickelt sie die These, dass man
keinesfalls von einer reinen Übernahme US-amerikanischer Muster
sprechen könne, sondern dass sich eine spezifisch (west-)deutsche
Form des Selbstbedienungseinzelhandels entwickelt habe. Diese These
ist sicher ebenso richtig, wie sie allgemein auch schon vor Langers
quellenreicher Arbeit (z.B. von Schröter) formuliert wurde.
Was mir
fehlt, ist jedoch die genaue Darstellung dessen, welche nun die
spezifisch deutschen Elemente dessen sind, was wir heute im
Supermarkt beobachten können. Auch erscheint mir die Zäsur 1973 als
Endpunkt der Studie nicht hinreichend begründet: War dieses Jahr,
das augenblicklich gerne zur generellen Zäsur innerhalb der
Zeitgeschichte stilisiert wird, auch für den Einzelhandel derart
bedeutsam, dass davon ausgegangen werden kann, dass damit die
„Revolution“ (die immerhin ohne Fragezeichen im Titel steht) als
abgeschlossen gelten kann? Genügt der quantitative Befund, dass von
da an ein Großteil der westdeutschen Einkäufe in Selbstbedienung
getätigt wurden?
Rezension zu: Lydia Langer, Revolution
im Einzelhandel. Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der
Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln 2013 (= Kölner
Historische Abhandlungen 51).
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