Sonntag, 31. August 2014

Ruf aus der Gruft. Zu Hans-Ulrich Wehlers Essayband "Die Deutschen und der Kapitalismus"

Seinem Freund und Generationsgenossen Habermas entsprechend, der mit seinen immer wieder in Buchform zusammengefassten "Kleinen Schriften" kürzere Beiträge zum Zeitgeschehen publiziert, ist es auch bei Wehler gute Tradition, dass seine verstreut erschienenen Beiträge in regelmäßigen Abständen gebündelt erscheinen. Was der C.H.-Beck-Verlag in Wehlers Todesjahr nun publiziert ist Wehler at his best - und at his worst!

Dass man sich bei einigen der publizierten Beiträge fragen muss, ob es tatsächlich nottat, diese nochmals zu veröffentlichen - geschenkt! Sei es dem antiquarischen Interesse mancher Wehler-Fans geschuldet, wirklich die gesammelten Werke letzter Hand des Bielefelder Großmeisters irgendwann beisammen zu haben (und seien sie noch so unbedeutend nach dem Datum ihres Erscheinens), sei es weil der Band voll werden musste, und Besseres noch nicht vorlag. Wehlers Rezensionen zu dickleibigen militärgeschichtlichen Publikationen, zu Conzes "Suche nach Sicherheit" oder auch seine Kritik an der Aufgabe des Frias durch die finanzierenden Institutionen mögen launig zu lesen sein, doch rechtfertigt dies nicht die Kodifizierung im Buch.

Die schwächeren Texte im Buch fallen aber gerade deshalb so negativ auf, weil es tatsächlich essayistische Glanzstücke enthält, die nicht nur nicht genug Leser haben können, sondern im Grunde jedem Studierenden der Geschichtswissenschaften ins Stammbuch geschrieben gehören: Die unterschwellige Botschaft der herausragenden Stücke des Bandes ist eindeutig: Lest, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus! Möglichst viel und möglichst genau! Und zweitens: Nutzt das so erworbene Wissen nicht allein, um in eurem Fach zu glänzen, sondern als Hebel zur Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen und Strukturen!

Allen voran ist Wehler erneut ein großer Theoretiker und Kritiker gesellschaftlicher Ungleichheit - und in dieser Rolle mehr als überzeugend. Hier zeigt sich die große Stärke der Bielefelder Sozialgeschichtsschreibung: Dem postmodernen Gerede von sich verflüssigenden Grenzen zwischen Milieus, der Auflösung von Klassenstrukturen und der (schon seit den 1950er Jahren postulierten) Nivellierung hält Wehler mit nicht müde werdender Vehemenz die Beständigkeit von Klassen vor! Akribisch rechnet er die Einkommens- und insbesondere die Vermögensunterschiede zwischen ganz oben und ganz unten vor - die sich keinesfalls mit der Zeit 'nivellierten', sondern ganz im Gegenteil noch weiter wachsen.

Und auch an anderer Stelle, dem namengebenden Aufsatz des Sammelbandes, macht Wehler eindrücklich deutlich, was das Wissen um die Geschichte für die Gegenwart bedeuten kann. Gibt es einen deutschen Sonderweg des Kapitalismus? Wie sah der aus? Und warum wurde er durch das anglo-amerikanische Laissez-Faire des Neoliberalismus ersetzt? Die deutsche Tradition der staatlichen Einhegung des Kapitalismus vom Kameralismus bis zum Ordoliberalismus durchschreitet Wehler in einem wirtschaftstheoretischen Parforceritt. Gerade bei derart komplexen Zusammenhängen fällt auf, dass der Klappentext nicht übertreibt, wenn er Wehler als Essayisten "von Rang" kennzeichnet. Genau das ist er, und hier macht er deutlich warum: Pointierte Darstellung verbindet sich mit ungeheurer Belesenheit und Meinungsstärke und einem Quentchen Streitlust zu einem selten gewordenem Amalgam!

Ein wenig beruhigt dann auch die erneute Lektüre des Wehler'schen Eingreifens in die Sarrazin-Debatte: Wehler wird in der Nachbetrachtung häufig als Verteidiger Sarrazins beschrieben, umso erfreulicher ist aber nun nochmals lesen zu können, dass er dessen biologistische Thesen als genau das brandmarkt, was sie sind: Blanker, sich wissenschaftlich gerierender Blödsinn für eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht! Dass er versucht, die um diesen kruden Thesenhaufen enstandene Diskussion dazu zu nutzen, über Ungleichheit und Migration öffentlich debattieren zu wollen, kann ihm allerdings als problematische Annäherung an einen noch problematischeren Gewährsmann vorgeworfen werden.

Mit diesem letzen Ruf aus der Gruft macht Wehler nochmals deutlich, was die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit ihm verloren hat.

Montag, 4. August 2014

"Wenn man sich nicht von vornherein dagegen sperrt." Zu Helmuth Kiesels Lektüre von Hitlers "Mein Kampf"

Früher habe ich mir die Arbeitsteilung zwischen Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft immer so gedacht: Die LiteraturwissenschaftlerInnen dürfen die schönen Dinge lesen, wohingegen sich die Geschichtswissenschaft mit all dem auseinanderzusetzen hat, was übrigbleibt, was Aufschlüsse über die Funktionsweise von Gesellschaften gibt, was zur Legitimierung von politischen Entscheidungen diente und was in Ideologien wirksam wurde. Dass diese Form der separierten Sphären spätestens seit der Soziologisierung der Literaturwissenschaft (die damit nicht unbedeutend an Relevanz gewann) nicht mehr gilt, ist ebenso wichtig wie begrüßenswert. Zu welchen Folgen es aber führen kann, wenn Literaturwissenschaftler ihren angestammten Bereich der belles lettres verlassen und den Schuttabladeplatz der Literaturproduktion durchsuchen - und vor allem mit den ihr eigenen Methoden analysieren - macht Helmut Kiesel in der heutigen Ausgabe der FAZ deutlich.

Der Autor ist in den letzten Jahren durch seine notorischen Ehrenrettungsversuche für Ernst Jünger aufgefallen, dem er endlich die den flächendeckenden Durchbruch als Schriftsteller verschaffen will, nachdem Jünger selbst in seinem nicht enden wollenden Leben nicht viel mehr zustande gebracht hat, als zahlreiche Umarbeitungen immer desselben Kriegserlebnisses von 1914 bis 1918 mit allem was dazugehört: Blut, Gedärm, der Spaß am Töten und so weiter und so fort. Warum lässt man den über Hundertjährigen nicht endlich das werden, was er sein sollte? Eine Quelle dafür, wie der Erste Weltkrieg in den 1920er Jahren dafür verwendet wurde, den Zweiten vorzubereiten.

Nun geht Kiesel allerdings noch einen Schritt weiter und nimmt sich - uiuiuiu wie verboten - Hitlers "Mein Kampf" camoufliert "in das schwarz-goldene Hochglanzpapier eines Luxusuhrenmagazins" mit auf die Terrasse des Parks eines Ferienhotels und schmiert darin "mit einem moosgrünen Faber-Castell 8B" mit Germanisteneifer herum. Wofür soll man ihn nun mehr schelten? Für die Erwähnung des Luxusuhrenmagazins - die Breitling als letztes Spielzeug des Mannes, dem man die Waffe vorenthält? Für das geschickte Product Placement des Schreibgeräts als Signum der Kulturviertheit? Oder dafür, dass er uns HistorikerInnen vorwirft, das meist ungelesene Buch immer falsch gedeutet zu haben?

Denn - hört hört - Herr Kiesel besitzt ein schier unendliches Einfühlungsvermögen und vermag sich in den Kopf eines potentiellen Hitler-Verehrers hineinzudenken (vielleicht ist das nicht schwer für jemanden, der mehrere Bände Jünger ediert hat) und aus dessen Warte klingt das alles gar nicht mal so abgedroschen, was man bei Hitler zu lesen bekommt. Geschenkt, dem mag so sein, und wer die Geistesgeschichte der 1920er Jahre kennt, der weiß, dass man allenthalben ähnliche Kost zwischen zwei Buchdeckeln erwerben konnte. Dass das alles ungelesen blieb, kann wohl tatsächlich nur schwerlich behauptet werden.

Was folgt, ist eine mit dem propädeutischen Handwerkszeug des Literaturwissenschaftlers vollzogene Untersuchung des Buches mit dem verblüffenden Ergebnis: So schlecht ist es gar nicht...stilistisch gesehen. Auch wenn der Autor (immer niemand anderes als Hitler) sich in Sprachbildern verrenne - worauf es ankomme, sei doch die Wirkung, und auf die verstehe er sich. "Kein Stümper, sondern ein wirkungsbewusster Schreiber", das sei Hitler gewesen, und Kiesel hat es herausgefunden - Heureka!

Kann Kiesel nicht wie alle anderen im Urlaub irgendwelche Regionalkrimis, Herzschmerzgeschichten oder Fantasybücher lesen? Das hätte uns einiges an Ärger (und die Erkenntnis, dass Hitler in den Augen des Germanisten schreiben konnte) erspart. Am Ende geht Kiesel wieder versöhnlich auf die Historiker zu: Gerade weil Hitler so ein stilsicherer Autor war, sei die kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" unbedingt notwendig, um durch geschickte Anmerkungen die Wirkungskraft des Buches zu unterminieren. 

Als hätten Kiesels kommentierten Jünger-Ausgaben die Anziehungskraft dieses rechten Klassikers abgebaut.

Freitag, 1. August 2014

"An die Einwohner Hannovers. Flaggenschmuck heraus!" Ausstellungsbesuch: Heimatfront Hannover. Kriegsalltag 1914-1918 im Historischen Museum Hannover

Der Einstieg ist elegant gewählt: Eine überzeugend kurze biographische Hinführung zum Thema. Eine auf wenige Informationen beschränkte Lebensbeschreibung eines Kriegsfreiwilligen ergänzt durch - und hier ist ein Museum einem Buch überlegen - Artefakte aus dem Besitz des Soldaten. Nähe und Fremde, private Habseligkeiten und große Politik auf dem engen Raum einer Ausstellungsvitrine versammelt. So kann Geschichtsvermittlung funktionieren!

Und sie funktioniert auch in den übrigen Ausstellungsräumen. Die betont zurückhaltenden Informationstafeln stellen die Objekte und Bilder in den Vordergrund. Der Erste Weltkrieg wird nicht isoliert dargestellt, sondern in die allgemeinen Tendenzen des Kaiserreichs - und vor allem auch der am Beginn der Blüte stehenden Stadt Hannover - verortet. Militarismus und Lebensreform - beides Elemente, die die Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert prägten, beide nimmt die Ausstellung auf. Natürlich fragt man sich, was nun das Besondere an Hannover war? Was rechtfertigt für den nicht nur an Lokalgeschichte interessierten Besucher eine Konzentration gerade auf diese Stadt? Vielleicht gerade der Umstand, dass es in Hannover nicht anders war, als andernorts? Dass Hannover gerade beispielhaft für alle deutschen Großstädte gelten kann? Wahrscheinlich, und die in Hannover besonders zelebrierte und in zahlreichen kitschigen Auswüchsen ausgelebte Hindenburg-Begeisterung war hier nur unbedeutend größer als in vergleichbaren Städten, auch wenn der damals schon greise Feldherr ausgerechnet in Hannover lebte und sich zum Ehrenbürger machen und mit einer Villa bedenken ließ.

Die Ausstellung wird dem selbstgesteckten Anspruch gerecht, sich der "Heimatfront" aus den unterschiedlichsten Perspektiven anzunähern. Von den verschiedenen Wegen zur Mobilisierung von Ressourcen - Kriegsanleihen, Spenden und die kriegsbedingte erste Blüte des Recycling-Gedankens -, über die Frage nach den neuen Rollen für Frauen bis hin zum Wandel in der Ausbildung er jungen Rekruten mit einem eigenen dem Schützengrabensystem in Frankreich und Belgien nachgebildeten Übungsfeld in der Vahrenwalder Heide (die für 50 Pfennig auch zu besuchen war; für die Schlachtfeldtouristen, denen der Weg an die Front doch zu gefährlich war?) wird alles gezeigt und durch Objekte veranschaulicht, was von Interesse sein könnte. Und immer wieder kommen dann doch niedersächsische Besonderheiten in den Blick, für die auch der zeitliche Rahmen von 1914-1918 verlassen wird - so bei der Analyse der Werke und vor allem der Instrumentalisierung des Lebens des im Krieg gefallenen Hermann Löns insbesondere im Nationalsozialismus.

Und auch über die lange Zeit angenommene Kriegsbegeisterung kann man sich ein differenzierteres Urteil erlauben. So wurde wird ein Plakat ausgestellt, dass auf rotem Grund die Hannoveraner dazu auffordert, doch endlich den Flaggenschmuck herauszuhängen: "Fort mit der zweifelnden und kleinmütigen Stimmung." Es bedurfte also massiver Propaganda, um das zu erzeugen, was bald schon die "Kriegsbegeisterung" genannt wurde.

Eine sehenswerte Ausstellung mit einem lesenswerten Katalog.

Homepage der Ausstellung

Freitag, 18. Juli 2014

„Treffen sich fünf zur Kneipenschlägerei und einer hat 'nen Baseballschläger dabei …“ Zu einem Vortrag Herfried Münklers zum Ersten Weltkrieg

Überraschend war wohl nur der große Andrang, den Münkler generieren konnte. Der Saal war überbesetzt, Zwischenwände mussten entfernt werden, um so mehr Raum für die unablässig nachströmenden Zuhörer zu schaffen. Was Münkler bot, war dann ein Extrakt seines augenblicklichen Sachbuchbestsellers, ein amüsantes Potpourri aus Anekdoten und pointiert zugespitzten Geschichten und für den Orientierungswilligen gab es gleich noch ein paar Lehren für die Gegenwart mit auf den Weg.

Ist die politikwissenschaftliche Perspektive schuld? Schuld daran, dass Münkler im freien Vortrag sehr viel über das Erleben von Politikern und militärischen Eliten, aber wenig über den Rest der Gesellschaft auszusagen weiß? Anstatt Wehler (Max Weber habe ihn selig!) die Kritik am eigenen Buch vorzuhalten und seinen Tod als gerechte Strafe für diesen Verriss zu bewerten (Münkler hat also nicht nur Kontakt zum Bundespräsidenten, sondern offenbar auch nach ganz oben), hätte er sich vielleicht doch eher in dessen Konzepte zur Sozialgeschichte einarbeiten sollen. Nicht, um dann die inzwischen angestaubten Thesen vom Deutschen Sonderweg zu wiederholen, sondern vielleicht um anzuerkennen, dass zur Geschichte – auch im Krieg – mehr gehört als das, was Generäle, Monarchen und Diplomaten sich untereinander in Depeschen mitzuteilen haben.

Ohne mit der Wimper zu zucken, kehrt Münkler zur positivistischen Politikgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zurück, fragt wenig nach sozialen Strukturen und schon gar nicht nach kulturell wirksamen Phänomenen, sondern bleibt da stehen, wo es eigentlich interessant wird. Das Gleich ließe sich auch über seine Art der Militärgeschichtsschreibung sagen: Eigenartig blutleer – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren die überraschend zufriedenen Zuhörer (zumeist im fortgesetzten Alter) viel über Taktik, Schlachtplanungen und Verbesserungen der Kriegstechnik. Die neueren Ansätze der Militärgeschichte, die diesen Forschungsbereich aus der selbst gewählten Isolation technikaffiner Panzerfreunde geführt haben, kommen überhaupt nicht vor, oder zumindest aber zu kurz.

Warum die Soldaten nicht aufhörten zu kämpfen, fragt Münkler, und beantwortet die Frage mit taktischen Lernprozessen auf Offiziersebene, die dann doch irgendwie so erfolgreich gewesen seien, dass man meinte, das Weiterkämpfen lohne sich - und werde belohnt. Leonhards durchaus überzeugende, kulturgeschichtlich argumentierende These, dass man die Perspektive der Schützengrabenkameradschaft für die Fortsetzung des Krieges nicht außer acht lassen darf, wird von Münkler nicht einmal diskutiert (was praktisch ist, erspart man sich doch so die Notwendigkeit, sie widerlegen zu müssen).


Münkler kommt das Verdienst zu, sowohl in seinem Buch als auch bei seinem Vortrag gewinnend erzählen zu können und so viele Menschen für historische Themen – wie eben den Ersten Weltkrieg – zu interessieren. Dass er diese Erzählung mit kurzschlüssigen Aktualisierungen würzt – geschenkt, so läuft das Geschäft des Geisteswissenschaftlers auf dem Basar der Medien. Nichts desto trotz teile ich Wehlers Einsicht, dass das Buch, das wirklich als der wichtigste Beitrag zum 100jährigen Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden kann, Leonhards Studie ist.


Freitag, 11. Juli 2014

Geschichte und Gesellschaft – Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler

Wird auch Wehlers Konzept der Gesellschaftsgeschichte augenblicklich als weit weniger einflussreich für die Geschichtswissenschaft beschrieben, als seine mediale Präsenz es vermuten lässt, so muss doch festgestellt werden, dass er Meilensteine hinterlassen hat, die bleiben werden.

Ganz im Sinne der von Brecht einmal für seinen eigenen Grabstein eingeforderten Inschrift: „Er hat Vorschläge gemacht“, kann diese so bescheiden wirkende Formulierung auch für Wehler gelten. Nur hat Wehler nicht nur Vorschläge gemacht, wie die Geschichtswissenschaft sich aus den obrigkeitshörigen Gefilden der Politikgeschichte lösen könnte, sondern er verteidigte diese ebenso wortgewaltig wie streitlustig. Dafür gebührt ihm noch heute der Dank nachrückender HistorikerInnengenerationen!

Auch wenn die Entwicklung des Faches über zahlreiche der von Wehler postulierten Maximen hinweggegangen sein mag, auch wenn seine Art der Geschichtsschreibung von den Strukturen her vielen als blut- und menschenleer erscheinen mag, so sollten sein Fleiß, seine Belesenheit, seine theoretische Reflexion des eigenen Standpunkts (oder nach Chladenius des „Sehe-Punktes“) noch heute vorbildgebend und Teil des universitären Ausbildungskanons des Faches sein.

Hinterließ Wehler in der Wissenschaft mit seinen Schriften, programmatischen Sammelbänden, die den Weg zu interdisziplinären Arbeit mit den benachbartern Sozialwissenschaften ebneten, und nicht zuletzt mit dem sozialgeschichtlichen Meilenstein, der fünfbändigen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, einen tiefen Fußabdruck, so war er doch gleichzeitig darüber hinaus ein Akteur in zahlreichen der gesellschaftspolitischen Debatten der neuen und alten Bundesrepublik: von Historikerstreit über EU-Beitritt der Türkei bis hin zur fortdauernden sozialen Ungleichheit, die dem eigentlich am Modernisierungsparadigma hängenden Wissenschaftler den damit verbundenen Fortschrittglauben eintrübte. Mag man auch nicht allen diesen Debatten mit Wehler einer Meinung gewesen sein, was festzuhalten bleibt, ist, dass er ein Historiker war, dessen Meinung gehört wurde, der den Raum bekam, sie kundzutun und der so die Diskurse prägte.


Und genau dies scheint mir der Punkt zu sein, der mit dem Tode Wehlers noch einmal ganz besonders deutlich wird: Es ist wohl davon auszugehen, dass Wehler der letzte unserer Zunft war, den man bei dessen Tod mit ganzseitigen Nachrufen auf der ersten Seite des Feuilletons bedenken dürfte – einzig der telegene Geschichtslehrer der Nation, Guido Knopp, dürfte bei seinem (hoffentlich noch lange nicht eintretenden Ableben) ein derartiges Medienecho bewirken. Gerade der Tod Wehlers und die mediale Reaktion wird somit nochmals zu einem letzten Symbol der vergangenen Deutungsmacht der Geschichtswissenschaft und ihrer Protagonisten. Mit Wehler dürfte diese debattenprägende Kraft der Zunft (trotz aller Kleinkriege um den Beginn des Ersten Weltkriegs) endgültig vorbei sein.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Im Archiv

Eine der zum Klischee geronnenen Geschichten des Historikerdaseins ist die spannungsreiche Beziehung zwischen Archivar und Wissenschaftler. Zahlreiche Anekdoten ranken sich um Erlebnisse mit mürrischen Archivaren, die ihre Dokumente hüten wie ihr eigenes Kind und niemandem den Blick auf sie gestatten wollen – von Wünschen nach Reproduktionen oder anderen Ungehörigkeiten ganz zu schweigen. Und dann noch die Räuberpistolen der Kollegen, die sich auf die osteuropäische Geschichte spezialisiert haben und die davon zu berichten wissen, wie man sich langsam die Gunst des Archivars ertrank oder wie der mit Forschungsmitteln gut ausgestattete Ivy-League-Historiker einen Geldkoffer über den Tresen des Archivs schob und so Unterlagen zu sehen bekam, die zuvor noch als nicht mehr existent oder gar als nie da gewesen beschrieben wurden. (Womit sollte man da dagegenhalten? Damit, dass man sich schon mal die Finger in einem Archiv in einer niedersächsischen Provinzstadt verletzt hat? Ein glatter Schnitt mit einem Papier, der allerdings nicht genäht werden musste.)

Die tatsächlichen Erlebnisse im Archiv nehmen sich neben derart ruchlosen Räuberpistolen eher harmlos aus; sie beginnen damit, dass man eine Archivalie bestellt, deren Kurzbeschreibung und Betitelung genau das Dokument versprachen, auf das man seit Beginn der eigenen Recherchen gehofft hat. Und dann kommt der Bestellzettel mit dem Vermerk zurück, dass genau diese Mappe seit 2008 verschollen sei. Oder aber: Man bekommt das Konvolut ausgehändigt und muss feststellen, dass der Autor der Inhaltsangabe des Dokuments entweder ein gerüttelt Maß an Phantasie hat walten lassen, dass er andere Dinge hinter den von dir gesuchten Begriffen versteht oder aber dass die eigene Schlagwortsuche einfach nicht zu dem passt, was man erforschen möchte. Und da sitzt man da mit seinen wenig informativen Papieren – eine Situation, die noch durch zweierlei Beobachtungen verstärkt wird:

  1. Zum einen gibt es immer den einen älteren Herren, der ebenfalls im Archiv arbeitet, die dicksten Aktenkonvolute vor sich liegen hat, die wahnsinnig spannende Titel tragen und als wollte er sich über dich lustig machen auch in schierer Forscherleidenschaft notiert, blättert und seinem Entdeckerstolz (im Rahmen des im Archiv Schicklichen) freien Lauf lässt. Während er also voller Begeisterung die Geschichte umschreibt, sitzt du vor Zahlenkolonnen, belanglosen Briefwechseln, in denen Lieferant und Einzelhändler um die letzte Stelle hinterm Komma feilschen, und Unternehmenshagiographien, in denen man sich mutig selbst beweihräuchert.
  2. Zum anderen hat man nur diese Unterlagen für die nächsten zwei Stunden – erst dann wird wieder ausgehoben. Vielleicht hat man dann ja mehr Glück...was macht man solange? Man schreibt Blogeinträge.


Staatsarchiv Osnabrück am 27.05.2014

Montag, 19. Mai 2014

Zeitgeschichte der Gefühle. Aus geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften I.

Zu Bernhard Gottos Aufsatz, Enttäuschung als Politikressource. Zur Kohäsion der westdeutschen Friedensbewegung in den 1980er Jahren, in: VfZ 62 (2014), H.1, S. 1-33.

Auch wenn die eigenen Zeitressourcen im Grunde gänzlich durch die für die eigene Arbeit thematisch relevante Literatur in Anspruch genommen werden, nimmt man sich doch hin und wieder die Zeit, in die aktuellen geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften zu schauen. Nur so kann man sehen, was aktuell diskutiert wird, worüber das eigene Fach sich augenblicklich gerade streitet und welche methodischen Neuerungen en vogue sind. Heute nehmen wir uns Bernhard Gottos Aufsatz zur Gefühlslage der Friedensbewegung vor.

Um sich dem Gefühlshaushalt dieser Neuen Sozialen Bewegung zu nähern verwendet Gotto den Begriff der Enttäuschung. Anders jedoch als die klassische Niedergangsgeschichte der Friedensbewegung belässt es Gotto nicht bei einer reinen chronologischen Abfolge von Euphorie zu Beginn und allgemeiner Enttäuschung nach dem Stationierungsbeschluss 1983 und dem folgenden Absinken der Friedensbewegung in der Bedeutungslosigkeit. Theoretisch reflektiert und empirisch differenziert fragt er vielmehr nach unterschiedlichen Formen von Enttäuschung bei verschiedenen ProtagonistInnen und vor allem nach unterschiedlichen Gründen für eben dieses Gefühl.

Unter Verwendung der koselleckschen Begrifflichkeiten von "Erfahrungsraum" und "Erwartungshorizont" (die trotz ihres nunmehr beinahe vierzigjährigen Bestands im fachwissenschaftlichen Diskurs noch immer nichts an ihrem analytischen Potential eingebüßt haben) definiert Gotto die Enttäuschung als Inkongruenz zwischen den Erwartungen und den dann gemachten Erfahrungen. Nach Akteursgruppen unterschieden macht Gotto diese Inkongruenz nun jeweils unterschiedlich fest: Der rührige Aktivist sah sich in der geringen Aktivität der beim Ostermarsch Mitlaufenden enttäuscht; diese wiederum enttäuschten die überspannte Erwartungshaltung der OrganisatorInnen und die Autonomen vermerkten enttäuscht, dass die Proteste zu wenig radikal gewesen seien, sondern sich zu Kaffeekränzchen mit allerlei Prominenz auswuchsen.

Ist diese Feststellung noch nicht sonderlich überraschend (aber durchaus überzeugend empirisch und quellennah herausgearbeitet), so geht Gotto noch einen Schritt weiter und analysiert nun, wie in der Friedensbewegung selbst mit diesen Enttäuschungserfahrungen umgegangen wurde - und hier zeigte sich die Friedensbewegung als äußerst erfolgreich im Gefühlsmanagement. Um die Enttäuschung nicht überhand nehmen und sie vor allem nicht in Resignation (und damit Untätigkeit, den sicheren Tod einer jeden Bewegung) umschlagen zu lassen, musste entweder produktiv mit diesem Gefühl umgegangen oder aber die Enttäuschung per se negiert werden. Drei Strategien werden von Gotto genannt, um mit den Enttäuschungen umzugehen; unter dem Stichwort "Autoimmunisierung" beschreibt Gotto Maßnahmen der (nachträglichen) Neudefinition der eigentlichen Ziele, die nun unter den eigentlich angesetzten lagen. Aus der Verhinderung von Stationierungen wurde so der "erste Schritt zur Entmilitarisierung der Gesellschaft", der durch die Proteste gegangen worden sei. Statt der "Dringlichkeit", die die Rhetorik der Friedensbewegung in ihrem Beginn bestimmte, wurde der "lange Atem", der noch benötigt werde, um den Frieden zu erreichen. Aus dem Ziel der Veränderung der Gesellschaft wurde das Ziel der Veränderung des eigenen Selbst durch die Erfahrungen des gemeinsamen Protests.

Gottos Analyse der Enttäuschung in der Friedensbewegung ist in seiner analytischen Klarheit und der gewählten theoretischen Zugangsweise mehr als überzeugend und im besten Sinne thought provoking. Insbesondere der Hinweis darauf, dass man für die 1980er nicht nur von einem "Wandel des Politischen" sprechen sollte, sondern gleichzeitig auch fragen sollte, wie sich die Akteure selbst veränderten, sollte Eingang finden in die Zeitgeschichtsschreibung dieses Jahrzehnts, das augenblicklich noch historiographisch vermessen wird. Gottos Zugang über eine Zeitgeschichte der Gefühle setzt dazu einen diskussionswürdigen Startpunkt.