Samstag, 6. September 2014

"Der Keim der wahren Freiheit, gedeiht in Unfreiheit." Lutz Seiler hat mit seinem Roman "Kruso" den wohl bedeutendsten literarischen Beitrag zum Ende der DDR geschrieben

Sucht das Feuilleton noch immer den Roman zum Ende der DDR? Die Suche hat in diesem Herbst, 25 Jahre nach Öffnung der Grenzen, ein Ende. Lutz Seilers „Kruso“ ist die wohl beste bislang erschienene Annäherung an die Geschehnisse im Jahr 1989.

Weniger das inzwischen sprichwörtliche Leben der Anderen, sondern ein anderes Leben, das richtige Leben im falschen, die Freiheit in der Unfreiheit sind Seilers Themen. Geschickt siedelt er seine (autobiographisch gefärbte) Geschichte im äußersten Randgebiet der DDR an, auf dem kleinen Raum der Ferieninsel Hiddensee suchen seine Akteure die Freiheit – und werden von der Grenzöffnung überrascht.

Die Insel wird im Roman zur Metapher; jeder sucht sich seine Enklave möglichst großer Freiheit. Die historisch belegten Einquartierungen von Besuchern auf der Insel, die der Enge der DDR entkommen wollten, werden mit esoterisch anmutenden Initiationsriten versehen und so zum Eingangstor in eine andere Welt.

Das Leben der Hauptfigur Edgar Bendler, dessen Freundin von einer Straßenbahn überfahren wurde, gerät aus den Fugen. Statt der vielversprechenden Fortsetzung des Germanistikstudiums findet sich Edgar (genannt Ed) mittellos auf Hiddensee wieder, der Insel, deren Namen den namensgebenden Protagonisten Krusowitsch (genannt Kruso) zu allerlei Wortspielen einlädt, bedeute „hidden“ doch im Englischen versteckt. Ed wird Abwäscher in einer Ausflugsgaststätte, taucht immer weiter in die Geheimnisse der Insel ein, erlebt das Ankommen und Abreisen von neuen Besuchern, die auch für Ed amourös-existentielle Abenteuer bereithalten, und freundet sich mit Kruso an.

Wir schreiben das Jahr 1989, die Massenfluchten, über die der Deutschlandfunk im immer laufenden Küchenradio berichtet, hinterlassen auch ihre Spuren auf Hiddensee. Die „Besatzung“ schrumpft, immer mehr Mitarbeiter aus der Gaststätte entschließen sich zur Flucht über das Meer bis auf das dänische Festland – und nicht alle schaffen diese gefährliche Reise.


Die Idee, die Freiheit vor Ort zu ermöglichen, scheitert, die Verlockungen des Westens sind zu stark. Seilers Roman bezieht seine Stärke zunächst aus dem Raum, in dem er angesiedelt ist: Hiddensee, nicht mehr ganz DDR (trotz Grenztruppen und „Hygieneinspektoren“ mit verdächtigen Staatssicherheitsallüren), aber noch nicht Westen, so liegt die Insel im Zwischenraum – in dem Zwischenraum, in dem die von Kruso so viel gepriesene Freiheit zu finden ist. In magisch-realistischem Stil (als letzter Abgesang auf den realsozialistischen Realismus der Literatur der DDR?) beschreibt Seiler diese Exterritorialität als Möglichkeit, sich zumindest den Sommer über, frei zu fühlen und frei zu leben. Diese Suche nach etwas Anderem, nach dem anderen Leben jenseits von staatlicher Gängelung und kapitalistischer Verführung gibt Seiler in seinem Roman Raum. Eine Suche, die durch die Wiedervereinigung jäh unterbrochen wurde und an die zum Ende hin sowieso nur noch der daran psychisch zugrunde gehende Kruso und Ed geglaubt zu haben scheinen.

Seiler schließt mit einem Epilog, in der die Suche weitergeht. Die DDR ist inzwischen - sinnbidlich - untergegangen, Ed hingegen lässt der Gedanke an die bei ihren Fluchtversuchen ums Leben gekommenen Flüchtlinge nicht los und beginnt die Recherche; allein für diese letzten dreißig Seiten lohnt die Lektüre des Buches, gehen sie doch in einem mehr als überzeugten Reportage-Stil den Versäumnissen der wiedervereinigten Erinnerungskultur in Bezug auf diese Opfergruppe mehr als überzeugend nach.

Die Homepage des Suhrkamp-Verlages zum Roman

Freitag, 5. September 2014

Kindliche Perspektiven auf die Grausamkeit des Krieges. Eine Ausstellung in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zu polnischen Kinderzeichnungen aus dem Jahr 1946

Wesen ohne Hals und ohne Unterkörper, dafür mit direkt am Brustkorb ansetzenden Beinen und langen Armen – und Mützen, auf denen ein Hakenkreuz zu sehen ist. Eckige Häuser, denen wild lodernde Flammen aus dem Dach steigen, gezeichnet mit Buntstift und roter Tinte. Davor stilisierte Figuren, zeichnerisch zwischen Strichmännchen und einem altersgerechten Realismus angesiedelt.

Wenn Kinder den Krieg sehen und anschließend zeichnen – was kommt dabei heraus? Die Ausstellung „Kinder im Krieg. Polen 1939 – 1945“, die in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße in Braunschweig gezeigt wird, versucht Anworten auf diese Frage zu geben. Oder besser: Polnische Kinder, 1946 durch ein Preisausschreiben einer Zeitung dazu animiert, geben die Antwort selbst, der Gedenkstätte kommt nur das Verdienst zu, diese Quellen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und sie sind es wert, von möglichst vielen Personen gesehen zu werden: nicht nur ihre relative Unbekanntheit (zumindest in Deutschland, in Polen werden sie wohl schon häufiger als Quellen für die historische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg verwendet), sondern auch die kindlich-künstlerische Verarbeitung des Krieges in diesen Bildern machen diese (zugegeben) eher kleine Ausstellung mehr als sehenwert.

Die begleitenden Texte sind auf das Notwendigste beschränkt, die Bilder sollen gleichsam für sich selbst sprechen – und das tun sie. Kurze Hintergrundinformationen zur brutalen deutschen Besatzungspolitik machen deutlich, dass die grausam-grotesken Szenen keineswegs der infantilen Phantasie mit ihrer Vorliebe für brutal-drastische Darstellungen entsprungen sind. Mit den Mitteln des schulischen Kunstunterricht versuchen Kinder (zum Teil noch Erstklässler) auf ihre Art ihren Erlebnissen einen (im kunstgeschichtlichen Sinne) realistischen Ausdruck zu geben. Dass diese Bilder dann eher an die Werke eines George Grosz erinnern als an gegenwärtige Kinderzeichnungen mit einladenden Spitzgiebelhäusern und lachenden Sonnen, ist dem Erfahrungshintergrund der jungen Künstler geschuldet. (Und belegt dialektisch betrachtet wieder einmal, dass George Grosz einer der größten realistischen Maler des 20. Jahrhunderts war, und das gerade weil er die Welt nicht malte, wie sie aussah, sondern wie sie war!)

Nach den traumatischen Erfahrungen der hier ausgestellten Kinder verwundert es nicht, dass das Material auch polnischen Psychologen dabei helfen sollte, mit den Kindern zu arbeiten, um ihnen so ein möglichst normales Leben nach dem Krieg zu ermöglichen. Und hier beginnt auch schon die mehr als spannende Nachgeschichte der Quellen, die die Kuratorin der Ausstellung, Iris Helbing, in ihren einleitenden Worten deutlich machte: Nachdem tausenden von Zeichnungen bei der Zeitung eingegangen waren, ja nachdem selbst ganze Klassen dazu ermuntert worden waren, ihre Erfahrungen zeichnerisch zu Papier zu bringen, wanderte ein Großteil der Bilder in ein polnisches Archiv. 100 von ihnen allerdings kamen, als Dankeschön für die tatkräftige Unterstützung, zu einem Helfer nach Dänemark und wurden nach dessen Tod der polnischen Botschaft in Kopenhagen übergeben – genau die Bilder sind es nun, aus denen die Ausstellung eine Auswahl präsentiert.


Zum Abschluss noch ein paar geschichtsdidaktische Überlegungen: Von der Kuratorin wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Ausstellung besonders für Schulklassen geeignet sei, um sich über die Zeichnungen vermittelt einen Zugang zum Thema Zweiter Weltkrieg zu ermöglichen. Die Grundannahme dabei: Schüler könnten sich eher mit Quellen identifizieren, die von Personen ihres Alters produziert worden seien. Aber ist das wirklich so? Mir scheint das eine noch immer zu wenig untermauerte Annahme vieler geschichtsdidaktischer Projekte sowohl des schulischen Unterrichts als auch außerschulischer Lernorte zu sein. Hier sollten empirische Studien klären, ob es tatsächlich der Fall ist. Und zweitens sollte gefragte werden, ob Identifikation überhaupt das Ziel sein kann …  

Informationen der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße zur Ausstellung

Sonntag, 31. August 2014

Ruf aus der Gruft. Zu Hans-Ulrich Wehlers Essayband "Die Deutschen und der Kapitalismus"

Seinem Freund und Generationsgenossen Habermas entsprechend, der mit seinen immer wieder in Buchform zusammengefassten "Kleinen Schriften" kürzere Beiträge zum Zeitgeschehen publiziert, ist es auch bei Wehler gute Tradition, dass seine verstreut erschienenen Beiträge in regelmäßigen Abständen gebündelt erscheinen. Was der C.H.-Beck-Verlag in Wehlers Todesjahr nun publiziert ist Wehler at his best - und at his worst!

Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.

Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!

Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.

Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!

Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.

Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.

Montag, 4. August 2014

"Wenn man sich nicht von vornherein dagegen sperrt." Zu Helmuth Kiesels Lektüre von Hitlers "Mein Kampf"

Früher habe ich mir die Arbeitsteilung zwischen Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft immer so gedacht: Die LiteraturwissenschaftlerInnen dürfen die schönen Dinge lesen, wohingegen sich die Geschichtswissenschaft mit all dem auseinanderzusetzen hat, was übrigbleibt, was Aufschlüsse über die Funktionsweise von Gesellschaften gibt, was zur Legitimierung von politischen Entscheidungen diente und was in Ideologien wirksam wurde. Dass diese Form der separierten Sphären spätestens seit der Soziologisierung der Literaturwissenschaft (die damit nicht unbedeutend an Relevanz gewann) nicht mehr gilt, ist ebenso wichtig wie begrüßenswert. Zu welchen Folgen es aber führen kann, wenn Literaturwissenschaftler ihren angestammten Bereich der belles lettres verlassen und den Schuttabladeplatz der Literaturproduktion durchsuchen - und vor allem mit den ihr eigenen Methoden analysieren - macht Helmut Kiesel in der heutigen Ausgabe der FAZ deutlich.

Der Autor ist in den letzten Jahren durch seine notorischen Ehrenrettungsversuche für Ernst Jünger aufgefallen, dem er endlich die den flächendeckenden Durchbruch als Schriftsteller verschaffen will, nachdem Jünger selbst in seinem nicht enden wollenden Leben nicht viel mehr zustande gebracht hat, als zahlreiche Umarbeitungen immer desselben Kriegserlebnisses von 1914 bis 1918 mit allem was dazugehört: Blut, Gedärm, der Spaß am Töten und so weiter und so fort. Warum lässt man den über Hundertjährigen nicht endlich das werden, was er sein sollte? Eine Quelle dafür, wie der Erste Weltkrieg in den 1920er Jahren dafür verwendet wurde, den Zweiten vorzubereiten.

Nun geht Kiesel allerdings noch einen Schritt weiter und nimmt sich - uiuiuiu wie verboten - Hitlers "Mein Kampf" camoufliert "in das schwarz-goldene Hochglanzpapier eines Luxusuhrenmagazins" mit auf die Terrasse des Parks eines Ferienhotels und schmiert darin "mit einem moosgrünen Faber-Castell 8B" mit Germanisteneifer herum. Wofür soll man ihn nun mehr schelten? Für die Erwähnung des Luxusuhrenmagazins - die Breitling als letztes Spielzeug des Mannes, dem man die Waffe vorenthält? Für das geschickte Product Placement des Schreibgeräts als Signum der Kulturviertheit? Oder dafür, dass er uns HistorikerInnen vorwirft, das meist ungelesene Buch immer falsch gedeutet zu haben?

Denn - hört hört - Herr Kiesel besitzt ein schier unendliches Einfühlungsvermögen und vermag sich in den Kopf eines potentiellen Hitler-Verehrers hineinzudenken (vielleicht ist das nicht schwer für jemanden, der mehrere Bände Jünger ediert hat) und aus dessen Warte klingt das alles gar nicht mal so abgedroschen, was man bei Hitler zu lesen bekommt. Geschenkt, dem mag so sein, und wer die Geistesgeschichte der 1920er Jahre kennt, der weiß, dass man allenthalben ähnliche Kost zwischen zwei Buchdeckeln erwerben konnte. Dass das alles ungelesen blieb, kann wohl tatsächlich nur schwerlich behauptet werden.

Was folgt, ist eine mit dem propädeutischen Handwerkszeug des Literaturwissenschaftlers vollzogene Untersuchung des Buches mit dem verblüffenden Ergebnis: So schlecht ist es gar nicht...stilistisch gesehen. Auch wenn der Autor (immer niemand anderes als Hitler) sich in Sprachbildern verrenne - worauf es ankomme, sei doch die Wirkung, und auf die verstehe er sich. "Kein Stümper, sondern ein wirkungsbewusster Schreiber", das sei Hitler gewesen, und Kiesel hat es herausgefunden - Heureka!

Kann Kiesel nicht wie alle anderen im Urlaub irgendwelche Regionalkrimis, Herzschmerzgeschichten oder Fantasybücher lesen? Das hätte uns einiges an Ärger (und die Erkenntnis, dass Hitler in den Augen des Germanisten schreiben konnte) erspart. Am Ende geht Kiesel wieder versöhnlich auf die Historiker zu: Gerade weil Hitler so ein stilsicherer Autor war, sei die kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" unbedingt notwendig, um durch geschickte Anmerkungen die Wirkungskraft des Buches zu unterminieren. 

Als hätten Kiesels kommentierten Jünger-Ausgaben die Anziehungskraft dieses rechten Klassikers abgebaut.

Freitag, 1. August 2014

"An die Einwohner Hannovers. Flaggenschmuck heraus!" Ausstellungsbesuch: Heimatfront Hannover. Kriegsalltag 1914-1918 im Historischen Museum Hannover

Der Einstieg ist elegant gewählt: Eine überzeugend kurze biographische Hinführung zum Thema. Eine auf wenige Informationen beschränkte Lebensbeschreibung eines Kriegsfreiwilligen ergänzt durch - und hier ist ein Museum einem Buch überlegen - Artefakte aus dem Besitz des Soldaten. Nähe und Fremde, private Habseligkeiten und große Politik auf dem engen Raum einer Ausstellungsvitrine versammelt. So kann Geschichtsvermittlung funktionieren!

Und sie funktioniert auch in den übrigen Ausstellungsräumen. Die betont zurückhaltenden Informationstafeln stellen die Objekte und Bilder in den Vordergrund. Der Erste Weltkrieg wird nicht isoliert dargestellt, sondern in die allgemeinen Tendenzen des Kaiserreichs - und vor allem auch der am Beginn der Blüte stehenden Stadt Hannover - verortet. Militarismus und Lebensreform - beides Elemente, die die Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert prägten, beide nimmt die Ausstellung auf. Natürlich fragt man sich, was nun das Besondere an Hannover war? Was rechtfertigt für den nicht nur an Lokalgeschichte interessierten Besucher eine Konzentration gerade auf diese Stadt? Vielleicht gerade der Umstand, dass es in Hannover nicht anders war, als andernorts? Dass Hannover gerade beispielhaft für alle deutschen Großstädte gelten kann? Wahrscheinlich, und die in Hannover besonders zelebrierte und in zahlreichen kitschigen Auswüchsen ausgelebte Hindenburg-Begeisterung war hier nur unbedeutend größer als in vergleichbaren Städten, auch wenn der damals schon greise Feldherr ausgerechnet in Hannover lebte und sich zum Ehrenbürger machen und mit einer Villa bedenken ließ.

Die Ausstellung wird dem selbstgesteckten Anspruch gerecht, sich der "Heimatfront" aus den unterschiedlichsten Perspektiven anzunähern. Von den verschiedenen Wegen zur Mobilisierung von Ressourcen - Kriegsanleihen, Spenden und die kriegsbedingte erste Blüte des Recycling-Gedankens -, über die Frage nach den neuen Rollen für Frauen bis hin zum Wandel in der Ausbildung er jungen Rekruten mit einem eigenen dem Schützengrabensystem in Frankreich und Belgien nachgebildeten Übungsfeld in der Vahrenwalder Heide (die für 50 Pfennig auch zu besuchen war; für die Schlachtfeldtouristen, denen der Weg an die Front doch zu gefährlich war?) wird alles gezeigt und durch Objekte veranschaulicht, was von Interesse sein könnte. Und immer wieder kommen dann doch niedersächsische Besonderheiten in den Blick, für die auch der zeitliche Rahmen von 1914-1918 verlassen wird - so bei der Analyse der Werke und vor allem der Instrumentalisierung des Lebens des im Krieg gefallenen Hermann Löns insbesondere im Nationalsozialismus.

Und auch über die lange Zeit angenommene Kriegsbegeisterung kann man sich ein differenzierteres Urteil erlauben. So wurde wird ein Plakat ausgestellt, dass auf rotem Grund die Hannoveraner dazu auffordert, doch endlich den Flaggenschmuck herauszuhängen: "Fort mit der zweifelnden und kleinmütigen Stimmung." Es bedurfte also massiver Propaganda, um das zu erzeugen, was bald schon die "Kriegsbegeisterung" genannt wurde.

Eine sehenswerte Ausstellung mit einem lesenswerten Katalog.

Homepage der Ausstellung

Freitag, 18. Juli 2014

„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg

Überraschend war wohl nur der große Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt, Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot, war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.

Ist die politikwissenschaftliche Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten, aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten, sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen. Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen mitzuteilen haben.

Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter) viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht vor, oder zumindest aber zu kurz.

Warum die Soldaten nicht aufhörten zu kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich argumentierende These, dass man die Perspektive der Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert (was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie widerlegen zu müssen).


Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien. Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards Studie ist.


Freitag, 11. Juli 2014

Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler

Wird auch Wehlers Konzept der Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.

Ganz im Sinne der von Brecht einmal für seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte, sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig. Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender HistorikerInnengenerationen!

Auch wenn die Entwicklung des Faches über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“) noch heute vorbildgebend und Teil des universitären Ausbildungskanons des Faches sein.

Hinterließ Wehler in der Wissenschaft mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein, der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die Diskurse prägte.


Und genau dies scheint mir der Punkt zu sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem (hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei sein.