Montag, 12. Mai 2014

Der Krieg in der Region: Mobilisierung, Sinnstiftung und Trauer in der niedersächsischen Provinz und darüber hinaus. Tagungsbericht zu: „Kriegsbeginn im Norddeutschland. Zur Herausbildung einer 'Kriegskultur' 1914/15 in transnationaler Perspektive. Tagung in Wilhelmshaven vom 8. bis 10. Mai 2014“

Was hat der Nordwesten Deutschlands mit dem Ersten Weltkrieg zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel, fanden doch die berühmten und allein schon durch ihre schieren Opferzahlen geschichtsträchtigen Schlachten anderswo statt. Dass aber auch das Gebiet des heutigen Niedersachsens und Bremens vom Krieg beeinflusst wurde, ja dass auch hier das festzustellen ist, was die französische Historiographie „Kriegskultur“ zu nennen beginnt, war Thema der diesjährigen Tagung des Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. Dankenswerterweise beließen es die OrganisatorInnen (Prof. Dr. Cornelia Rauh, Prof. Dr. Dirk Schumann und Prof. Dr. Arnd Reitemeier) nicht bei der norddeutschen Nabelschau, sondern versuchten auch darüber hinausgehende Perspektiven in die Diskussion mit einzubeziehen. Dass das zuweilen trostlos wirkende Wilhelmshaven – insbesondere bei andauerndem Regenwetter – gar nicht so zufällig als Tagungsort gewählt wurde, wie es zunächst in den Anschein hatte, wurde deutlich, sobald man nähere Informationen zur überaus kriegerischen Geschichte der Stadt erhalten hatte.

Schon in der Einführung durch DIRK SCHUMANN und ARND REITEMEIER wurde deutlich, worum es der Tagung ging. Man wolle dem Vorwurf entgegenwirken, der der Landesgeschichte häufig gemacht werde: Nicht die selbstgenügsame Betrachtung des eigenen Umfelds, sondern die Einbettung der hiesigen Entwicklungen ins große Ganze, so das überaus überzeugend vorgebrachte Anliegen! Auch wenn das lange Zeit dominierende Bild der Kriegseuphorie im August 1914 durch zahlreiche Forschungen relativiert worden sei, so muss doch gefragt werden, wie sich in den ersten Monaten des Kriegs das ausprägen konnte, was den Krieg ermöglichte und das Durchhalten trotz hoher Verluste, Nahrungsmittelengpässen und sinkendem Lebensstandard gewährleistete. Wie entstand und was zeichnete die sogenannte „Kriegskultur“ im nordwestdeutschen Raum aus und wie lassen sich diese Befunde mit anderen Regionen vergleichen? Fünf Schneisen sollten den Weg zur Beantwortung dieser Fragen ebnen: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft, Stadt, Medizin und Geschlecht, Trauer und Deutungen.

ANTJE STRAHL eröffnete die Sektion zur ländlichen Gesellschaft mit einem Vortrag über die Situation der mecklenburgischen Landwirtschaft in den ersten Kriegsjahren. Die dortige Situation kennzeichneten dabei vor allem zwei Problemlagen: Das Fehlen von arbeitsfähigen Männern und zweitens der Mangel an Arbeitspferden. Konnte das erste Problem noch durch den Einsatz von Kriegsgefangenen teilweise gelöst werden, gab es keinen Ersatz für die tierischen Helfer in der Landwirtschaft, die vom Militär benötigt wurden.

Weiter nach Osten führte der Vortrag von STEPHAN LEHNSTAEDT. Der ausgewiesene Kenner der polnischen Geschichte fragte nach der Situation im besetzten Polen und den Hoffnungen, die sich die deutsche Verwaltung mit der Eroberung dieser „Kornkammer“ machten. Dass sich diese Hoffnungen trotz brutalster Maßnahmen, die zu Hunger in der polnischen Bevölkerung führte, nie erfüllten, konnte Lehnstaedt äußerst überzeugend darstellen.

So interessant beide Vorträge für sich genommen auch waren, muss dennoch gefragt werden, inwieweit sie dazu taugen, neue Einsichten in die „Kriegskultur“ im ländlichen Raum zu werfen. Es bleibt letztlich unklar, warum die Not in Mecklenburg zwar allgemein spürbar war, der Krieg aber offenbar nicht infrage gestellt wurde. Für das polnische Beispiel könnte vielleicht argumentiert werden, dass erst die "Kriegskultur" erlaubte, auch auf Kosten einer Notlage der einheimischen Bevölkerung weiter an den Export der dort produzierten Nahrungsmittel zu denken.

Vom Land ging es direkt in die Stadt, genauer zunächst nach Münster. In seinem theoretisch dichten und thesenstarken Vortrag analysierte CHRISTOPH NÜBEL die Situation in dieser westfälischen Stadt in den Jahren 1914 und 1915. Schon in der gewählten Fragestellung machte Nübel deutlich, dass er die Vorgaben der TagungsorganisatorInnen auf sein konkretes Beispiel anzuwenden wusste: Den Begriff der Mobilisierung verwendend gelang es ihm, aufzuzeigen, wie sich die Stadtgesellschaft innerhalb kürzester Zeit auf die Kriegssituation einstellte. Gleichzeitig stellte Nübel die Zentralität des Opferbegriffs heraus und verknüpfte diesen gekonnt mit den drei von ihm gewählten Analysekategorien Sicherheit, Ausnahmezustand und Burgfrieden. Insgesamt machte er deutlich, welche Potentiale sich ergeben, lässt man sich auf die Tagungsgrundlagen ein, kann diese durch eigene theoretische Zugänge erweitern und verfügt schließlich noch über ausreichend Quellen, um die Befunde empirisch zu untermauern.

DIANA SCHWEITZER wählte für das Beispiel Lübeck einen anderen Zugang. Ausgehend von dem Befund, dass es in dieser Stadt 1918 keine Revolution gegeben habe, fragte sie, ob schon zu Beginn des Krieges Unterschiede zu anderen vergleichbaren Städte gebe, die deren Fehlen erklären könne. Leider waren Schweitzers Forschungen noch nicht so weit fortgeschritten, als dass sich Antworten auf diese durchaus interessante Frage finden ließen – die gleichzeitig wohl immer mit den Problemen konfrontiert sein wird, die kontrafaktische Geschichtsbetrachtungen nun einmal nach sich ziehen. Zu belegen, warum etwas nicht eintrat, wird immer schwieriger und vor allem spekulativer sein, als nachzuvollziehen, wie es denn eigentlich gewesen.

Den ersten Tagungsort krönte ROGER CHICKERING mit einem fulminanten Abendvortrag, der erneut bewies, warum der amerikanische Historiker zu einem der besten Kennern der deutschen Geschichte gehört. In seinem kurzweiligen Vortrag ging er der Frage nach, ab wann der Erste Weltkrieg als „totaler Krieg“ zu bezeichnen sei – wenn er es überhaupt war! Wie es sich für einen differenzierten Vortrag gehört, bot Chickering für diese Frage verschiedene Antworten an: Mit der Remobilisierung in den letzten Kriegsjahren, mit dem Begehen der Kriegsgreuel (von den Deutschen in Belgien und den Russen in Ostpreußen) oder – und damit ganz im Sinne der Tagung – schon in den ersten Monaten des Krieges, im „langen Jahr 1915“. Schon hier sei eine Radikalisierung und Intensivierung der Kriegsführung festzustellen, deren sichtbarer Ausdruck die Einführung des Stahlhelms wurde. Schon derart früh ließ sich der Einsatz militärischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung feststellen. Schon von da an wurde auch die Heimat in den Dienst des Krieges gestellt. Eher ernüchtert konnte Chickering in Anbetracht all dessen jedoch feststellen, dass dies allesamt keine neuen Elemente des industrialisierten Krieges des 20. Jahrhundert waren, sondern schon vorher feststellbar waren. Darüber hinaus gab er durchaus zu, dass die Frage an sich schon müßig ist – sofern sie auf Totalität des Krieges als Zustand abzielt. Was Chickering stattdessen vorschlug, war die Betrachtung vom „totalen Krieg“ als Prozess, es ging ihm also mehr um Totalisierung des Krieges.

Das erste Panel des zweiten Tagungstages war weiterhin dem Kriegsausbruch und den Reaktionen in den Städten gewidmet. Diesmal wurde allerdings ein ganz spezielles Milieu in den Blick genommen: Die Universität. HARALD LÖNNECKER präsentierte einen umfangreichen Quellenkorpus mit Feldpostbriefen korporierter Studenten, die an ein studentisches Kriegsarchiv gesendet worden waren. Insbesondere der Befund, dass diese Studierenden gewohnte Begrifflichkeiten und Sinndeutungen verwendeten, um die unermesslichen Schrecken des Krieges zu erklären, konnte überzeugen. Aus dem Krieg wurde so letztlich eine Mensur anderer Art!

TRUDE MAURER wählte für ihren Vortrag, der sich ebenfalls mit dem akademischen Milieu auseinandersetzte, einen komparativen Ansatz. Während sich deutsche Universitätslehrer als Teil der kämpfenden Nation darzustellen bemühten und ihren Teil für den Kriegsdienst zu leisten, war das Bild in Russland ein anderes. Hier war die Trennung zwischen Volk und Intelligenzja größer. Zwar sah man sich in den Zielen gleich, doch wollte man die Trennung zwischen Volk und Akademikern aufrecht erhalten.

Der dritte Vortrag dieses Panels verließ die Universität und wandte sich der Sommerfrische zu. Während des Ausbruchs des Krieges wurden die zuvor in ganz Europa – und auch darüber hinaus – Geschäftskontakte unterhaltende Familie Kahan-Rosenberg im Deutschen Reich als Angehörige einer feindlichen Nation angesehen und deshalb mit Einschränkungen versehen, so VERENA DOHRN in ihrem Beitrag. Die gebildete und vermögende weitverzweigte jüdische Industriellenfamilie ließ sich davon aber nicht in ihren sommerlichen Urlaubsplänen beeinflussen – und damit war sie nicht alleine. Die Vorstellung, dass mitten im von Chickering so differenziert analysierten „totalen Krieg“ derartige Momente von „Normalität“ möglich waren, wäre sicher der weiteren Diskussion wert. Sowohl um den Alltag in der Heimat besser zu verstehen, als auch um die Definition des Konzepts vom „totalen Krieg“ zu schärfen.

Direkt von der Sommerfrische ging es nun ins Krankenhaus beziehungsweise ins Lazarett. In einem beispielhaften (von MARIA HERMES zur Psychiatrie in Bremen) und einem diskursgeschichtlichen Vortrag (von SUSANNE MICHL) wurde den Deutungen von Ärzten nachgegangen, die mit kriegsbedingten Störungen zu tun bekamen. Hermes machte deutlich, wie in den Krankenakten zu erkennen ist, dass sich die behandelnden Ärzte vor allem „sozialdarwinistischer Erklärungsmuster“ zu Beschreibung der psychischen Krankheiten befleißigten, wohingegen dem Krieg nur eine kleine Rolle bei deren Ausbruch zugeschrieben wurde. Michl machte am Beispiel von Geschlechtskrankheiten und Kriegspsychosen Unterschiede in der Bewertung deutscher und französischer Ärzte aus.

Im Panel zum Thema Trauer hielt CHRISTOPH RASS den am heftigsten diskutierten Vortrag. Die Kontroversen ergaben sich weniger aus den Befunden zum „Sterbegeschehen“ in Osnabrück während des Krieges, die – sehr zum Erstaunen des Referenten im Plenum und auch vom Kommentator – als erwartbar, ja im Grunde bekannt angesehen wurden, sondern wegen der verwendeten Methodik. Rass stützte sich auf Verzeichnisse von Toten aus dem Krieg, wertete diese Totenmeldungen statistisch aus und so gelang es ihm, für Osnabrück genau nachzuzeichnen, wann viele Soldaten aus welchen Stadtbezirken starben und welcher Klasse diese angehörten. Diese sozialstatistische Auswertung des „Sterbegeschehens“ soll in einem weiteren Schritt auch kulturgeschichtlich ausgewertet werden – dies unterblieb allerdings im Tagungsvortrag, sodass sich bei vielen Anwesenden der Eindruck einstellte, dass hier zu viele Ressourcen für einen zu geringen empirischen Ertrag eingesetzt wurden.

DOROTHEE WIERLING wiederum benutzte genau die bei Rass vermisste kulturgeschichtliche Methodik, um ein umfangreiches Briefkonvolut um die bekannte Publizistin Lilly Braun auszuwerten. Besonders interessant ist dabei, wie die Personen aus dem bildungsbürgerlichen Milieu versuchten, den Tod im Feld mit Sinn zu versehen. Diesen entdeckten sie in den meisten Fällen im heldenhaften Tod, ja als quasi antike Opferung.

Der zweite Abendvortrag nahm sich der Geschichte des Tagungsortes an. Mit viel Liebe zum Detail erzählte GERD STEINWASCHER den leicht ermüdeten Zuhörern die Geschichte der Stadt Wilhelmshaven von der Gründung im 19. Jahrhundert, zum bedeutenden Marinestützpunkt und letztlich zum gegenwärtigen Zustand und den Problemen, die sich aus dem Abzug der Marine ergaben.

Am letzten Tag wurden die Deutungen des Krieges zum Thema gemacht. In den ersten beiden Vorträgen standen die beiden einflussreichen Deutungsagenturen, die beiden christlichen Kirchen, im Vordergrund. Während JULIA CAROLINE BOES sich dem Bistum Hildesheim annahm und nach den Konsequenzen des Krieges für die verschiedenen Diasporagemeinden im mehrheitlich protestantischen Gebiet fragte, fragte DIETRICH KÜSSNER nach dem Niederschlag des Krieges in kirchlichen Quellen in verschiedenen protestantischen Gemeinden Braunschweigs. Boes legte dabei vor allem eine Institutionengeschichte in schwerer werdender Zeit vor (sodass die Frage nach den Deutungen etwas in den Hintergrund rückte). Küssner hingegen nutzte seinen Vortrag vor allem dafür, die aktuelle Geschichtskultur zu kritisieren und darauf hinzuweisen, dass in den Gemeinden schon während des Krieges auch die unermessliche Gewalt, ja gar die Kriegsgreuel zum Thema gemacht wurden, die immer noch nicht Eingang in die Schulbücher gefunden hätten.

DAVID CIARLO schloss die Tagung mit dem letzten Vortrag. Er stellte seine Lesweise von Werbeanzeigen vor und während des Krieges vor, anhand derer er nachzuweisen suchte, dass zwar nicht jeder ein Augusterlebnis erlebt habe, dass dieses aber gerade auch durch die kommerzielle Werbung, in der der Kaiser, Soldaten und bald auch schon (phallisch präsentierte) Waffen überproportional häufig vertreten waren, visuell ubiquitär verbreitet wurde – und damit zur kulturellen Vorbereitung des Kriegs beitrug. Unterhaltsam und analytisch dicht gelang es Ciarlo diese „Hegemonie der Vision kriegerischer und kriegstechnischer Motive“ als integralen Bestandteil der die Tagung bestimmenden Leitfigur der „Kriegskultur“ zu kennzeichnen.


In der von CORNELIA RAUH geleiteten Schlussdebatte wurde vor allem auf Desiderata dieser ohnehin schon umfangreichen Tagung hingewiesen. Bei der Konzentration auf die „Kriegskultur“ fielen all jene, die sich dieser verweigerten, aus dem Raster, so eine Stimme aus dem Plenum. Darüber hinaus wurde ein Einbezug der Literatur in die Betrachtung von „Kriegskultur“ gefordert. Außerdem wurde nochmals das Plädoyer nach flüssigeren Zäsuren geäußert, die auch schon Ciarlo in seinem Beitrag wählte: Was seit Sommer 1914 zu beobachten war, war keinesfalls in allen seinen Bestandteilen neu – und endete dann auch nicht 1918!

Tagungsablauf:
Arnd Reitemeier u. Dirk Schumann, Einführung

Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft
Antje Strahl, Stabilisierung statt Wachstum. Zum Perspektivwechsel in der mecklenburgischen Landwirtschaft 1914/15
Stephan Lehnstaedt, Kriegsverwüstungen und die Notwendigkeit der "Nutzbarmachung" im besetzten Polen 1914/15

Stadt und städtische Gesellschaft 1
Christoph Nübel, Kriegsbereit - Mobilmachung und Selbstmobilisierung in Münster, 1914/15
Diana Schweitzer, "Vom Hafen an die Front, vom Herd in die Fabrik, von der Schule auf das Feld..." Kriegsbedingte Wandlungen innerhalb der Lübecker Arbeiterschaft 1914/15?

Abendvortrag
Roger Chickering, Wann wird der Krieg total?

Stadt und städtische Gesellschaft 2
Harald Lönnecker, "Auf in den Krieg, voran zum deutschen Sieg!" Vom akademischen Normal- zum Ausnahmezustand in den Hochschulstädten Göttingen, Braunschweig und Hannover 1914/15
Trude Maurer, Integration in die Volksgemeinschaft oder Exklusivität. Die Angehörigen deutscher und russischer Universitäten in der Anfangsphase des Ersten Weltkriegs
Verena Dohrn, "Der Aufstieg war sehr schön, nur ist es hier neblig." Osteuropäisch-jüdische Migranten in Deutschland zu Beginn des Ersten Weltkriegs

Gesundheit und Geschlecht
Maria Hermes, Zwischen Mobilmachungsneurose und Hysterie. Psychiatrie in Bremen zu Beginn des Ersten Weltkriegs
Susanne Michl, 1914: Etablierung einer neuen Geschlechterordnung? Die Debatten deutscher und französischer Ärzte im Vergleich

Trauer
Christoph Rass, Die Stadt als Erfahrungsraum des Todes auf dem "Schlachtfeld" in der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges
Dorothee Wierling, Kriegsgewalt in der Familienkommunikation 1914/15 - das Beispiel der Familie Braun 

Abendvortrag
Gerd Steinwascher, Wilhelmshaven-Rüstringen. Glanz und Elend einer preußisch-oldenburgischen Doppelstadt im Ersten Weltkrieg

Deutungen
Julia Caroline Boes, Die Anfangsphase des Ersten Weltkriegs im Bistum Hildesheim
Dietrich Küssner, Die Anfangsphase des Ersten Weltkriegs im Spiegel von Kirchenchroniken, Gemeindebriefen und Amtskonferenzen in der Braunschweigischen Landeskirche
David Ciarlo, Marketing War. German Visual Advertising 1910-1916

Schlussdiskussion (moderiert durch Cornelia Rauh)

Dienstag, 29. April 2014

Auf Stimmungenfang. Ulrike Edschmids Roman "Das Verschwinden des Philip S." (Aktion: Blogger schenken Lesefreude)

Während die akademische Geschichtsschreibung sich schwer damit tut, Stimmungen einzufangen – der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat erst in seiner aktuellen Arbeit zur Latenz einen theoretisch begründeten Anfang zu ihrer möglichen wissenschaftlichen Analyse gemacht –, so hat die in aus der Zeitgeschichte ihre Themen beziehende Literatur hier einen klaren Vorteil. Sie muss sich weniger um Quellen und die Frage der empirischen Überprüfbarkeit stellen, ihre Plausibilität ergibt sich aus der erzählten Fabel und der dazu verwendeten erzählerischen Mittel.

Autobiographisch fundierte Literatur nimmt dazu noch die Autorität des Zeitzeugen für sich in Anspruch. Wenigen Romanen gelingt es wohl derart überzeugend eben die Stimmungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre so überzeugend einzufangen – und darzustellen – wie Ulrike Edschmid in ihrem Buch „Das Verschwinden des Philip S.“ Einzig Uwe Timms „Heißer Sommer“ ist darin eventuell noch vergleichbar, im Gegensatz zu Timms Erzählhaltung, der sich mit gekonnter Ironie im Erzähmodus der Komödie bewegt, ist bei Edschmid wenig Komisches oder Ironie zu finden.

Edschmid lässt den Leser eine Tragödie nachvollziehen. Den Weg des Filmstudenten Philip S. Von formalen Experimenten auf der Leinwand und privaten Aufbrüchen mit dem Ziel einer Neugestaltung von Familienleben und Kindererziehung hin zum Terrorismus der 1970er Jahre. Äußerst überzeugend gestaltet Edschmid dabei die Position der (wiederum autobiographisch) gefärbten Ich-Erzählerin, die diesen Weg zunächst mitgeht, irgendwann jedoch – vor allem in Sorge um das eigene Kind – aus der Gewaltspirale ausbricht und nur noch beobachten kann, wie Philip S. den Gang in die Illgelität antritt und letztlich in einer Schießerei mit Polizisten stirbt.

Mit Nostalgie für die Aufbruchjahre der 1960er und mit zunehmendem Unverständnis darüber, was daraus folgte, beschreibt Edschmid den Abschied ihres Lebensgefährten aus dem vermeintlich richtigen Leben im so empfundenen falschen um sie herum. Die entsprechenden zeitgeschichtlichen Ereignisse, die die Radikalisierung der späten 1960er Jahre bedingten, werden benannt (die Erschießung Ohnesorgs, die Schlacht am Tegeler Weg etc.), die entsprechenden zeithistorischen Personen treten auf (wobei auffällt, dass z.B. Rudi Dutschke nie beim Namen genannt, sondern nur als „Studentenführer“ deklariert wird, eine Zuschreibung, die er selbst – auch wortwörtlich – immer wieder für sich abgelehnt hat) und die Stimmung dieser Zeit wird, jedenfalls für jemanden, der sie nicht miterlebt, sondern nur aus der Forschung und aus zeitgenössischen Berichten kennt, sowohl faktisch überzeugend als auch stilistisch gekonnt dargestellt. Dabei fällt vor allem Edschmids gelungene Beschreibung der Verflechtungsgeschichte der Studentenbewegungen der Bundesrepublik und Italiens auf, die erst seit kurzer Zeit auch Teil einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser Zeit ist (Vgl. die Habilitation von Petra Terhoeven).

Edschmids Roman ist ein Buch, das für jeden zu empfehlen ist, der sich mit der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte beschäftigt und der nach den Gründen für den Terrorismus der 1960er Jahre fragt. Dass Edschmid – die nicht nur als Chronistin, sondern auch als Beteiligte – die Ursache vor allem bei einer Überreaktion der staatlichen Stellen zu Beginn des kulturellen Aufbruchs sieht, der Terrorismus von RAF und den vergleichbaren Gruppen so nur eine ebenfalls gewaltsame Reaktion auf Hausdurchsuchungen, Überwachungen, Beschlagnahmungen und Festnahmen erscheint, macht ihr Buch auch zu einem Thesenroman, über dessen Grundannahmen diskutiert werden kann und muss. Sollten weitere Diskussionsbeiträge ebenso gekonnt und lesenswert ausfallen, kann darin nur eine begrüßenswerte Entwicklung gesehen werden.

Rezension zu:
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S., Berlin 2013. Seit des Verlags

Erwähnte weitere Werke:
Uwe Timm, Heißer Sommer, München 1998. (Zuerst 1974; das frühe Erscheinungsdatum legt wohl auch noch eher die Erzählform der Komödie nahe – der „Deutsche Herbst“ war so noch nicht Teil der Erfahrungswelt des Autors) Seite des Verlags
Hans Ulrich Gumbrecht, Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart, Berlin 2012. Seite des Verlags
Petra Terhoeven, Deutscher Herbst in Europa. Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales Phänomen, München 2014. Besprechung bei HSozKult


Die Besprechung dieses Buchs erfolgt im Rahmen der Aktion „Blogger schenken Lesefreude.“ Das Buch wird nach der Besprechung einem interessierten Leser zur Verfügung gestellt. Die 1960er Jahre waren eine Zeit, in der es auch – siehe die auch im Roman vorkommenden Raubdrucke – um eine Demokratisierung des Wissens ging. Teil dieser Demokratisierung von Wissen und Bildung der Gegenwart sind die in zahlreichen Städten aufgestellten Bücherboxen. In diesen können nicht mehr benötigte Bücher weiteren Lesern zur Verfügung gestellt werden, um sie vor dem Altpapiercontainer zu bewahren. Dieses Exemplar von Edschmids Roman wurde in der Bücherbox am Engelborsteler Damm in Hannover deponiert und findet so hoffentlich weitere interessierte Leser.


Zu den öffentlichen Bücherboxen/Bücherschränken siehe auch den entsprechenden Eintrag bei  Wikipedia

Dienstag, 22. April 2014

Tante Emma hat ausgedient - König Kunde bedient sich selbst!

Vor den Osterfeiertagen konnte man sie wieder einmal beobachten: Lange Schlangen an den Supermarktkassen. Kleine Kinder, die mit schon rot verweintem Gesicht nach den verkaufspsychologisch durchdacht platzierten Süßwaren quengeln, den schimpfenden Herren, der sich über die langsame Abfertigung mokiert, und die ältere Dame, die sich die Münzen von der Kassiererin aus ihrem Portemonnaie suchen lässt und dabei von früher erzählt. Und während man darauf wartet, den eigenen bescheidenen Einkau bezahlen zu dürfen, fragt man sich, welcher Innovationen und Lernprozesse es bedurfte, damit es gegenwärtig derart diszipliniert und routiniert abläuft im Flaggschiff des Lebensmitteleinzelhandels.

Mit ihrer nun veröffentlichten Dissertation „Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland“ lässt Lydia Langer uns mit derartigen Gedanken nicht allein, sondern bereitet sie quellengesättigt und theoriestark auf - und leistet so einen fundamentalen Beitrag sowohl zur westdeutschen Konsum- als auch zur Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte des bundesrepublikanischen Einzelhandels. Am Beginn der Arbeit steht dabei die Verwunderung darüber, dass ein derart umfassender, ja „revolutionärer“ Prozess, wie die Einführung der Selbstbedienung, die nicht nur von Ladendesignern und Einzelhändlern, sondern auch von Personal und Kunden, ein völlig neues Verständnis des Einkaufs erforderte, vergleichsweise konfliktfrei hat verlaufen können. Zwar gab es auf allen Ebenen immer wieder Widerstände gegen die Selbstbedienung, letztlich verhindert werden konnte sie nicht, und sobald sie akzeptiert wurde, folgten ihre weitreichenden Strukturveränderungen im Einzelhandel auf dem Fuße: Vom kleinformatigen Lebensmittelladen, über den Supermarkt hin bis zum überdimensionierten Verbrauchermarkt auf der grünen Wiese innerhalb von zwanzig Jahren!

Langer gelingt es ihr umfangreiches Material geschickt aufzubereiten; ihre grundlegende Frage ist, welches Wissen von den verschiedenen Akteuren benötigt wird, um kompetent mit der Selbstbedienung umgehen zu können, auf welchen Wegen dieses Wissen erworben wurde und wer die Übertragungsinstanzen für dieses Wissen waren. Daraus entwickelt sie die These, dass man keinesfalls von einer reinen Übernahme US-amerikanischer Muster sprechen könne, sondern dass sich eine spezifisch (west-)deutsche Form des Selbstbedienungseinzelhandels entwickelt habe. Diese These ist sicher ebenso richtig, wie sie allgemein auch schon vor Langers quellenreicher Arbeit (z.B. von Schröter) formuliert wurde. 

Was mir fehlt, ist jedoch die genaue Darstellung dessen, welche nun die spezifisch deutschen Elemente dessen sind, was wir heute im Supermarkt beobachten können. Auch erscheint mir die Zäsur 1973 als Endpunkt der Studie nicht hinreichend begründet: War dieses Jahr, das augenblicklich gerne zur generellen Zäsur innerhalb der Zeitgeschichte stilisiert wird, auch für den Einzelhandel derart bedeutsam, dass davon ausgegangen werden kann, dass damit die „Revolution“ (die immerhin ohne Fragezeichen im Titel steht) als abgeschlossen gelten kann? Genügt der quantitative Befund, dass von da an ein Großteil der westdeutschen Einkäufe in Selbstbedienung getätigt wurden?

Rezension zu: Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln 2013 (= Kölner Historische Abhandlungen 51).

Dienstag, 4. März 2014

Kunsthandwerk und Kriegshandwerk: 100 Jahre Erster Weltkrieg. Fundstücke zu Geschichte und Rezeption 2

Liest man autobiographische Zeugnisse und die aus ihnen hervorgegangenen immer noch lebensgeschichtlich gefärbten literarischen Verdichtungen zum Kriegs- und insbesondere Frontalltag des Ersten Weltkriegs, so sind Gewalt, Tod und das Töten des Gegenübers nicht das Einzige, immer wiederkehrende bedrückende Element. Hinzu kommt die Langeweile, das Warten darauf, dass etwas passieren möge und sei es auch noch so schrecklich.
Es liegt nahe, diese Zeit der Langeweile füllen zu wollen und eine Art, wie das geschah, war die sogenannte Schützengrabenkunst. Jedes noch so unzureichend bestückte Museum zur Geschichte des Ersten Weltkriegs watet mit kunsthandwerklichen Stücken aus Soldatenhand auf: Federhalter aus Patronen, Gefäße aus Granaten und dergleichen, anrührend-kitschigem Tand mehr. Doch wurde auch mit mehr oder weniger selbstbewussten Zugriff gezeichnet und gemalt. Die wahrlich ungeheuren Potentiale, die der Erste Weltkrieg bei prominenten Künstlern hervorgerufen hat, sind vielfach beschrieben worden. Doch nicht nur die Prominenz der Kunstgeschichte, versuchte, bildend dem Krieg Herr zu werden. 
Die hier vorliegende Quelle ist der Versuch eines Landsers, sich mit eher bescheidenen materiellen und sicher auch eben solchen artistischen Mitteln der Kriegslandschaft anzunehmen.  "Schützengraben-Drahtverhau in Wolhynien, 1917". Gezeichnet wurde es von einem C. Fischer aus Kiel (über Informationen zum Urheber wäre ich durchaus dankbar).  
Schaut man sich die Komposition des Bildes an, so wird deutlich, dass das Ganze - auf laienhaftem Niveau - vergleichsweise souverän konstruiert ist: Im Hintergrund, verwaschen, eine Baumgruppe ohne sichtbare Einwirkungen des Krieges. Im Vordergrund der titelgebende Stacheldraht, detailreicher gezeichnet als Einbruch des modernen Krieges in eine Landschaft der dunklen Romantik.

Freitag, 3. Januar 2014

100 Jahre Erster Weltkrieg – Fundstücke zur Geschichte und Rezeption 1: Der Krieg in Latenz. Hans Willi Linkers „Spiel in Flandern“

Vorrede: In loser Folge sollen zum Jubiläumsjahr verschiedene Quellen vorgestellt werden, die in Bezug zum Ersten Weltkrieg stehen: Romane, Erzählungen, Berichte, Bilder und so weiter. Dabei geht es mir vor allem darum, Material vorzustellen, das noch nicht so bekannt ist. Ob sich so ein neuer Blick auf den Ersten Weltkrieg und seine Rezeptionsgeschichte werfen lässt? Wir werden es sehen.


Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein junger deutscher Soldat wird mit seinem – natürlich – burschikosen Adjutanten bei einer flandrischen Familie einquartiert, verliebt sich prompt in die junge Blondine des Hauses, was selbstredend besonders einfach ist, da man ja zuvor feststellen konnte, dass man „eines Stammes“ (S. 19) ist, es kommt zum Kuss und dann zur rührenden Abschiedszene, weil Robert Schmidt, genannt Bob, an die Front zurückmuss.

So weit, so gut, und nicht weiter besonders. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich herausragend für die Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg zur Zeit des Erscheinens (Erstauflage von 1936; meine Auflage – es ist die 9. - von 1943) dieses kaum fünfzigseitigen Bändchens. Ebenso betulich-biedermeierlich wie die Geschichte sind auch die beigegebenen Holzschnitte.

Was auffällt, ist zunächst der Untertitel: „Eine Novelle aus dem grossen Krieg“. Kann man die Gattungsbezeichnung „Novelle“ vielleicht noch nachvollziehen, will der Autor uns doch die Liebe in Zeiten des Krieges als jene unerhörte Begebenheit verkaufen, derer es dafür bedürfe, so wird man doch beim zweiten Teil der Beschreibung stutzig. Nicht nur, dass der Krieg im Grunde eine geringere Rolle spielt, als nahegelegt wird, bildet er doch nur das Hintergrundrauschen, von dessen Leiden der Autor bewusst nicht sprechen will („[...] ich will es schlummern lassen unter der warmen Decke des Heute.“, S. 6), sondern die Benennung als „großer Krieg“ verwundert denjenigen, der sich mit der Erinnerungsgeschichte an den Ersten Weltkrieg auskennt: Grande Guerre und Great War sind Begriffe für den Ersten Weltkrieg aus dem französischen oder anglophonen Sprachraum; in Deutschland selbst wird er eher nicht als der Große Krieg erinnert. Dass dies wohl vor allem an den Schrecken des Zweiten Weltkriegs liegt – eine nicht allzu gewagte These – verdeutlicht dieses eher unscheinbare Büchlein, dass, vor 1939 erschienen, mit der Bezeichnung „großer Krieg“ noch wie selbstverständlich auf die Zeit zwischen 1914 und 1918 rekurrierte.

Was findet sich sonst noch an interessantem in der Novelle, wo doch die Fabel eher mager ist. Der mehrfach verbalisierte Wunsch des Vergessens der Kriegsleiden zugunsten der auch während des Krieges möglichen schönen Stunden wäre ein interessantes Element. Anders als die pazifistische Literatur von Remarque, Barbusse etc., die gerade aus der Schilderung des Leids die moralische Verpflichtung des „Nie wieder!“ ableitete, geht Linker genau den entgegengesetzten Weg: Der Krieg wird als unausweichliche Katastrophe potraitiert, der Leser erfährt nicht, dass ausgerechnet Belgien, das Land, in dem sich der Protagonist so wohl fühlt, wo er – natürlich, dem biedermeierlichen Anstrich des gesamten Büchleins entsprechend – Claudius' Mondgedicht zu Gehör bringt und damit seine „Gastgeber“ zu Tränen rührt, im Zuge des Schlieffenplans vom Deutschen Reich ohne Kriegserklärung angegriffen wurde. Statt dessen erfährt er, dass auch in einer Welt des Krieges, der nur latent im Hintergrund bleibt, glückliche Stunden möglich sind und genossen werden können. Und macht nicht erst diese vorgebliche Möglichkeit zum persönlichen Glück im großen Krieg den nächsten Krieg überhaupt erst möglich? Sicher lassen sich so auch die hohen Verkaufsziffern für die Novelle und die vielen Wiederauflagen – insbesondere nach 1939 – erklären.


Besprechung zu:
Hans Willi Linker, Spiel in Flandern.Eine Novelle aus dem grossen Kriege, Gütersloh 91943.

„Alles besagt etwas“. Zu Karl Schlögels neuem Essayband "Grenzland Europa"

„Alles besagt etwas“ - was in einem der hier versammelten Essays eher nebenher gesprochen daherkommt, und trotz dieser scheinbaren Nebensächlichkeit nichts von seiner apodiktischen Schärfe einbüßt, kann gleichsam auch als Schlögels Forschungsprogramm gelten. Dieses „Alles“ findet sich eben nicht nur dort, wo man es vermutet, wo man für gewöhnlich nach nach dem Geschichtsträchtigem sucht, sondern überall; es verwundert deshalb auch nicht, wenn Schlögel insbesondere mit den Transformationsstudien hart ins Gericht geht, die ihrerseits kopflastig nach Veränderungen im System suchten, die kleinen, alltäglichen Wandlungen darüber aber nicht zu sehen vermochten und so nur zu wenig validen und vor allem substanzlosen Beiträgen gelangten.

Schlögel hingegen, der unermüdliche Flaneur durch Zeiten und Räume (insbesondere Osteuropas), geht genau dorthin, wo sich diese Wandlungen zuerst bemerkbar machten; und mit der ihm eigenen Sprachmagie gesegnet gelingt es ihm beinahe spielerisch den Leser auf diese Zeit-Reisen mitzunehmen. Man folgt ihm gerne, betrachtet staunenden Blicks die Polenmärkte Ende der 1980er Jahre in Berlin und anderswo in Osteuropa, wundert sich mit ihm über die Warenströme von Bernstein aus dem Baltikum bis Plastikwaren aus China, begibt sich in die Abflughallen osteuropäischer Flughäfen, in denen Destinationen angeschlagen stehen, die selbst dem Kenner – und als solchen gibt sich Schlögel nicht immer uneitel zu verstehen – unbekannt sind, und lernt so vieles über eine Europäisierung von unten jenseits des virulenten Krisendiskurses.

Genau diese Verwunderung vermag Schlögel produktiv zu wenden, aus seiner Irritation gewinnt er den Willen zum Verständnis dessen, was geschah. Man kann sich nur vorstellen, wie Schlögel Seite um Seite in seinem Notizbuch füllend durch Städte reist, am heimischen Schreibtisch die Aufzeichnungen mit zuvor gemachten Beobachtungen vergleicht und aus den so diagnostizierten Unterschieden Narrative bildet. Den dezent nostalgischen Blick auf das grenzenlose Europa vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs kontrastiert Schlögel gekonnt mit den gegenwärtigen Entwicklungen Europas; für bahnbrechende Errungenschaften des Europäisierungsprozesses hat er zuweilen nur ein wohlwollend-müdes Lächeln übrig. So weit waren wir doch schon mal, vor nunmehr mehr als hundert Jahren....

Sympathisch sind auch die wiederholt eingestreuten Splitter aus der eigenen vierzigjährigen Forschungstätigkeit; Schlögel beweist sich nicht nur als begnadeter Erzähler der Geschichte, sondern auch als vorbildlicher autobiographischer Aphoristiker, dem es gelingt, aus dem eigenen Erleben die Quintessenz von Strukturen, Ereignissen und Zäsuren deutlich zu machen. Jedem, der das überprüfen möchte, seien die Szenen ans Herz gelegt, in denen Schlögel den Aufwand für das Versenden seiner gesammelten Bücher aus der Sowjetunion in die Heimat schildert.

Gerade diese kurzen Episoden lassen den Leser hoffen, dass Schlögel die Zeit finden möge, aus diesen kurzen Beschreibungen einmal ein größeres autobiographisches Werk zu verfassen.


Rezension zu: Karl Schlögel, Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München 2013.

Sonntag, 28. Juli 2013

Cold War revisited: Georg Schilds Studie zum gefährlichen Jahr 1983

Um nichts weniger als um eine generelle Akzentverschiebung in der zeitgeschichtlichen Betrachtung des Kalten Krieges geht es dem Tübinger Zeithistoriker und Amerikaspezialisten Georg Schild in seinem neuen Band zum Jahr 1983. Die Grundthese der Studie ist dabei schnell referiert und sie steht auch schon im Titel: Nicht die sonst häufig in den Blick genommenen Ereignisse - der Korea-Krieg und die Berlin-Blockade, der Mauerbau und die Kubakrise - seien die eigentlich gefahrenträchtigen Situationen des Kalten Krieges gewesen. Nein, 1983 war - so Schild - das "gefährlichste Jahr des Kalten Krieges."

Pünktlich zum 26.09.2013, dem 30jährigen Jubiläum der Verhinderung eines Atomkriegs durch die besonnene Reaktion des Offiziers Petrows, der die computergenerierte Warnung vor einem amerikanischen Angriff als das ansah, was sie war - ein Fehlalarm -, erscheint Schilds Buch, das ihm so sicher die jahrestagsübliche Popularität bescheren wird. Doch auch abgesehen davon ist Schilds lesenswert für jeden, der sich für die Geschichte des Kalten Krieges interessiert - ist die Studie doch im besten Sinne "thought provoking".

Worum es dem Autoren geht, wird schnell deutlich: Während die Konflikte vor den 1980er Jahren allesamt auf einer Grundlage erfolgten, in der beide Supermächte keine Eskalation wollten und auch von der jeweils anderen Seite wussten, dass sie ebenfalls nicht auf einen Krieg hinarbeite, ging diese Sicherheit in den 1980er Jahren verloren: So sahen die US-Amerikaner im sowjetischen Einmarsch in Afghanistan einen expansionistischen Akt, wohingegen die sowjetische Führung ihn nur als defensiven Versuch zur Eindämmung des politischen Islams sah (und auch nicht verstehen konnte, wie die USA daraus ein Bedrohungspotential ableiten konnte).

Eine ähnliche Entwicklung (freilich mit veränderten Vorzeichen) beobachtet Schild für die amerikanische Raketenabwehrtechnologie SDI: Die us-amerikanische Administration unter Reagan beschrieb eine derartige Technik als defensive Maßnahme gegen einen eventuellen Erstschlag der Sowjetunion; diese wiederum vermochte darin nichts anderes zu erkennen als die Vorbereitung eines amerikanischen Erstschlags auf Ziele in der Sowjetunion, der so massiv erfolgen würde, dass die nicht durch die Raketen ausgeschalteten sowjetischen Zweitschlagswaffen durch das neue Abwehrsystem abgefangen würden - ein Atomkrieg erschien so führ- und auch gewinnbar; eine gänzliche Neuerung im Vergleich zur vorher geltenden Logik der Mutual Assured Destruction.

Die zunehmende Unsicherheit über die Ziele des jeweiligen Kontrahenten führte laut Schild nun dazu, dass zum ersten Mal der Kalte Krieg wirklich Gefahr lief, ein heißer zu werden. Nicht mehr Rationalität und Verhandlung, sondern lediglich Missverständnisse und Fehleinschätzungen prägten das Bild der internationalen Beziehungen zwischen den beiden Supermächten. Und somit ist es auch nicht erstaunlich, dass nur der Zufall letztlich der Grund war, warum es nicht zum Ausbruch des atomar geführten, Dritten Weltkriegs kam.

Äußerst überzeugend gelingt Schild die Begründung seiner These, nimmt den Leser mit auf einen Parforceritt durch die Geschichte des Kalten Krieges und zeigt dabei, dass er zupackend und gewinnend schreiben kann. Dass dabei zuweilen Wiederholungen auftreten, soll an dieser Stelle nur unter der Hoffnung der optimierten Lernleistung durch häufiges Lesen verbucht werden.

Rezension zu:
Georg Schild, 1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges, Paderborn u.a. 2013.