„Alles besagt etwas“ - was in einem
der hier versammelten Essays eher nebenher gesprochen daherkommt, und
trotz dieser scheinbaren Nebensächlichkeit nichts von seiner
apodiktischen Schärfe einbüßt, kann gleichsam auch als Schlögels
Forschungsprogramm gelten. Dieses „Alles“ findet sich eben nicht
nur dort, wo man es vermutet, wo man für gewöhnlich nach nach dem
Geschichtsträchtigem sucht, sondern überall; es verwundert deshalb
auch nicht, wenn Schlögel insbesondere mit den
Transformationsstudien hart ins Gericht geht, die ihrerseits
kopflastig nach Veränderungen im System suchten, die kleinen,
alltäglichen Wandlungen darüber aber nicht zu sehen vermochten und
so nur zu wenig validen und vor allem substanzlosen Beiträgen
gelangten.
Schlögel hingegen, der unermüdliche Flaneur durch Zeiten und Räume (insbesondere Osteuropas), geht genau dorthin, wo sich diese Wandlungen zuerst bemerkbar machten; und mit der ihm eigenen Sprachmagie gesegnet gelingt es ihm beinahe spielerisch den Leser auf diese Zeit-Reisen mitzunehmen. Man folgt ihm gerne, betrachtet staunenden Blicks die Polenmärkte Ende der 1980er Jahre in Berlin und anderswo in Osteuropa, wundert sich mit ihm über die Warenströme von Bernstein aus dem Baltikum bis Plastikwaren aus China, begibt sich in die Abflughallen osteuropäischer Flughäfen, in denen Destinationen angeschlagen stehen, die selbst dem Kenner – und als solchen gibt sich Schlögel nicht immer uneitel zu verstehen – unbekannt sind, und lernt so vieles über eine Europäisierung von unten jenseits des virulenten Krisendiskurses.
Genau diese Verwunderung vermag
Schlögel produktiv zu wenden, aus seiner Irritation gewinnt er den
Willen zum Verständnis dessen, was geschah. Man kann sich nur
vorstellen, wie Schlögel Seite um Seite in seinem Notizbuch füllend
durch Städte reist, am heimischen Schreibtisch die Aufzeichnungen
mit zuvor gemachten Beobachtungen vergleicht und aus den so
diagnostizierten Unterschieden Narrative bildet. Den dezent
nostalgischen Blick auf das grenzenlose Europa vor der Urkatastrophe
des Ersten Weltkriegs kontrastiert Schlögel gekonnt mit den
gegenwärtigen Entwicklungen Europas; für bahnbrechende
Errungenschaften des Europäisierungsprozesses hat er zuweilen nur
ein wohlwollend-müdes Lächeln übrig. So weit waren wir doch schon
mal, vor nunmehr mehr als hundert Jahren....
Sympathisch sind auch die wiederholt
eingestreuten Splitter aus der eigenen vierzigjährigen
Forschungstätigkeit; Schlögel beweist sich nicht nur als begnadeter
Erzähler der Geschichte, sondern auch als vorbildlicher
autobiographischer Aphoristiker, dem es gelingt, aus dem eigenen
Erleben die Quintessenz von Strukturen, Ereignissen und Zäsuren
deutlich zu machen. Jedem, der das überprüfen möchte, seien die
Szenen ans Herz gelegt, in denen Schlögel den Aufwand für das
Versenden seiner gesammelten Bücher aus der Sowjetunion in die
Heimat schildert.
Gerade diese kurzen Episoden lassen den
Leser hoffen, dass Schlögel die Zeit finden möge, aus diesen kurzen
Beschreibungen einmal ein größeres autobiographisches Werk zu
verfassen.
Rezension zu: Karl Schlögel, Grenzland
Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München 2013.
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