Dienstag, 4. März 2014

Kunsthandwerk und Kriegshandwerk: 100 Jahre Erster Weltkrieg. Fundstücke zu Geschichte und Rezeption 2

Liest man autobiographische Zeugnisse und die aus ihnen hervorgegangenen immer noch lebensgeschichtlich gefärbten literarischen Verdichtungen zum Kriegs- und insbesondere Frontalltag des Ersten Weltkriegs, so sind Gewalt, Tod und das Töten des Gegenübers nicht das Einzige, immer wiederkehrende bedrückende Element. Hinzu kommt die Langeweile, das Warten darauf, dass etwas passieren möge und sei es auch noch so schrecklich.
Es liegt nahe, diese Zeit der Langeweile füllen zu wollen und eine Art, wie das geschah, war die sogenannte Schützengrabenkunst. Jedes noch so unzureichend bestückte Museum zur Geschichte des Ersten Weltkriegs watet mit kunsthandwerklichen Stücken aus Soldatenhand auf: Federhalter aus Patronen, Gefäße aus Granaten und dergleichen, anrührend-kitschigem Tand mehr. Doch wurde auch mit mehr oder weniger selbstbewussten Zugriff gezeichnet und gemalt. Die wahrlich ungeheuren Potentiale, die der Erste Weltkrieg bei prominenten Künstlern hervorgerufen hat, sind vielfach beschrieben worden. Doch nicht nur die Prominenz der Kunstgeschichte, versuchte, bildend dem Krieg Herr zu werden. 
Die hier vorliegende Quelle ist der Versuch eines Landsers, sich mit eher bescheidenen materiellen und sicher auch eben solchen artistischen Mitteln der Kriegslandschaft anzunehmen.  "Schützengraben-Drahtverhau in Wolhynien, 1917". Gezeichnet wurde es von einem C. Fischer aus Kiel (über Informationen zum Urheber wäre ich durchaus dankbar).  
Schaut man sich die Komposition des Bildes an, so wird deutlich, dass das Ganze - auf laienhaftem Niveau - vergleichsweise souverän konstruiert ist: Im Hintergrund, verwaschen, eine Baumgruppe ohne sichtbare Einwirkungen des Krieges. Im Vordergrund der titelgebende Stacheldraht, detailreicher gezeichnet als Einbruch des modernen Krieges in eine Landschaft der dunklen Romantik.

Freitag, 3. Januar 2014

100 Jahre Erster Weltkrieg – Fundstücke zur Geschichte und Rezeption 1: Der Krieg in Latenz. Hans Willi Linkers „Spiel in Flandern“

Vorrede: In loser Folge sollen zum Jubiläumsjahr verschiedene Quellen vorgestellt werden, die in Bezug zum Ersten Weltkrieg stehen: Romane, Erzählungen, Berichte, Bilder und so weiter. Dabei geht es mir vor allem darum, Material vorzustellen, das noch nicht so bekannt ist. Ob sich so ein neuer Blick auf den Ersten Weltkrieg und seine Rezeptionsgeschichte werfen lässt? Wir werden es sehen.


Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein junger deutscher Soldat wird mit seinem – natürlich – burschikosen Adjutanten bei einer flandrischen Familie einquartiert, verliebt sich prompt in die junge Blondine des Hauses, was selbstredend besonders einfach ist, da man ja zuvor feststellen konnte, dass man „eines Stammes“ (S. 19) ist, es kommt zum Kuss und dann zur rührenden Abschiedszene, weil Robert Schmidt, genannt Bob, an die Front zurückmuss.

So weit, so gut, und nicht weiter besonders. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich herausragend für die Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg zur Zeit des Erscheinens (Erstauflage von 1936; meine Auflage – es ist die 9. - von 1943) dieses kaum fünfzigseitigen Bändchens. Ebenso betulich-biedermeierlich wie die Geschichte sind auch die beigegebenen Holzschnitte.

Was auffällt, ist zunächst der Untertitel: „Eine Novelle aus dem grossen Krieg“. Kann man die Gattungsbezeichnung „Novelle“ vielleicht noch nachvollziehen, will der Autor uns doch die Liebe in Zeiten des Krieges als jene unerhörte Begebenheit verkaufen, derer es dafür bedürfe, so wird man doch beim zweiten Teil der Beschreibung stutzig. Nicht nur, dass der Krieg im Grunde eine geringere Rolle spielt, als nahegelegt wird, bildet er doch nur das Hintergrundrauschen, von dessen Leiden der Autor bewusst nicht sprechen will („[...] ich will es schlummern lassen unter der warmen Decke des Heute.“, S. 6), sondern die Benennung als „großer Krieg“ verwundert denjenigen, der sich mit der Erinnerungsgeschichte an den Ersten Weltkrieg auskennt: Grande Guerre und Great War sind Begriffe für den Ersten Weltkrieg aus dem französischen oder anglophonen Sprachraum; in Deutschland selbst wird er eher nicht als der Große Krieg erinnert. Dass dies wohl vor allem an den Schrecken des Zweiten Weltkriegs liegt – eine nicht allzu gewagte These – verdeutlicht dieses eher unscheinbare Büchlein, dass, vor 1939 erschienen, mit der Bezeichnung „großer Krieg“ noch wie selbstverständlich auf die Zeit zwischen 1914 und 1918 rekurrierte.

Was findet sich sonst noch an interessantem in der Novelle, wo doch die Fabel eher mager ist. Der mehrfach verbalisierte Wunsch des Vergessens der Kriegsleiden zugunsten der auch während des Krieges möglichen schönen Stunden wäre ein interessantes Element. Anders als die pazifistische Literatur von Remarque, Barbusse etc., die gerade aus der Schilderung des Leids die moralische Verpflichtung des „Nie wieder!“ ableitete, geht Linker genau den entgegengesetzten Weg: Der Krieg wird als unausweichliche Katastrophe potraitiert, der Leser erfährt nicht, dass ausgerechnet Belgien, das Land, in dem sich der Protagonist so wohl fühlt, wo er – natürlich, dem biedermeierlichen Anstrich des gesamten Büchleins entsprechend – Claudius' Mondgedicht zu Gehör bringt und damit seine „Gastgeber“ zu Tränen rührt, im Zuge des Schlieffenplans vom Deutschen Reich ohne Kriegserklärung angegriffen wurde. Statt dessen erfährt er, dass auch in einer Welt des Krieges, der nur latent im Hintergrund bleibt, glückliche Stunden möglich sind und genossen werden können. Und macht nicht erst diese vorgebliche Möglichkeit zum persönlichen Glück im großen Krieg den nächsten Krieg überhaupt erst möglich? Sicher lassen sich so auch die hohen Verkaufsziffern für die Novelle und die vielen Wiederauflagen – insbesondere nach 1939 – erklären.


Besprechung zu:
Hans Willi Linker, Spiel in Flandern.Eine Novelle aus dem grossen Kriege, Gütersloh 91943.

„Alles besagt etwas“. Zu Karl Schlögels neuem Essayband "Grenzland Europa"

„Alles besagt etwas“ - was in einem der hier versammelten Essays eher nebenher gesprochen daherkommt, und trotz dieser scheinbaren Nebensächlichkeit nichts von seiner apodiktischen Schärfe einbüßt, kann gleichsam auch als Schlögels Forschungsprogramm gelten. Dieses „Alles“ findet sich eben nicht nur dort, wo man es vermutet, wo man für gewöhnlich nach nach dem Geschichtsträchtigem sucht, sondern überall; es verwundert deshalb auch nicht, wenn Schlögel insbesondere mit den Transformationsstudien hart ins Gericht geht, die ihrerseits kopflastig nach Veränderungen im System suchten, die kleinen, alltäglichen Wandlungen darüber aber nicht zu sehen vermochten und so nur zu wenig validen und vor allem substanzlosen Beiträgen gelangten.

Schlögel hingegen, der unermüdliche Flaneur durch Zeiten und Räume (insbesondere Osteuropas), geht genau dorthin, wo sich diese Wandlungen zuerst bemerkbar machten; und mit der ihm eigenen Sprachmagie gesegnet gelingt es ihm beinahe spielerisch den Leser auf diese Zeit-Reisen mitzunehmen. Man folgt ihm gerne, betrachtet staunenden Blicks die Polenmärkte Ende der 1980er Jahre in Berlin und anderswo in Osteuropa, wundert sich mit ihm über die Warenströme von Bernstein aus dem Baltikum bis Plastikwaren aus China, begibt sich in die Abflughallen osteuropäischer Flughäfen, in denen Destinationen angeschlagen stehen, die selbst dem Kenner – und als solchen gibt sich Schlögel nicht immer uneitel zu verstehen – unbekannt sind, und lernt so vieles über eine Europäisierung von unten jenseits des virulenten Krisendiskurses.

Genau diese Verwunderung vermag Schlögel produktiv zu wenden, aus seiner Irritation gewinnt er den Willen zum Verständnis dessen, was geschah. Man kann sich nur vorstellen, wie Schlögel Seite um Seite in seinem Notizbuch füllend durch Städte reist, am heimischen Schreibtisch die Aufzeichnungen mit zuvor gemachten Beobachtungen vergleicht und aus den so diagnostizierten Unterschieden Narrative bildet. Den dezent nostalgischen Blick auf das grenzenlose Europa vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs kontrastiert Schlögel gekonnt mit den gegenwärtigen Entwicklungen Europas; für bahnbrechende Errungenschaften des Europäisierungsprozesses hat er zuweilen nur ein wohlwollend-müdes Lächeln übrig. So weit waren wir doch schon mal, vor nunmehr mehr als hundert Jahren....

Sympathisch sind auch die wiederholt eingestreuten Splitter aus der eigenen vierzigjährigen Forschungstätigkeit; Schlögel beweist sich nicht nur als begnadeter Erzähler der Geschichte, sondern auch als vorbildlicher autobiographischer Aphoristiker, dem es gelingt, aus dem eigenen Erleben die Quintessenz von Strukturen, Ereignissen und Zäsuren deutlich zu machen. Jedem, der das überprüfen möchte, seien die Szenen ans Herz gelegt, in denen Schlögel den Aufwand für das Versenden seiner gesammelten Bücher aus der Sowjetunion in die Heimat schildert.

Gerade diese kurzen Episoden lassen den Leser hoffen, dass Schlögel die Zeit finden möge, aus diesen kurzen Beschreibungen einmal ein größeres autobiographisches Werk zu verfassen.


Rezension zu: Karl Schlögel, Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent, München 2013.

Sonntag, 28. Juli 2013

Cold War revisited: Georg Schilds Studie zum gefährlichen Jahr 1983

Um nichts weniger als um eine generelle Akzentverschiebung in der zeitgeschichtlichen Betrachtung des Kalten Krieges geht es dem Tübinger Zeithistoriker und Amerikaspezialisten Georg Schild in seinem neuen Band zum Jahr 1983. Die Grundthese der Studie ist dabei schnell referiert und sie steht auch schon im Titel: Nicht die sonst häufig in den Blick genommenen Ereignisse - der Korea-Krieg und die Berlin-Blockade, der Mauerbau und die Kubakrise - seien die eigentlich gefahrenträchtigen Situationen des Kalten Krieges gewesen. Nein, 1983 war - so Schild - das "gefährlichste Jahr des Kalten Krieges."

Pünktlich zum 26.09.2013, dem 30jährigen Jubiläum der Verhinderung eines Atomkriegs durch die besonnene Reaktion des Offiziers Petrows, der die computergenerierte Warnung vor einem amerikanischen Angriff als das ansah, was sie war - ein Fehlalarm -, erscheint Schilds Buch, das ihm so sicher die jahrestagsübliche Popularität bescheren wird. Doch auch abgesehen davon ist Schilds lesenswert für jeden, der sich für die Geschichte des Kalten Krieges interessiert - ist die Studie doch im besten Sinne "thought provoking".

Worum es dem Autoren geht, wird schnell deutlich: Während die Konflikte vor den 1980er Jahren allesamt auf einer Grundlage erfolgten, in der beide Supermächte keine Eskalation wollten und auch von der jeweils anderen Seite wussten, dass sie ebenfalls nicht auf einen Krieg hinarbeite, ging diese Sicherheit in den 1980er Jahren verloren: So sahen die US-Amerikaner im sowjetischen Einmarsch in Afghanistan einen expansionistischen Akt, wohingegen die sowjetische Führung ihn nur als defensiven Versuch zur Eindämmung des politischen Islams sah (und auch nicht verstehen konnte, wie die USA daraus ein Bedrohungspotential ableiten konnte).

Eine ähnliche Entwicklung (freilich mit veränderten Vorzeichen) beobachtet Schild für die amerikanische Raketenabwehrtechnologie SDI: Die us-amerikanische Administration unter Reagan beschrieb eine derartige Technik als defensive Maßnahme gegen einen eventuellen Erstschlag der Sowjetunion; diese wiederum vermochte darin nichts anderes zu erkennen als die Vorbereitung eines amerikanischen Erstschlags auf Ziele in der Sowjetunion, der so massiv erfolgen würde, dass die nicht durch die Raketen ausgeschalteten sowjetischen Zweitschlagswaffen durch das neue Abwehrsystem abgefangen würden - ein Atomkrieg erschien so führ- und auch gewinnbar; eine gänzliche Neuerung im Vergleich zur vorher geltenden Logik der Mutual Assured Destruction.

Die zunehmende Unsicherheit über die Ziele des jeweiligen Kontrahenten führte laut Schild nun dazu, dass zum ersten Mal der Kalte Krieg wirklich Gefahr lief, ein heißer zu werden. Nicht mehr Rationalität und Verhandlung, sondern lediglich Missverständnisse und Fehleinschätzungen prägten das Bild der internationalen Beziehungen zwischen den beiden Supermächten. Und somit ist es auch nicht erstaunlich, dass nur der Zufall letztlich der Grund war, warum es nicht zum Ausbruch des atomar geführten, Dritten Weltkriegs kam.

Äußerst überzeugend gelingt Schild die Begründung seiner These, nimmt den Leser mit auf einen Parforceritt durch die Geschichte des Kalten Krieges und zeigt dabei, dass er zupackend und gewinnend schreiben kann. Dass dabei zuweilen Wiederholungen auftreten, soll an dieser Stelle nur unter der Hoffnung der optimierten Lernleistung durch häufiges Lesen verbucht werden.

Rezension zu:
Georg Schild, 1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges, Paderborn u.a. 2013.

Freitag, 22. März 2013

Dissertationsbeifang – Kuriosita aus den Recherchen zur Do-it-yourself-Bewegung in der Bundesrepublik I: Das Leiden der Frauen



Die Arbeit an meiner Dissertation zur Do-it-yourself-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 fördert zuweilen Quellenkuriosita zutage, von denen nicht sicher ist, ob sie am Ende auch Gegenstand der Ausführungen werden können. In ihrer ungewollten, zeitbedingten Komik verdienen sie es aber dennoch, präsentiert zu werden, wenn nicht in wissenschaftlicher, so doch vielleicht in impressionistisch-essayistischer Manier. Heute soll der Anfang gemacht werden.

Wir befinden uns im Jahr 1958; an einem Sommertag im Juni versammelt sich eine Schar prominenter WirtschaftswissenschaftlerInnen aus verschiedenen Ländern  – von Schweden bis Nigeria – in der beschaulichen Schweiz und unterhält sich über die zukünftigen Potentiale des Do-it-yourself-Gedankens. 

Insbesondere die anwesenden Frauen weisen auf die Gefahren dieses Phänomens hin:

Frau E. Heyman (GB): „Sie weist auch darauf hin, was eine Familie unter einem ‚Do-it-yourself‘-Enthusiasten zu leiden hat. Es bleibt in der Regel der Gattin überlassen, die Unordnung wieder aufzuräumen, die ihr Mann verursacht hat.“

Dagegen Frau E. Hirsch (USA), die zuvor schon ein Referat über die Do-it-yourself-Bewegung in den Vereinigten Staaten gehalten hat: „„Als Beispiel der ‚Do-it-yourself‘-Bewegung zitiert sie den Fall, wo die Ehefrau in der Bastler-Werkstatt nicht zugelassen wird und somit auch nicht aufzuräumen braucht.“

Frau Goes aus Dänemark wiederum pflichtet Frau Heyman zu: „Frau Groes stimmt mit Frau Heyman darin überein, dass die Gattin unter der ‚Do-it-yourself‘-Bewegung zu leiden hat.“

Nun wendet sich aber Herr Brüschweiler aus der neutralen Schweiz an die versammelten Damen und legt den Konflikt bei: „Verschiedene Damen haben sich in der Diskussion darüber beklagt, dass das ‚Do-it-yourself‘ lediglich dazu führe, dass die Frauen nachher die vom Mann hinterlassene Unordnung aufräumen müssen. Dazu kann er nur sagen: Meine Damen, Sie haben ihre [sic!] Männer schlecht erzogen.“

Was lernen wir daraus: Erziehung ist die Basis einer guten Beziehung!

Gefunden in:  G. Törnqvist (Tagespräsident), Diskussion zu: „Do-it-yourself“ in Gegenwart und Zukunft. 10.Juli 1958. TeilnehmerInnen: R. Brüschweiler (Schweiz), J. Hirsch (USA), G. Kroebel (Deutschland), J.Walter (USA), L. Williamson (Großbritannien). Leitung: J. Thygesen (Dänemark), in:  Donald Brinkmann (Hrsg.), „Do-it-yourself“ und der Handel, Rüschlikon 1958 (= Schriftenreihe der Stiftung „Im Grüene“ 10), S. 45-56.

Montag, 18. März 2013

Ein Historiker auf Reisen I: Malta


Jedem, der seiner Profession ganz erlegen ist, wird es wohl so gehen, dass er auch im Urlaub nicht von ihr lassen kann: Der ambitionierte Zoologe wird wohl auch am Ferienort Wälder, Wiesen und sonstige Landschaft durchstreifen – immer auf der Suche der Echse, dem Insekt, ja vielleicht gar dem Warmblütler, den er bislang noch nicht in seinem natürlichen Habitat hat bewundern und katalogisieren können; ein ebensolcher Ingenieur wird – jedenfalls in meiner Vorstellung – auch in seinem Frühlings- oder Sommerdomizil daran gehen, sich Brückenkonstruktionen, interessante bauliche Lösungen für lokale geologische Gegebenheiten oder Dergleichen anzusehen; ganz zu schweigen von den Sozialwissenschaftlern, die einen Teil ihrer sicher nicht allzu reichlich gesäten Urlaubszeit dazu verwenden dürften, Elendsviertel, Slums aber auch Gated Communities einer sich andauernd als bedroht empfindenden Mittel- oder Oberschicht zu beschreiben und sie für sich (und für die bedauernswerten Mitgereisten) zu analysieren.

Dem Historiker geht es ähnlich, stößt doch auch er, egal wo er sich befindet, auf genau das, was ihn interessiert: Geschichte! Verbringt man seine Tage auf Malta recken einem schon aus jedem Souveniershop die putzigsten Plastikritterchen ihre Schwerter entgegen, wie zum Ausweise der eigenen historischen Bedeutung. Eben diese möchte ich ihnen und den gewieften Andenkenhändlern auch nicht nehmen, nur interessiert mich persönlich das Mittelalter eher herzlich wenig (auch wenn Rüstungen und Waffen durchaus das nicht allzu sehr mit dem Mantel des Erwachsenseins umgürtete Kind in mir zu Begeisterungsstürmen hinzureißen vermögen.) Als Zeithistoriker interessiert unsereins doch vielmehr die historische Gewordenheit des gegenwärtigen Zustands von Staat und Gesellschaft (ganz zu schweigen von Kultur): Warum zum Beispiel funktioniert hier ein preisgünstiges öfffentliches Nahverkehrssystem mit Buspreisen nahe der Kostenlosigkeit, wo bei uns jede Fahrplanänderung Preiserhöhungen nach sich zieht, die tatsächlich schmerzhaft sind?

Aber auch weniger soziolpolitische, sondern kulturgeschichtliche Fragen wären von Interesse: Eine Erklärung für die zahlreich vorhandenen streunenenden Hauskatzen zum Beispiel ließe sich sicher geschichtswissenschaftlich herleiten und vielleicht interessante Ergebnisse zutage fördern. (Vielleicht sogar kulturvergleichend? Warum sind es anderswo eher streunende Hunde?) Die Interpretation, dass dies die Nachfahren von im Zweiten Weltkrieg in den Städten zurückgelassenen Stubentigern seien, während Herrchen und Frauchen in den Schutz des ländlichen Hinterlandes flohen, wäre ein Ansatz. Ob er trägt?

Überhaupt der Zweite Weltkrieg! Wie in ganz Europa und darüber hinaus müssen gerade die Jahre von Besatzung, andauernden Angriffen zunächst der Italiener später der Luftwaffe und den anschließenden Vorbereitungen der britischen Landung auf Sizilien eine prägende Zeit gewesen sein, die sicher Stoff für zahlreiche sozialgeschichtliche Studien bereithalten. (Gleiches gilt sicher für die Rolle Maltas als alliiertes Spionagezentrum – mit reichlich Material für den ein oder anderen Agententhriller: Feuchtheiße Bunker, ausgestattet mit der damals neuesten Nachrichtentechnik, wackere Männer und Frauen, die in der widrigen Umgebung an der Entschlüsselung der Nachrichten der Achsenmächte arbeiten, und Einmannerkundungstrupps zur Küste Siziliens, um dort die geeigneten Küstenabschnitte zum Angriff auszumachen.)

Die gegenwärtige Geschichtsschreibung zu Malta im Zweiten Weltkrieg scheint allerdings noch stark von einer technikverliebten und auf Schlachtenverläufe abzielenden britischen Tradition geprägt zu sein. Informationen über die Gesellschaft im Krieg müssen dabei schon zwischen den Zeilen und in Unterkapiteln verborgen gesucht und gefunden werden.

Mittwoch, 6. März 2013

Geschichte im Computerspiel. Über eine neue Forschungskonjunktur

Wie es scheint, kommt nun langsam die Generation, die wenigstens einen Teil ihrer Jugend mit Computerspielen verbracht hat, in das Alter, wo man daran geht, akademische Qualifikationsarbeiten zu schreiben. Waren vor einigen Jahren noch die Arbeiten zu "Geschichte im Comic" derart zahlreich, dass es wohl eines Zaubertranks bedurft hätte, um sie alle auch nur oberflächlich wahrzunehmen, droht ein gleiches Schicksal nun den Computerspielen.

Notdürftig mit fachdidaktischem Vokabular bemäntelt - wie z.B. mit dem geradezu inflationär verwendeten Begriff der 'Geschichtskultur' - gehen nun ehemalige und aktive Gamer (auffälligerweise handelt es sich tatsächlich größtenteils um "Wissenschaftler" männlichen Geschlechts) daran, ihr Hobby zur Wissenschaft zu machen. Hanebüchene Fragestellungen und in allen Einleitungstexten wiedergekäute unbedingt zu beseitigende Desiderate werden aufgestellt und dann mehr oder weniger sachkundig bearbeitet. Welche Epochen werden besonders häufig für die Konzeption von Spielen verwendet? Welches Geschichtsbild wird vermittelt? Kann man durch Computerspiele lernen?

An dem Punkt, an dem es interessant wird, bricht man ab: Nein, welche Wirkungen die vermittelten Inhalte auf die Rezipienten haben, könne nicht beantwortet werden. Wirkungsforschungen seien kompliziert und überhaupt sprängen sie das (freilich selbst entworfene!) Forschungsdesign. Grandiose, die Wissenschaft ungemein voranbringende Erkenntnisse sind die Folge: Neben Antike und Mittelalter ist vor allem der Zweite Weltkrieg (inzwischen aber auch vermehrt der Erste) in den Spielen anzutreffen...Wunderbar! Halten wir also fest: Krieg eignet sich als Thema für Computerspiele ganz ungemein. (Ich bin bei Gott kein Experte für Computerspiele, bekomme ich doch vom Spielen schnell Kopfschmerzen, aber die besondere Attraktivität kriegerischer Auseinandersetzungen für Spiele habe ich mir durchaus auch vor der Lektüre vorstellen können - bedarf es doch immer eines Konflikts, um jedes Spiel interessant zu machen; von Schach, über Mensch ärgere dich nicht, bis eben zu dem, was der Computer uns ermöglicht.)

Und der Lerneffekt? Nun ja, mit dem sei es auch nicht so weit her und überhaupt: Man darf die Spieleindustrie auch nicht mit didaktischen Maßstäben messen! Ganz meine Meinung, aber dann tut es doch bitte auch nicht unentwegt. Computerspiele sind eine Ware auf dem hart umkämpften Unterhaltungsmarkt und auch als solche zu analysieren. Warum nicht mal branchen- oder unternehmensgeschichtliche Studien, um überhaupt einmal zu fragen, warum Geschichte derart interessant für die Produzentenseite ist? Und wenn schon von Geschichtskultur gesprochen wird, dann bitte auch nicht nur von den möglichen Medien, die diese transportieren (eben den Spielen!), sondern durchaus auch von den Rezipienten, die mit dieser umgehen. Dass dies durchaus eigensinnig geschehen kann, dass der Rezipient niemand ist, der blind übernimmt, was ihm dargereicht wird, sind letztlich Erkenntnisse, die sich von der Literaturwissenschaft durch alle anderen Kultur- und Geisteswissenschaften ziehen.

Genau diese Grundannahme sollte das Forschungsvorhaben bestimmen.